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Berlin überragend

Ahmed Awny
Foto einer Kunstharz Skulptur des Künstlers Mohamad Omran . Ein wartender mann mit Sonnenbrille sitzt au einer Treppe.
© Mohamad Omran, aus der Serie Waiting, Acrylharz (2016)

Text anhören, vorgelesen von Melika Foroutan:

1

Ich habe eine Lüge in die Welt gesetzt und sie dann auch noch selbst geglaubt.

Ich habe meinen Mitbewohnern erzählt, ich müsse nach Kairo zurück, mein Vater sei plötzlich erkrankt. Es war eine Lüge. Eigentlich hätte ich mich schon mit einer Sympathiebekundung zufriedengegeben, doch nun erlaubte man mir sogar, ein untranchiertes Huhn in unserem Kühlschrank zu verstauen, obwohl es an sich verboten war, ganze Tiere dort zu lagern.

Daraufhin ging ich noch weiter. Ich tat, als ob ich mir große Sorgen um meinen Vater machte, und „vergaß“ dabei, dass die Reise der Hochzeit meiner Schwester galt. Doch plötzlich wurde mir mulmig zumute, ein Argwohn machte sich in mir breit, für den ich keine Erklärung fand: Was, wenn man mich bei meiner Ankunft am Flughafen Kairo festnimmt?

Der Taxifahrer, der mich in Berlin zum Flughafen brachte, war ein Bio-Deutscher. Obwohl dieses Faktum Besseres verhieß als die halsbrecherische Fahrerei eines Türken oder auch die Fahrt mit einem Araber, der sich sofort anerboten hätte, mir bei der Suche nach einer lausigen Beschäftigung in Berlin behilflich zu sein, ließ die helle Hautfarbe des Fahrers die unvermeidliche Frage erahnen, bei der ich nie weiß, ob sie neugierig oder spöttisch gemeint ist:

„Was tun Sie denn in Berlin?“

Noch bevor der Fahrer seine Frage loswurde, stellte ich mich schlafend. Zu spät. Die Frage war in mir, auch mit geschlossenen Augen. Bereit, ausgesprochen zu werden, würde sie bald auf der Zunge aller Hochzeitsgäste meiner Schwester liegen, wie in einem Geschichtenreigen. Was sollte ich ihnen antworten? Dass Berlin ein hübsches Bett in einem Hotel ist, wohin ich nach Jahren dumpfer Schlaflosigkeit in Kairo gereist bin und wo ich Bier trinke, die Sauna frequentiere und nackt in den Seen der Umgebung bade, und all das mit Genuss? Wer könnte, was immer seine Hautfarbe, in einer solchen Antwort ein Leiden erkennen?

Die Mail meiner Schwester kam da wie eine Rettung.

„Entrümple dein Telefon gründlich. Übertreib’s nicht, aber vergiss auch nichts“, schrieb sie, als wollte sie mir dabei behilflich sein, meine Lüge Wahrheit werden zu lassen. Sie erwähnte auch einen Verwandten von uns, der allein deshalb in den Knast wanderte, weil er eine Meldung über Folter auf einem Polizeiposten kommentiert hatte.

„Stell dir einfach vor, der Polizist wäre ein Gast und dein Telefon ein Haus, das du für diesen Gast so herzurichten hast, dass er dich für einen anständigen Menschen hält. Wenn ihm gleich bei der Tür Seifengeruch und Parfümduft entgegenschlagen, könnte er argwöhnen, das Haus wäre extra für ihn in Ordnung gebracht worden.“

Warum ich Ägypten verlassen habe? Weil mir das ständige Nebeneinander von Angst und Hoffnung dort unerträglich geworden war. Selbst Kinder, die ja eigentlich Vergnügungsparks lieben, ertragen nicht jeden Tag gleich nach dem Aufstehen und noch vor dem Frühstück eine Achterbahnfahrt.

Warum ich jetzt nach Ägypten zurück fahre, wo ein entrümpeltes Handy darüber entscheidet, ob ich an der Hochzeit meiner Schwester teilnehmen darf oder für wer weiß wie viele Jahre ins Gefängnis wandere?

