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Eine Bekannte aus einer fernen Stadt

Abdul Wahid Rafee
Farbige, expressive Malerei, eine Büste mit Kette @ Jahan Ari Rafa
© Jahan Ari Rafa, Gefangene, mixed media auf Papier, 24 x 18 cm (2024)

Text anhören, vorgelesen von Melika Foroutan:

Wer aus Afghanistan kommt und in Berlin lebt, geht hin und wieder, mindestens jedoch einmal in der Woche, auf den Afghanen-Markt – sei es aus Langeweile oder aus Nostalgie. Eigentlich ist der Markt in vietnamesischer Hand, aber in einer Ecke haben Afghanen ein paar Läden und Lagerräume gemietet. Deshalb ist dieser Markt unter den Afghanen, die in Berlin und Umgebung leben, auch als Afghanen-Markt bekannt. Afghanische Händler, die den Geschmack ihrer Landsleute kennen, verkaufen hier Waren, die einer solchen Kundschaft zusagen: ein Joghurtgetränk namens Dogh, ein Barbari genanntes Hefefladenbrot mit Sesam und Schwarzkümmel, den als Naswar bekannten Kautabak, bis hin zu den bei Afghanen beliebten Dampfkochtöpfen und handgeknüpften Teppichen von den Basaren im Tschandawol-Viertel der Altstadt von Kabul.

Ich weiß nicht mehr, was ich auf dem Afghanen-Markt kaufen wollte, als ich an diesem Wochenende wie üblich dorthin aufbrach. Der S-Bahnhof Landsberger Allee war brechend voll. Die meisten Wartenden waren Vietnamesen oder Afghanen. Natürlich waren auch einige Frauen und Männer anderer Nationalitäten zu sehen, auch Deutsche gab es. In der Menge fiel mein Blick plötzlich auf eine Frau. Ihrem Gesicht nach musste sie mindestens fünfzig oder sechzig Jahre alt sein. Sie hielt einen Einkaufskorb in der Hand und trug einen Mantel, wie ihn viele migrantische Frauen bei Primark kaufen. Dieser Mantel sah nicht aus wie neu gekauft. Ich bemerkte, dass auch sie mich mit einer gewissen Neugier beobachtete. Ein- oder zweimal, als sich unsere Blicke trafen, schaute ich schnell wieder fort. Beim dritten oder vierten Mal ging ich auf sie zu und fragte auf Deutsch:

„Geht es hier zum Vietnamesen-Markt?“ Sie antwortete kurz auf Deutsch: „Ja, ja.“ Dann schaute sie mich an: „Afghane? Afghane?“ Auf Persisch erwiderte ich: „Ja, Sie auch?“ Wir lächelten uns zu. Dann antwortete sie noch einmal auf meine erste Frage: „Ja, hier muss man losfahren.“

An der Art, wie sie das Wort „hier“ aussprach, erkannte ich, dass sie aus Herat kommen musste. Für einen Augenblick brachte mich ihr Dialekt in diese Stadt zurück. Ich erinnerte mich an zwanzig unvergessliche Jahre, die ich in Herat verbracht habe, an die Gassen und Ecken dieser Stadt. Für einen Augenblick überfiel mich Schwermut. Während ich die Frau ansah, brachte die faltige Schönheit ihres Gesichts allmählich eine Person aus Herat und einer nicht sehr weit zurückliegenden Vergangenheit in meine Erinnerung. Die Person, an die ich dachte, war eine angesehene Ärztin und Direktorin eines öffentlichen Krankenhauses. Ich war Beauftragter für die Rechte von Gefängnisinsassen. Die Stimme der Frau unterbrach meine Gedanken: „Sind Sie neu angekommen?“ – „Ja“, antwortete ich und fragte zurück: „Und wie lang sind Sie schon hier?“ – „Etwas länger als ein Jahr.“ – „Gehören Sie zu denen, die mit dem Flugzeug hierhergebracht wurden“, fragte ich, „oder sind Sie über die Türkei und das Meer gekommen?“ – „Parwasi“, sagte sie, „mit dem Flugzeug.“

Wieder mussten wir beide lachen. Es war das Wort Parwasi, das uns über uns selbst lachen ließ. Parwasi – „die Eingeflogenen“. Dieses Wort war in den letzten zwei, drei Jahren in der afghanischen Community in Deutschland in aller Munde. Damit sind jene Migranten gemeint, die nach der Flucht des Präsidenten und dem Sturz der republikanischen Regierung durch die Taliban von der deutschen Regierung aufgenommen und im Rahmen eines Evakuierungsprogramms aus Kabul oder Islamabad oder auch einem anderen Drittstaat mit dem Flugzeug direkt nach Deutschland gebracht wurden. Parwasi-Migranten haben üblicherweise einen Hintergrund als Menschenrechtsaktivisten, als Journalisten für ausländische Medienunternehmen oder sie waren vermutlich hochrangige Beamte der ehemaligen afghanischen Regierung. Die meisten von ihnen wurden von der NATO mit Flugzeugen in die Vereinigten Staaten gebracht. Einige gelangten nach Kanada und Australien. Manche wurden von Frankreich und Deutschland aufgenommen. Die vielen afghanischen Migranten, die schon länger hier lebten und von denen die meisten erst nach einer langen Reise über Iran, die Türkei und Griechenland nach Deutschland gekommen sind, haben diesen Evakuierten nicht frei von Missgunst den Titel Parwasi verpasst.

