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Eine Nacht für den Anführer

Ahmed Awny
Ein großer Dampfer auf dem Suezkanal, im Hintergrund sieht man Antike ägyptische Bauten.
© Amin-El-Dib, "A Journey to Egypt", Schwarz-Weiß Fotografie (1997)

Text anhören, vorgelesen von Melika Foroutan:

Juli 1956, Port Said

1

Es war durchaus nachvollziehbar, dass Gamal sich in Ägypten verliebte, nachdem er zum Anführer des Landes ernannt worden war. Obwohl: Ganz so stimmte das nicht. Denn genau genommen hatte Ägypten schon vorher etwas in ihm angeregt, etwas, das er bis dahin nicht gekannt hatte. Man könnte es „Anziehungskraft“ nennen. Eine Anziehungskraft, die eine volle Stunde vor seiner Amtseinführung plötzlich zu wirken begann, als er mit seinen Eltern und seiner Schwester Zeinab am Esstisch saß. In diesem Moment bedeutete Ägypten für ihn dasselbe wie für die anderen drei, jedoch beschäftigte er sich nicht weiter damit. Eine unterdrückte Wut hatte von ihm Besitz ergriffen, denn er hörte seiner Schwester dabei zu, wie sie jedes einzelne Wort ihres Vaters ins Englische übersetzte:

  • Wie sagt man „Kellnerin“, Zeinab?
  • „Waitres“, Papa.
  • Und „Koch“?
  • „Chef“.

Gamals Neid auf Zeinabs Gewandtheit in der englischen Sprache wurde allenfalls dadurch gemindert, dass ihr Vater ihr zur Belohnung für jede richtige Antwort ein Stück Fisch in den Mund schob. Gamal genoss es, zu beobachten, wie hin- und hergerissen sie war zwischen ihrem Hass auf Essen – denn sie wollte unbedingt so mager sein wie ihre Englischlehrerin Mrs. Brooke  – und ihrer Schwäche für die Komplimente ihres Vaters.

Eigentlich war Gamal Zeinab gegenüber gar nicht feindselig eingestellt und er war auch nicht eifersüchtig auf die Liebe ihres Vaters zu ihr. Alles, worum es hier ging, war die englische Sprache. Er konnte sie nicht ausstehen, beziehungsweise, sie ihn nicht, wie er immer sagte. Auf jeden Fall vertrugen sie sich nicht, und so blieb Gamal während der allabendlichen Vokabelabfrage am Esstisch nichts anderes übrig als mit gesenktem Kopf den auf eine Zeitung gebetteten Fisch zu fixieren. Unbehaglich und verlegen hoffte er dabei, dass die Fragen endlich aufhörten. Doch da erkannte er plötzlich Ägypten, zwischen den Resten des gegrillten Fisches, als sähe er es zum ersten Mal – und alles wurde anders.

2

Den Hass auf die englische Sprache hatte er schon früh entdeckt, noch bevor er, der in allen anderen Fächern ein Vorzeigeschüler war, in diesem Fach durch die mittlere Reife fiel.

Er reichte seinem Vater noch nicht bis zum Bauch, als er ihn das erste Mal auf seine Verkaufstouren auf die Kreuzfahrtschiffe begleiten sollte. Sie bestiegen ein Boot auf dem Suezkanal, das sie zu dem vor Anker liegenden Schiff brachte. An diesem Tag verkaufte sein Vater einen Ring mit dem Bild von Nofretete an eine Frau namens Maria. Nachdem sie bezahlt hatte, kniff sie Gamal in den Mund bat sie, zu warten, und kam mit einer Ananas zurück.  Gamal schnappte sich die Frucht, erstaunt über die Beulen und wollte „thank you“ sagen, doch stattdessen entfuhr ihm: „I love you“. Seither hatte er jedes Mal Marias spöttisches Lachen im Ohr, wenn er auf seinem Weg zur Schule oder zurück ein Schiff im Kanal vor Anker liegen sah. Aufs Meer zu schauen, wagte er kaum noch. Und so war er sehr erleichtert, als Zeinab groß genug war, um seinen Vater auf das Boot zu begleiten. Unter den Seeleuten in Port Said galt: Hast du ein Kind bei dir, kannst du den Ausländern auf dem Schiff den größten Schrott andrehen.