Diese Fragen überfielen mich, nachdem ich aus dem Taxi gestiegen war. Also setzte ich mich am Eingang des Flughafens Berlin-Brandenburg neben mein Gepäck, nahm eine Beruhigungspille und machte mich daran, mein Smartphone zu entrümpeln, obwohl ich genau wusste, dass das ein vergebliches Unterfangen war. Eine vollständige Entrümpelung wäre verdächtig, also konnte ich weder die Apps noch die Bilder löschen, wie ich mir vorgenommen hatte. Sollte ich etwa alle meine Gespräche mit Aktivisten, Menschenrechtlern, Künstlern oder Schriftstellern tilgen? Wird denn jemand verhört, nur weil man seinen Namen in den Kontakten seiner Freunde findet? Sollte ich sie alle löschen? Dann bliebe kein einziger Freund mehr in den Apps. Sollte ich auch nach verräterischen Wörtern suchen, die mich in Gefahr bringen? Tatsächlich gilt das für die meisten. Und wie ist es mit dem Suchverlauf? Selbst ich kann nicht erklären, warum ich jeden Tag, wenn ich im Park sitze, Videos über Inhaftierte in Ägypten anschaue.

„Was tun Sie denn in Berlin?“

Schließlich wirkte die Pille und ich beruhigte mich. Ich schnappte meine Taschen und ging zum Schalter der Airline. Dabei erinnerte ich mich daran, dass solche Durchsuchungen sehr selten sind und mein Name sicher nicht auf einer der Listen mit den Zielpersonen steht. Außerdem kann doch in Ägypten jedermann frei ein- und ausreisen, und das Land sollte in Bälde den Klimagipfel ausrichten. Doch dann erreichte mich die Mail eines erst vor Kurzem aus dem Gefängnis entlassenen Freundes. Er habe von meiner Schwester erfahren, ich käme nach Kairo, schrieb er, und ich solle ja nicht vergessen, ihn während meines Aufenthalts zu besuchen. Eine solche Mail könnte auch ankommen, während ein Kontrollbeamter mein Telefon auf seine „Sauberkeit“ hin überprüft, stellte ich mir vor. Was dann? Plötzlich erinnerte ich mich an diese alte Weisheit: Nur ein Narr fegt sein Haus während eines Sandsturms.

Ich bin nicht in das Flugzeug eingestiegen.

2

Ich habe drei Mitbewohner.

Der erste ist Sain, ein Palästinenser. Er lehnt die Hausordnung ebenso ab wie ich. Da sind wir gleicher Meinung: Wir trennen beide den Müll nicht. Ihn suchte ich bei meiner Rückkehr nicht auf, da unser Verhältnis etwas getrübt war seit jener Nacht, als ich ihn daran erinnerte, dass schon sein Vater in Deutschland geboren wurde, während er selbst behaupte, hier nur vorübergehend zu wohnen und in Bälde in sein Heimatland zurückzukehren. Ich reagierte etwas verärgert, vor allem wohl auf mich, und erklärte ihm etwas laut, der Mensch trage in jedem Augenblick Verantwortung für sein Leben, andernfalls verbringe er es in einem permanenten Provisorium.

Der zweite Mitbewohner ist Hassan, ein syrischer Schriftsteller, der Ukrainern gegenüber eine seltsame Animosität hegt. Sie hätten alle Schreibstipendien erhalten, um die er sich in den vergangenen Jahren beworben habe. Dadurch ist meine Sympathie für ihn geschwunden, was ich ihm aber nicht zu gestehen wage. Im vergangenen Jahr hatte er mich mal zu einer syrischen Demonstration mitgenommen. Dort hat mich die Aggressivität überrascht, die die Teilnehmer in ihren Slogans auf Deutsch zum Ausdruck brachten. Es klang, als seien sie, seit ihnen in Syrien das Dach überm Kopf zerstört wurde, obdachlos. Der Hauptslogan hat mich dagegen beeindruckt: „Wir sind hier, und mit dieser Tatsache haben alle fertigzuwerden.“ Ich verstand sehr wohl, dass dieser Slogan nicht nur an die Deutschen gerichtet war, sondern auch an die Syrer, die eine klare Linie zwischen Vergangenheit und Zukunft ziehen sollten.

Wahrscheinlich wurde mir meine Abneigung gegenüber Hassan zwei Tage nach dieser Demonstration deutlich, während ich überlegte, ob ich mich einem ägyptischen Schweigemarsch anschließen solle, der die Freilassung der politischen Gefangenen in Ägypten forderte. Ich stand auf dem Gehsteig und versuchte vergeblich, irgendeinen Teilnehmer zu erkennen. Alle hatten sich unter Hüten oder hinter dunklen Brillen und Corona-Masken versteckt. Einige trugen sogar Perücken, um ihre Haarfarbe zu verbergen. Etwa eine halbe Stunde verbrachte ich so im Versuch, irgendjemanden an einer Geste oder einer Bewegung zu erkennen. Dann merkte ich, dass ich neben Botschaftsspitzeln stand, die darauf warteten, dass jemand zum Atmen die Maske vom Gesicht nahm und sie ihn mit ihren Handykameras fotografieren konnten. Ich verzog mich.