Die Frau schaute mich an: „Ich wusste sofort, als ich Sie sah, dass ich Sie von irgendwoher kenne. Wo haben Sie gearbeitet?“ – „In Herat.“ – „Und wo dort?“ – „In der Kommission für die Überwachung der Gefängnisse.“ Eine gewisse Aufregung schwang in ihrer Stimme, als sie sagte: „Oh, ich erinnere mich, Sie waren ein Kollege der lieben Alia aus dem Frauengefängnis.“ – „Meinen Sie Alia Asisi?“ – „Ja, genau“, sagte sie. „Wie alt Sie geworden sind!“ – „Ja“, erwiderte ich, „die letzten zwei Jahre haben mich alt werden lassen.“

„Haben Sie irgendetwas von der lieben Alia gehört? Wissen Sie etwas über sie?“, fragte sie. „Leider nein. Ich habe nichts mehr von ihr gehört.“ – „Gott gebe, dass ich mich täusche; aber ich glaube nicht, dass man sie am Leben gelassen hat.“ – „Ja, insbesondere, weil sie eine Hazara-Frau war und die Leitung des Frauengefängnisses ein sehr sensibler Posten.“ – „Wie einfach es doch war, sich durch einen einzigen Telefonanruf täuschen zu lassen! Wie kann man diesen Leuten vertrauen? Und Sie wurden nicht angerufen?“ – „Doch“, erwiderte ich. „Dreimal haben sie bei mir angerufen, aber ich bin nicht hingegangen. Das war um dieselbe Zeit herum, als auch Alia ihren Anruf erhalten hatte. Gott sein Dank bin ich nicht hingegangen.“

Bevor die Taliban die Macht übernahmen, war Alia Direktorin des Frauengefängnisses. Wir hatten in der Kommission zur Überwachung der Gefängnisse miteinander zu tun. In den ersten Tagen nach dem Sturz der Regierung erhielt Alia einen Telefonanruf und wurde unter dem Vorwand einer Amnestie in eine Falle gelockt. Danach ist sie noch einmal zur Arbeit gegangen. Seitdem ist sie verschwunden.

Die Stimme der Frau unterbrach meine Erinnerung an Alia: „Wohnen Sie im Heim oder haben Sie eine Wohnung?“ „Im Heim“, sagte ich. „In Berlin eine Wohnung zu finden, grenzt an ein Wunder.“ Sie sagte: „In ganz Deutschland grenzt es an ein Wunder, aber in Berlin besonders! Wir haben einem Vermittler aus der Community Geld gegeben und eine Wohnung gefunden.“ – „Von diesen dubiosen Vermittlern bleiben wir Afghanen sogar hier in Deutschland nicht verschont.“ Sie lachte: „Wir haben keinen anderen Ausweg gesehen und fünftausend bezahlt. Jetzt hat er für uns eine Zweiraumwohnung gefunden. Ein Jahr haben wir im Heim gewohnt und sogar schon angefangen, uns daran zu gewöhnen. Wenn Sie können, sollten Sie ebenfalls versuchen, aus dem Heim rauszukommen. Man wird doch verrückt, wenn man Küche und Bad mit irgendwelchen fremden Leuten teilen muss.“

Das ständige Gerede über Heim und Wohnung ging mir schon eine ganze Weile auf die Nerven. Immer wenn mir jemand diese Frage stellte, versuchte ich, das Gespräch irgendwie in eine andere Richtung zu lenken.

Während sie sprach, ließ ich die Vergangenheit in meiner Erinnerung vorüberziehen. Das Krankenhaus und das Gefängnis kamen mir wieder in den Sinn. Und die Frau Direktorin, Leiterin eines öffentlichen Krankenhauses! Aber war das überhaupt möglich? Das passte nicht zusammen. Die Frau Direktorin war jung und hochgewachsen und hatte große Augen. In diesem Gesicht hier waren nur noch Spuren dieser Augen zu erkennen. Sie war vielleicht vierzig Jahre alt, aber ihr Gesicht sah aus wie das einer Frau von fünfundfünfzig oder sechzig Jahren!

Ich fragte: „Sind Sie wirklich Dr. Soraya? Die Dr. Soraya, die das große Krankenhaus in Herat geleitet hat?“ Sie lächelte mir zu: „Ja, das bin ich wirklich. Kaum zu glauben, oder?“

Ich konnte es wirklich nicht glauben. Ich war schockiert und erstaunt. Unfassbar, wie viel Charme und Glanz ein Mensch in nur zwei Jahren verlieren konnte. In demselben Maß, wie ihr Körper – in Herat würde man sagen: „an Saft verloren“ hatte, war sie, wie ich spürte, auch geistig ermüdet und erschöpft. Hilflosigkeit und Depression lagen in ihrer Stimme. In Herat, ihrer Stadt, war ihr Alltag ein ständiges Kommen und Gehen. Sie war eine Frau von Format, vornehm und eine berühmte Ärztin! Wenn man etwas von ihr wollte, musste man, wie die Deutschen sagen, erst einen „Termin“ vereinbaren. Sie stand den Behörden nahe und hatte hohe Ämter inne.

Jetzt steht eine blasse, gealterte Frau in abgetragener Kleidung vor mir. Die Ärztin, die ich einmal kannte, ließ sich von anderen die Autotür öffnen. Die Frau, die hier vor mir steht, hält einen Einkaufskorb in der Hand, voll mit Kartoffeln, Zwiebeln, Tomaten und anderem.

Einen Moment lang dachte ich darüber nach, was das Monster Krieg und Flucht dem Menschen antun kann.

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