Der Mullah will sein Geld

Text anhören, vorgelesen von Melika Foroutan:
Als es an die Tür zum Hof klopfte, ging das Leben im Haus gerade seinen üblichen Gang. Ein Monat war seit dem Ausbruch von Corona vergangen. Alle befanden sich in Quarantäne und die Schulen waren geschlossen. Zu Hause versuchte jeder sich irgendwie die Zeit zu vertreiben.
Als mein Vater positiv auf Corona getestet wurde, stieg auch sein Blutzucker und er klagte über Schmerzen in den Beinen. Er war eben erst aus dem Covid-19-Krankenhaus entlassen worden und nach Hause zurückgekehrt. Jetzt verbrachte er die Zeit damit, seine Beine fortwährend mit Olivenöl und manchmal auch mit einem Öl namens „Schersche“ einzureiben, das eigentlich gegen Haarausfall und Kahlköpfigkeit helfen soll. Das ganze Haus roch ständig nach Öl. Hin und wieder hustete er. Wenn sein trockener, quälender Husten einmal einsetzte, hielt er eine Zeit lang an und es klang, als sei bei einem Jeep der Schalldämpfer verstopft. Dann fiel er flach auf das Bett zurück und umklammerte mit einer Hand den Griff seines Spazierstocks, der ihm als Gehhilfe diente. Mit der anderen Hand hielt er sich keuchend am Bettrand fest.
Gegenüber saß meine Mutter an der Nähmaschine und nähte. Immer wieder riss der Faden. Dann schlug meine Mutter gegen die Nähmaschine und sagte: „Verflucht sei alles, was man gebraucht gekauft hat!“ Sie hob den Deckel an, nahm die Spule heraus, entfernte den gerissenen Faden und fädelte ihn wieder ein. Danach ratterte die Maschine erneut: Trrrrr-ratter Drrr-tack. Schon seit einer Weile hing ein Schild an unserer Hoftür, auf dem stand: „Näharbeiten für Damen- und Kinderbekleidung jeder Art“.
Für mich ging gerade das vierte Schuljahr zu Ende. Man hatte uns gesagt, dass der Unterricht online stattfindet und wir zu Hause lernen sollten, um nicht zurückzubleiben. Auch an diesem Tag, als jemand an die Tür zum Hof klopfte, hing ich gemeinsam mit Safar, der schon in der fünften Klasse war, über unseren Büchern und wir lernten Englischvokabeln. Er fragte auf Englisch und ich antwortete auf Persisch:
„Apple?“ – „Apfel.“ „Bread?“ – „Brot.“ „Tür!“ – „Door.“ Safar sagte: „Nein, ich habe Tür gesagt …“ Ich antwortete: „Door.“ Da klopfte es wieder an der Tür zum Hof. Safar zeigte nach draußen: „Ich habe gesagt, da klopft jemand an die Tür. Geh und mach auf.“
Jedes Mal, wenn es an unserer Hoftür klopfte, schickte meine Mutter einen von uns los, die Tür zu öffnen. Jedes Mal wälzte Safar diese Aufgabe auf mich ab. Und ich bin sicher: Wäre im Haus jemand gewesen, der jünger war als ich, hätte ich es genauso gemacht!
Ich rannte zur Hoftür und rief: „Wer ist da?“ Hinter der Tür sagte jemand: „Das Geld für den Mullah.“ Mir war klar, wer das war: Asrael.
Ein alter Mann zog jeden Monat von Haus zu Haus und trieb von allen im Dorf die monatliche Zahlung in Höhe von fünfzig Afghani für den Mullah ein. Er war klein und sah aus wie eine dieser gruseligen Zeichentrickfiguren – zum Fürchten und zum Lachen zugleich. Den größten Schrecken erregten jedoch seine roten, blutunterlaufenen Augen. Deshalb hatte Safar ihm den Namen des Todesengels Asrael gegeben. Mutter hat uns deshalb mehrmals getadelt: „Macht euch niemals über jemanden wegen seines Aussehens lustig!“
Dabei hatte dieser alte Mann ein rundes und molliges Gesicht, das beim Lachen einen kindlichen und liebenswerten Ausdruck annahm. Er trug einen grünen Turban auf dem Kopf und ein Tuch um den Hals. Er war sowohl der Gehilfe des Mullahs als auch Hausmeister der Moschee.