3

Bevor ich einschlief, buchte ich einen neuen Flug nach Kairo und fasste einen Entschluss, der meiner Meinung nach alle Probleme lösen würde: gleich nach dem Aufwachen einen Artikel, eine Erzählung, einen Roman oder eine Schmähschrift zu verfassen, wegen der man mir vorwerfen könnte, Nestbeschmutzung zu betreiben , und die meine Haltung klarstellen und das Verbot meiner Rückkehr zu einer Realität machen würde, nicht zu einem Dauerhorror. Dabei wäre es mir gleichgültig, ob der Artikel, die Erzählung, der Roman oder die Schmähschrift auch nur den geringsten literarischen oder politischen Wert hätte. Es müsste nur alles darin enthalten sein, was meiner Vorstellung nach aus meinem Smartphone gelöscht werden sollte.

Der Gedanke erlosch rasch, als Thomas die Wohnung betrat und auf sein Zimmer zusteuerte. Thomas ist mein dritter Mitbewohner und derjenige, den ich meinen einzigen Freund hier nennen würde, nur dass er alles, was ich sage, bewundert und zu allem, was ich tue, einfältig lächelt. Ich war nicht sicher, ob ich ihn überzeugen könnte, dass dieser wertlose Text für mich Grund genug wäre, in Deutschland Asyl zu beantragen. Wie könnte ich ihm klarmachen, dass es sich bloß um eine Möglichkeit handelt, eine sehr unwahrscheinliche, dass es ein Zufall wäre, wenn der Kontrollbeamte am Flughafen unter Tausenden von Telefonen gerade meines durchschnüffelte und in meinem Text Dinge entdeckte, die ihn wütend machen könnten.

4

Vielleicht war es die Wirkung der Beruhigungspille: Als ich aufwachte, war ich Berlin dankbar für die erste Nacht mit erholsamem Schlaf hier seit meiner Ankunft. So etwas passiert, wenn in deinen Augen eine Alternative aufscheint: Was du für alt und wichtig hältst, erlischt. Plötzlich war ich wütend auf Kairo und den Scherz meiner Schwester am Abend meiner Abreise nach Deutschland, diesen Scherz, an den ich mich erinnere, als hätte sie ihn gerade erst von sich gegeben:

„Keine deutsche Frau wird dich beachten; sie überragen dich alle.“

Es war wie eine Beleidigung, die ich erst nach zwei Jahren voll erfasste. Ich lag auf dem Bett und erinnerte mich an mein Tinder-Konto, reaktivierte es und ergänzte mein Porträt um meine Körpergröße von 166 Zentimetern, stellte mich also der Herausforderung, die ich in diesem Augenblick formulierte: Eine Berlinerin sollte mich mögen, eine echte Deutsche, die weder Englisch spricht noch im Kunst- oder Kulturbetrieb tätig ist, die weder als Asylanwältin arbeitet noch einen Magister in Politikwissenschaft oder Anthropologie besitzt, die „arabische Welt“ nicht ausspricht, als ob wir Araber aus dem Wunderland kämen. Zum Beispiel die Kassiererin im Supermarkt, die darüber nörgelt, dass ich meine Einkäufe so langsam in meiner Stofftasche verstaue und sich deshalb hinter mir eine Schlange bildet. Oder ihre Kollegin, die mir bei der Suche nach dem Teeregal half und deretwegen ich zwei Wochen im Zustand dauernder Schläfrigkeit verbrachte, bis ich merkte, dass das, was ich täglich trank, um mich wachzuhalten, Entspannungstee war. Oder auch die Kellnerin in der Bar, bei der ich nie sicher bin, ob sie mich übers Ohr haut, wenn sie mir einen Betrag nennt, den ich nicht gleich umrechnen kann, und ihr deshalb meine Kreditkarte überlasse, von der sie nach Belieben abhebt. Oder auch ihre Kolleginnen in anderen Bars, die nur Cash annehmen. Für diese bin ich immer mit hundert Euro in der Tasche ausgerüstet, die ich ihnen reiche, überzeugt, dass es mehr ist, als sie verlangen. Oder auch eine von den Frauen, die vor den Klubs Schlange stehen oder im Park joggen. Bei ihnen allen weiß ich, dass es die Sprache, nicht die Körpergröße ist, die sich zwischen uns stellt.

