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Untold Narratives – Weiter Schreiben > Parand (Pseudonym) & Mithu Sanyal > Ein Zwei-Frauen-Gespräch über das Leben, über Politik, Glauben und – Brief 5

Ein Zwei-Frauen-Gespräch über das Leben, über Politik, Glauben und – Brief 5

Parand (Pseudonym) an Mithu Sanyal, Kabul, 13. Dezember 2024

Übersetzung: Bianca Gackstatter aus dem Persischen

„In jenem Jahr beschloss ich, bei mir selbst anzufangen und meine Vorurteile zu hinterfragen.“ © Ahmad Omar Seddiqi

Liebe Mithu,

vielen Dank für Deinen Brief! Ich konnte den Schmerz zwischen deinen Zeilen nachfühlen und mir wurde klar, dass nicht nur dein Vater, selbst nach Jahrzehnten in Deutschland, von der dortigen Gesellschaft nie vollständig angenommen worden und immer auch ein Fremder geblieben ist. Und sogar du, obwohl du dort geboren bist, wirst offenbar nach wie vor nicht als gleichwertig angesehen und wirst wohl immer als Einwanderin gelten. Dabei spielt es keine Rolle, welche Anstrengungen du für die Entwicklung Deutschlands unternommen hast, das ja deine Heimat ist und heutzutage vielen Migranten aus anderen, oft vom Krieg zerrütteten Ländern als gelobtes Land erscheint.

Du sagtest, dass die Menschen in Deutschland, einem entwickelten Land, einstimmig riefen: „Nie wieder!“ und den Krieg kategorisch ablehnen. Ich würde noch weiter gehen: Ich denke, dass sie nicht nur „Nein“ zum Krieg sagten, sondern auch „Nein“ zu Rassismus und Nationalismus, die den Zweiten Weltkrieg mitverursacht haben. Meiner Meinung nach hat diese Generation entschieden „Nein“ gesagt, und, um ganz sicher zu gehen, noch das Wort „nie“ hinzugefügt, denn sie hat gelernt, dass keine Nation und keine Volksgruppe allein über die Welt herrschen kann und man einander tolerieren sollte, statt einander auszugrenzen. Deshalb sollten auch diejenigen Politiker und Menschen, die Migrantinnen und Migranten als Schmarotzer der Gesellschaft betrachten, sich wieder auf diese wichtige Maxime besinnen, insbesondere wenn es um Menschen geht, die Schutz suchen vor Krieg und Gewalt.

Ich bitte dich – trotz aller Unvollkommenheiten, die du bei Gandhi entdeckt hast –, auch weiterhin bei deinem gewaltfreien Widerstand zu bleiben, wenn du im Hinblick auf deine Hautfarbe, Rasse oder Herkunft beleidigt oder auch Zeugin wirst, wie andere beleidigt werden, und dich darüber ärgerst. Konflikte durch den Einsatz von Waffen zu lösen ist der primitivste und unangemessenste Weg, obwohl er manchmal als kurzfristige Lösung eines Konflikts erscheint.

Migration geht schon seit langem mit vielen Problemen einher. Aufgrund des Evakuierungsprogramms nach dem Abzug der ausländischen Truppen aus Afghanistan ist es hier jedoch sogar noch mehr zu einem Problem geworden, wenn man nicht emigriert. Ich habe immer in Gefahr gelebt und bin nie ausgewandert. In letzter Zeit ist mir allerdings ein neues Phänomen aufgefallen, das ich eher als eine Art soziales Stigma bezeichnen würde. Nach dem Sturz der vorherigen afghanischen Regierung hatte ich, wie viele andere Menschen, große Angst, denn ich hatte nicht nur mit einer ausländischen Organisation zusammengearbeitet, sondern gleich mit mehreren. Abgesehen davon ist allein schon der Umstand, dass mein Mann der Volksgruppe der Hazara angehört und schiitischen Glaubens ist, während ich dem Volksstamm der Paschtunen angehöre und gläubige Sunnitin bin, ein Problem. Obwohl ich mehrere E-Mails an von Freunden empfohlene Adressen und an die offiziellen Adressen einiger Länder, von denen ich aus den Medien erfahren hatte, geschickt und um die Aufnahme in eines der Evakuierungsprogramme gebeten habe, habe ich bis heute keine einzige Antwort erhalten. Direkt nach der Machtübernahme der Taliban war ich so voller Angst, dass ich schon beim kleinsten Geräusch zusammengezuckt bin. Zeitweise erreichte diese Angst ein solches Ausmaß, dass ich tage- und nächtelang nicht geschlafen habe. Mit der Zeit wurde ich zum Glück wieder ein wenig gefasster und tröstete mich damit, dass es keine Farbe gibt, die dunkler ist als Schwarz. Sollte ich einer Straftat bezichtigt werden, wäre die schlimmste Strafe der Tod, mehr nicht. Ich habe mich zwar ein wenig beruhigt, mich aber trotzdem nicht frei bewegt. Für Menschen wie mich war es eine große Schmach, nicht in eines der Evakuierungsprogramme aufgenommen zu werden, und ich habe dies als eine neue soziale Einordnung wahrgenommen. Das mag dir vielleicht lächerlich erscheinen, so geht es mir selbst manchmal auch. Und doch hat diese Tatsache mein soziales Leben ziemlich stark beeinflusst. Seit dem Start der Evakuierungsprogramme hört man von allen Seiten die Frage: „Warum bist du noch nicht weg?“ Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mir diese Frage nichts ausmacht. Zumindest weckt sie kein angenehmes Gefühl in mir. Ich bin sehr vorsichtig mit meiner Antwort, denn ich fühle mich wie eine Angeklagte, die sich vor Gericht verteidigen muss, ohne sich zum Gespött zu machen. Würde ich meinen Verwandten und Freunden sagen, dass ich gar nicht ins Ausland will, würden sie mir nicht glauben und mich hinter meinem Rücken als Lügnerin bezeichnen. Würde ich sagen, dass ich noch keine Antwort von offiziellen Stellen erhalten habe, würden sie mich als faul, sozial inkompetent und introvertiert bezeichnen und denken, dass ich wohl keine gute Beziehung zu meinen Arbeitgebern habe und sie mich deshalb nicht für die Evakuierungsprogramme vorschlagen. Es hat mich sehr getroffen, als ich meine Verwandten und Freunde – es tut mir leid, das hier erwähnen zu müssen – hinter meinem Rücken sagen hörte, dass ich lüge und wahrscheinlich doch nie mit ausländischen Organisationen zusammengearbeitet hätte.