Während ich zurückrannte, rief ich: „Der Mullah will sein Geld!“
„Ist das Asrael?“, fragte meine Mutter. Sie lachte in sich hinein und sagte zu sich: „Herrgott, vergib mir! Immer habe ich mich über die Jungen geärgert, wenn sie ihn Asrael nennen, und jetzt habe ich ihn selbst so genannt.“
Meine Mutter schaute zum Vater. Er durchsuchte seine Taschen. „Ich glaube, ich habe kein Geld“, sagte er und fragte: „Hast du nicht fünfzig Afghani, die du ihm geben kannst?“
Meine Mutter begann die Fächer und Schubladen ihres Nähtisches zu durchsuchen. Während sie suchte, sagte sie: „Wo hatte ich den denn nur gesehen? Da war doch noch ein Fünfziger. Ach so, den habe ich gestern weggegeben, als man uns Brot gebracht hat.“
Mein Vater schaute zu mir rüber und zeigte auf den Kleiderhaken: „Schau mal in die Jackentaschen, ob da etwas ist.“
Ich fasste in die Jackentaschen meines Vaters. Ich zog allen möglichen Müll heraus und suchte zwischen den Papieren und Kärtchen nach einem Fünfziger, einem Zwanziger oder einem Hunderter. Das Einzige, was ich in all dem Kram nicht finden konnte, war Geld. Plötzlich tauchte zwischen zwei Papieren doch noch ein Zehn-Afghani-Schein auf. Mein Vater wartete derweil und schaute verwirrt und enttäuscht zu mir rüber. Er hielt seinen Spazierstock neben der Hüfte fest, als wollte er sich darauf stützen, um aufzustehen. Mit der anderen Hand durchsuchte er seine Hemdtaschen.
Im Hof klopfte es wieder an die Tür.
Meine Mutter schaute zu unserem Vater: „Beeil dich, Mann! Haben wir noch etwas da oder nicht?“
Von der anderen Seite rief mein Bruder: „Der ist hartnäckig. Er klopft schon wieder!“
„Ja, er geht nicht weg, bevor er nicht seinen Fünfziger bekommt“, sagte meine Mutter.
Vater antwortete: „Nein, ich habe nichts. Wenn ich etwas hätte, dann müsste es in diesen Taschen sein. Es ist wohl nichts mehr da.“
Lachend sagte meine Mutter: „Der Mullah hat wirklich Pech! Jedes Mal, wenn er kommt, haben wir kein Geld im Haus. Bleibt er heute wieder auf dem Trocknen sitzen?“
Safar kicherte: „Wir haben kein Geld und der Mullah sitzt auf dem Trocknen.“ Alle lachten und selbst meinem Vater entrang sich ein giftiges Gelächter. „Keine Ahnung“, sagte meine Mutter. „Es ist noch nie passiert, dass dieser Asrael kommt und wir Geld im Haus gehabt hätten. Nur einmal hatten wir Glück. Damals war die liebe Golafros gerade hier, als er kam. Diese arme und liebenswerte Seele hat uns etwas Geld gegeben, womit wir den Mullah bezahlen konnten. Gott sei Dank bringt wenigstens die Näherei etwas ein. Da kommt immerhin ein kleines bisschen zusammen.“
Vater schaute zu mir: „Hast du etwas? Komm, mein guter Junge. Leih uns etwas. Ich gebe es dir wieder.“
Safar lachte wieder und sagte in seiner schalkhaften Art: „Er gibt es dir wieder.“ Wir mussten beide lachen.
Mutter wandte sich an Vater: „Sogar deine Söhne haben jedes Vertrauen in dich verloren.“ Jetzt lachten wir alle drei.
Vater sah uns verwirrt an und wischte sich die Schweißtropfen von der Stirn.
Wieder klopfte es an die Tür. Mein Vater drehte sich zu mir: „Gib mir etwas aus deiner Sparbüchse. Ich gebe dir den doppelten Betrag zurück. Du gibst mir fünfzig, ich gebe dir hundert.“
Safar lachte erneut: „Genauso wie du es mir zurückgegeben hast. Hihihi.“ Zu mir gewandt sagte er: „Nimm dir ein Beispiel an meinen Erfahrungen! Wenn diese Rechnung aufginge, hätten wir schon mehrere Hundert eingenommen.“ Meine Mutter und ich mussten lachen.
Vater schaute mit einem solchen Blick zu Safar hinüber, dass ihm Lachen und Witze vergingen. Dann drehte er sich zu mir: „Komm, gib etwas aus deiner Sparbüchse. Dieser Kerl wartet. Ich gebe es dir wirklich wieder, versprochen!“ Er legte seine Hand über dem Herzen auf seine Brust. Mit der anderen Hand wischte er sich den Schweiß ab, der sich schon wieder auf seiner Stirn gesammelt hatte, und begann zu husten.