Den Todesstoß aber versetzte ihm die englische Sprache ein Jahr nach dem Vorfall mit Maria. Er war mittlerweile so groß, dass ihm die Aufgabe zufiel, Zeinab von ihrer wöchentlichen Englischstunde im Haus von Mrs. Brooke abzuholen. Einmal musste er lange vor der Tür auf sie warten und er hätte auf Arabisch schimpfen können. Auch ein „Echt jetzt, Zeinab?“ hätte gereicht oder gar die Drohung „Ich hol dich nie wieder ab“, irgendetwas, nur nicht das Gestammel, das ihm entfuhr, als seine Schwester gemeinsam mit Mrs. Brooke herauskam und er dachte, er müsste sie jetzt auf Englisch zurechtweisen. Die Worte ließen ihn im Stich und das Einzige, was ihm einfiel, war ein Ausdruck, den er von den ausländischen Jungen auf der Straße kannte: „Fuck you, Zeinab!“ Mrs. Brooke hatte natürlich darauf bestanden, zu ihren Eltern zu gehen und Zeinab gegen die Beleidigung Gamals zu verteidigen. Wochenlang wurde er hart dafür bestraft.

Die englische Sprache brachte ihm nichts als Scherereien, ob nun aus Liebe oder Hass, davon war Gamal überzeugt, und so begann er, sie zu meiden. Den Ausländern in der Stadt begegnete er mit feindlichen Blicken, aus Angst, sie könnten ihn ansprechen und er müsste antworten. Das war, natürlich, bevor ihm die Führung Ägyptens auferlegte, sich doch mit derlei Angelegenheiten zu befassen.

3

Warum bestand Fischer Hassan, Gamals Vater, bei jedem Abendessen darauf, dass er mit dem Übersetzen anfing? Er wusste doch, dass Zeinab die richtige Antwort geben würde, trotzdem erwartete er, dass auch Gamal ein Mal antwortete. Die Beziehung seines Sohnes zum Englischen und sein Starren auf den Fisch und die Zeitung, um den Fragen zu entgehen, bereitete ihm schlaflose Nächte. So ein Verhalten war überhaupt nicht angemessen für eine Persönlichkeit, die zu Großartigem bestimmt war.

Diese großartige Bestimmung hatte eine Geschichte: Vier Jahre zuvor hatten Gamal Abdel Nasser und eine Gruppe seiner Offizierskollegen den König gestürzt und verkündet, Ägypten gehöre von nun an den Ägyptern. Fischer Hassan zerbrach sich den Kopf darüber, warum er ihn genau zehn Jahre vor der Revolution Gamal genannt hatte. Warum hatte er ihn nicht Shahata genannt, was nicht nur unschön klang, sondern auch „erbetteln“ bedeutete? Hassans Mutter hatte damit, wie so viele andere, Neidern vorbeugen wollen. Oder einfach Mohamed wie die meisten? Warum Gamal? Selbst seine Frau wusste es nicht genau. Fischer Hassan hatte damals keinen Gamal gekannt, nach dem er seinen Sohn hätte benennen können, keinen Onkel, weder väter- noch mütterlicherseits, noch nicht einmal einen Freund.

Eine Woche nach dem Militärputsch legte sich Fischer Hassan auf eine klare Antwort fest, auch wenn er nicht wusste, woher sie kam: Es war Vorsehung. Es musste eine Beziehung zwischen seinem Sohn Gamal und dem anderen Gamal geben, der jetzt Ägypten besaß , um es an die Ägypter zu übergeben. Allerdings sprach vieles gegen die Theorie der Vorsehung und Fischer Hassan wurde manchmal wütend, wenn er Gamal beim Essen mit einer Frage überrumpelte. An dem Abend, als Gamal sich seiner Zuneigung zu Ägypten bewusst wurde, während er den Fisch vor sich hin und her schob, hörte Fischer Hassan auf, Zeinab Fragen zu stellen, und wandte sich überraschend an ihn: „Also, was heißt Ananas auf Englisch?“

4

Warum stotterte Gamal, obwohl er die richtige Übersetzung kannte? An diesem Abend hatte er gar keine Angst vor der englischen Sprache. An diesem Abend befasste er sich konzentriert mit einer Zeitungskarikatur von Ägypten, in der es als Frau mit einem bizarren Körperbau dargestellt war, ohne Hintern, dafür aber mit Brüsten, die größer waren als der restliche Körper. Gamal war wie gebannt von dieser Karikatur, und nachdem er sie eine geschlagene Minute angestarrt hatte, schob er den restlichen Fisch beiseite, um sie in Gänze zu betrachten. Es war, als hätte das Bratfett keine anderen Spuren auf der Zeitung hinterlassen als einen einzigen großen Fleck um die Karikatur. Die Frau saß auf den Schultern Gamal Abdel Nassers und ihre Augen waren so matt, als würde sie gleich einschlafen, während aus ihrem Mund die Sprechblase kam: „Nimm mich mit in den neuen Tag, Gamal!“