Nachdem ich planlos alle Mädchen auf der App geliked hatte, konnte ich nicht weiter auf das Telefon starren, um das zu erwartende rote Like-Zeichen abzuwarten. Ich stand auf, klopfte an Thomas‘ Tür und bat ihn zum ersten Mal um etwas:

„Wie hieß noch mal der Club, von dem du behauptet hast, man kenne Berlin nicht, ohne dort gewesen zu sein?“

„Berghain. Los, gehen wir“, kam die prompte Antwort.

In diesem Augenblick wurden wir Freunde und endlich machte er sich auch einmal über mich lustig: Mein Outfit gleiche dem eines Bankangestellten, behauptete er. Und endlich wurde er wütend, als ich mich über die Berliner lustig machte: Mit ihren dunklen Klamotten sähen sie aus, als müssten sie täglich in einem Leichenzug mitmarschieren. In der über einen Kilometer langen Warteschlange war ich guter Dinge. Ich warf mir rasch eine LSD-Pappe ein, die Thomas mir zugesteckt hatte. Vielleicht machte ihn das ja so nervös. Er sah es offenbar als seine Pflicht an, mich darauf hinzuweisen, dass die meisten Leute ins Berghain nicht beim ersten Anlauf reinkommen.

„Im Allgemeinen hat die Auswahl nichts mit dem Einzelnen zu tun“, erklärte er, als wollte er etwas Tröstliches sagen. „Es geht um die Mischung, die einen gelungenen Abend für alle verspricht. Mal lassen sie zum Beispiel einen amerikanischen Touristen durch und verwehren zweien nach ihm den Eintritt. Und für jede Frau im Kleid darf ein Mann mit Ohrring hinein. Das Verhältnis von Single-Männern zu Single-Frauen ist seit unserer Ankunft bei soliden Fifty-Fifty.“

Nach einer Stunde Warten ging Thomas allein ins Berghain.

5

Weil ich mich in Berlin wirklich nicht gut auskenne, wäre es wohl auch gelogen zu behaupten, etwas an den Straßen der Stadt hätte sich durch meinen LSD-Trip verändert.

Die Bäume waren noch immer grün, und zwar nichts als grün. Was die Passanten äußerten, war noch immer grob und völlig unmelodisch. Und auf den Straßen roch es noch immer nach nichts anderem als Döner. Die Veränderungen, die mir auffielen: Ich ragte einen ganzen Meter höher, weswegen ich mich bückte, als ich unter der Brücke hindurchging. Ich wanderte dahin ohne die Hilfe von Google-Maps, als würde ich die Straßen kennen, und ich führte mein erstes Tinder-Gespräch auf Deutsch, ohne die Hilfe eines Sprachtools. Ich bückte mich auch, als ich ihre Wohnung betrat. Aber wer saß da auf dem Sofa und erwartete mich? Ihr Mann, natürlich kleiner als ich in diesem meinem alles überragenden Zustand. Ein sprachliches Missverständnis hatte mich den Singular verstehen lassen, wo sie den Plural verwendete. Und im Chat verstanden sie mich so, als meinte ich sie beide, als wollte ich ihrer beider Körper mit der Zunge erkunden, als bewunderte ich ihrer beider Nacken, undsoweiter undsofort. Was man eben so schreibt und einen Augenblick später nicht mehr weiß, wie man es je schreiben konnte.

6

Im Taxi zum Flughafen war ich noch immer überragend und außerdem überzeugt, dass ich meine wahre Größe wie jedweder andere Reisende erst bei meiner Ankunft in Kairo erfahren würde. Die Wahrheit vermischte sich mit dem Albtraum: Ich war sicher, für die Hochzeit meiner Schwester und wegen der plötzlichen Erkrankung meines Vaters zurückzukommen, ohne mein Telefon von irgendetwas entrümpelt zu haben, weil ich mich auf die Frage des Fahrers vorbereitete.

„Was tun Sie denn in Berlin?“

Ich war gespalten zwischen zwei Lügen-Wahrheiten: Ich sei hier als Flüchtling oder ich sei hier zu Besuch.

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