Ich zögerte noch, ob ich ihm etwas geben sollte. Dann fiel mein Blick auf unseren Vater. Er war ganz blass. Als sich unsere Blicke trafen, erfassten mich seine Augen wie ein Blitz. Ich sprang sofort auf. Meine Mutter hatte uns schon früher gewarnt: „Aufregung und Stress sind nicht gut für den Alten. Gott behüte, dass er wieder einen Anfall bekommt.“
Ich rannte zum Schrank und kramte zwischen den Büchern meine Sparbüchse hervor. Ich schüttelte sie ein paar Mal und das Klimpern der Münzen durchbrach die Stille. Auf einmal kam wieder etwas Leben ins Haus. Safar hatte inzwischen ein Messer aus der Küche geholt und zu zweit brachen wir die Sparbüchse auf. Münzen im Wert von fünf, zwei oder einem Afghani purzelten auf den Teppich – alles Münzen, die mein Bruder und ich von dem Taschengeld, das uns Mutter jeden Tag für die Schule gab, in die Sparbüchse gesteckt hatten. Wenn wir in die Schule gingen, bekamen Safar und ich jeweils fünf Afghani für Essen. Manchmal kauften wir uns davon ein Eis für zwei Afghani. Das meiste legten wir aber in unsere Sparbüchse. Wenn mein Bruder und ich uns doch einmal gemeinsam für fünf Afghani etwas zu essen kauften, steckten wir den anderen Fünfer in die Sparbüchse.
Mein Vater versuchte wieder sich aufzusetzen. Er hob seinen Spazierstock vom Boden auf und fragte uns zwischen Hustenanfällen: „Zählt nach, ob es fünfzig sind. Ich gebe euch hundert zurück, wenn ich Geld habe. Wie schaut es aus?“ Er klopfte sich noch einmal auf die Brust, direkt über dem Herzen, und der Rest seiner Worte ging im Husten unter.
Safar lachte erneut: „Wenn ich Geld habe!“
„Jetzt haben wir die Sparbüchse aufgebrochen“, sagte ich zu Safar. „Jetzt müssen wir es ihm auch geben.“ Wir zählten die Münzen aus der Sparbüchse – es waren alles zusammen zweiunddreißig Afghani. Ich sagte zu Vater: „Zweiunddreißig Afghani.“
„Behalt die zwei Afghani“, sagte mein Vater, „und leg den Zehner, den du aus meiner Jackentasche genommen hast, dazu.“ Mit dem Zehner, den ich in der Jackentasche des Vaters gefunden hatte, waren es vierzig. „Es fehlen immer noch zehn“, sagte ich.
In diesem Moment stand meine Mutter auf, griff nach dem Koran im Regal, öffnete das Tuch, in das das Buch eingewickelt war, und nahm einen Zehner raus. Sie hielt den Schein mit zwei Fingern fest und reichte ihn herüber wie eine Reliquie: „Diesen Zehner hatte ich als eine Gabe an Gott im Koran hinterlegt. Nimm ihn! Gott ist gnädig. Irgendwann werde ich einen anderen Zehner hineinlegen.“
Alles zusammen waren es jetzt fünfzig Afghani, dreißig in Münzen und die zwei Zehn-Afghani-Scheine.
Als ich an die Tür im Hof ging, sah ich einen alten Mann, der müde dasaß. Er sagte zu mir: „Hat es endlich geklappt? Ich dachte schon, ihr habt euer Geld im Brunnen vergraben.“ Dieser Sarkasmus ließ meinen Hass auf ihn noch größer werden. Ich schüttete ihm das Geld in die offene Hand und schlug die Tür so heftig zu, dass dem alten Mann hinter der Tür sicher das Grinsen verging.
Ich hatte den Hof noch nicht überquert, da hörte ich die Stimme meiner Mutter. Als ich ins Haus kam, hielt sie den Kopf unseres Vaters in ihren Händen. Er hustete nicht mehr. „Was ist los?“, schrie meine Mutter. „Was um Himmels Willen ist passiert? Sag doch etwas! Was ist los mit dir?“ Sie schlug ihm ins Gesicht. Mein Vater war kreidebleich. Stöhnend rief sie zu Safar: „Geh, hol Wasser! Lauf schnell!“ Safar rannte zur Küche.
Der Vater lag regungslos auf dem Teppich. Arme und Beine waren straff auf dem Boden ausgestreckt. Seine Augen leuchteten gen Himmel. Die Farbe war aus seinem Gesicht gewichen und auf seinen Lippen lag ein süßes Lächeln, als ob er schliefe. So sehr meine Mutter auch schrie, er reagierte nicht. Er atmete auch nicht mehr. Mir wurde gerade klar, dass dies der Anfall war, von dem Mutter immer gesprochen hatte. Ich schrie. Ich schrie noch einmal. Ich stand neben dem Körper meines Vaters und jammerte. Das Leben zu Hause kam zum Stillstand.