Waren es ihre gewaltigen Brüste oder sein Wunsch, selbst einmal eine solche Dame auf den Schultern zu tragen? Es war das erste Mal, dass Gamal aufstand und, ohne darauf zu warten, dass seine Mutter oder Zeinab es taten, freiwillig den Fisch mit der Zeitung abräumte. Davon waren alle ebenso überrascht wie von der übertriebenen Vorsicht, mit der er die Zeitung über dem Fisch zusammenfaltete. Sie schoben es aber auf mangelnde Übung und sein Vater kehrte bald zu seiner Vokabelabfrage zurück.

In der Küche beging Gamal durch seine Unerfahrenheit einen Fehler. Er war so sehr darauf bedacht, das Bild Ägyptens nicht mit den Gräten zu zerkratzen, dass er die Zeitung weit auffaltete, bevor er den Fisch in den Müllsack kippte. Der Sack war so jedoch kleiner als die Zeitung und der halbe Fisch landete auf dem Boden. Das aber interessierte ihn nicht, ihn interessierte nur, dass das Bild so blieb, wie es war, und er wollte jetzt mit ihm allein sein.

Im Badezimmer schaute er es lange an und fühlte, wie ein Schauer durch seinen Körper fuhr, ein Schauer, mit dem er nichts anfangen konnte. So verharrte er minutenlang, unterbrochen nur von einem Jubel, der immer lauter wurde, bis er ihm das Alleinsein mit Ägypten verdarb. Als er schließlich das Bad verließ, erfuhr er, dass der große Gamal gerade im Radio die Verstaatlichung des Suezkanals verkündet hatte. Er folgte seinem Vater zum spontanen Freudentaumel vor dem Haus. Und auch wenn er die Bedeutung der Entscheidung nicht begriff, die der große Gamal soeben verkündet hatte, entschied er sich mitzufeiern, nachdem ihm ein Freund seines Vaters um den Hals gefallen war und gerufen hatte: „O Gamal, was für eine Freudenbotschaft!“ Der Freund hob ihn sogleich auf die Schultern und schritt mit ihm durch die Menge.  Jeder, der ihn kannte, küsste ihn und Gamal wechselte von Schultern zu Schultern.  Ihm gefiel die Aussicht von oben auf die Köpfe der Menge unter ihm. Er fühlte sich, als wäre er zu ihrem Anführer ernannt worden, und wünschte sich, seinem Land noch lange in dieser Position dienen zu können. Doch bald schon verlief sich die Demonstration und er wurde wieder der Kleine, der an der Hand seines Vaters ging. Unterwegs hörte er Dinge über Ägypten, die er nicht verstand. Er schnappte nur so viel auf, dass das Land irgendwie gestohlen worden war und wegen Gamal Abdel Nasser nun als „unser Eigentum“ zurückkehrte, und er verstand, dass mit „unserem Eigentum“ das Eigentum der Feiernden auf der Straße gemeint war, also das seines Vaters und der Nachbarn.

Als sie die Stufen hinauf zur Wohnung gingen, sagte sein Vater zu ihm: „Herzlichen Glückwunsch, Gamal!“ Und er fühlte, dass er etwas verwirklicht hatte. In der Wohnung wartete seine Mutter auf sie, mit matten Augen, als würde sie gleich einschlafen, und sagte: „Gott steh uns bei, jetzt wird es Krieg geben!“

Vielleicht stand er deshalb mitten in der Nacht auf, während alle schliefen, und dachte daran, wie einer gejubelt hatte: „Gamal, Sohn Ägyptens!“ Die Küche war blitzblank, keine Spur mehr von dem Fisch, den er hatte fallen lassen, und bevor ihm plötzlich die Idee kam zu baden, warf er das Bild Ägyptens in den Müll, weil er sich sicher war, dass es nicht richtig war, seine Brüste zu betrachten, egal wie sehr er ihre Größe bewunderte.

 

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