Solange ich das Problem nur als mein eigenes betrachtete und nicht wahrnahm, dass es auch andere betraf, dachte ich nicht über die damit verbundene Stigmatisierung nach. Erst als ich andere Menschen traf, die wie ich in wichtigen Positionen gearbeitet hatten und immer noch in Afghanistan waren, wurde mir bewusst, dass nicht nur ich verhöhnt und verspottet wurde. Wir sind eine große Gruppe, die diesen Anschuldigungen ausgesetzt ist, die sich dann auch auf unsere soziale Stellung auswirken.

Du hast dich nach meiner Ehe über Volksgruppen und Konventionen hinweg erkundigt. In Afghanistan verfolgte jede ethnische Gruppe stets ihre eigenen Interessen. Politische Entscheidungen sowie die Ernennung und Abberufung von Beamten wurden meistens in Abhängigkeit von der ethnischen Zugehörigkeit getroffen. Nachrichten, Fernsehsendungen, sogar Parlamentssitzungen waren geprägt von ethnischen und sprachlichen Debatten, die den bevorstehenden Niedergang der damaligen Regierung natürlich bereits ankündigten. Manchmal machte mich das traurig, denn ich hänge ja an meinem Heimatland und den Menschen hier. Bei einer Universitätsveranstaltung haben wir einmal nach einem Lösungsweg aus den damaligen Schwierigkeiten Afghanistans gesucht. Weil es in diesem Land eine große Vielfalt an Ethnien und Sprachen gibt, besteht die einzige Lösung darin, die Unterschiede anzuerkennen, vom Ethnozentrismus abzukommen und stattdessen das Nationalgefühl zu stärken. Bei diesem Treffen ist mir vieles klar geworden. Ich habe mein Denken kritisch hinterfragt und bemerkt, dass ich in vielen Punkten unbewusst ganz schön voreingenommen war. Zum Beispiel benutzte ich beim Sprechen völlig unhinterfragt Begriffe und Sichtweisen, die ich von klein auf so gehört und gelernt hatte. Als Paschtunin verachtete ich beispielsweise die Hazara. Wenn man mich damals gefragt hätte, warum, hätte ich, ohne darüber nachzudenken, dafür dieselben Begründungen gegeben wie meine Eltern und Verwandten in solchen Momenten. So hätte ich beispielsweise geantwortet, dass sie Schiiten sind und unser Blut sich niemals mischt (obwohl ich überhaupt keine Ahnung hatte, was das bedeuten sollte). Die Menschen hier reden gern über die äußere Erscheinung der anderen, zum Beispiel über ihre Nase oder die Form ihrer Augen. So werden alle, die kleine Augen oder eine gebogene Nase haben, als Hazara bezeichnet. In jenem Jahr beschloss ich, bei mir selbst anzufangen und meine Vorurteile zu hinterfragen. Zuerst versuchte ich, keine abwertenden Wörter oder Begriffe mehr zu verwenden. Dann zeigte ich mehr persönliches Interesse an meinen Hazara-Kommilitonen, um sie besser kennenzulernen. Überrascht stellte ich fest, dass sie höflicher, fleißiger, vernünftiger und gebildeter waren als viele andere Menschen, die ich bis dahin kennengelernt hatte. Schließlich war mein Studium vorbei und ich trat ins Arbeitsleben ein. Arbeitsbedingte Reisen in verschiedene Provinzen haben mein Wissen über Sitten, Bräuche und Wertvorstellungen der verschiedenen Ethnien Afghanistans erweitert. Auf einer solchen Reise nach Bamiyan lernte ich eine völlig neue Welt kennen. Bamiyan ist eine unfassbar schöne Provinz mit interessanten historischen Zeugnissen, einer einzigartigen Natur und sehr höflichen Menschen mit hohen moralischen Standards. Dort habe ich begriffen, dass alles Schlechte, was ich bisher über die dort lebende Volksgruppe gehört hatte, überhaupt nicht zutraf.

Meinen Mann habe ich während meiner Arbeit in der Provinz Ghazni kennengelernt und er machte mir schließlich einen Heiratsantrag. Weil ich inzwischen ja schon mit den verschiedenen Volksgruppen in Afghanistan vertraut war, sprach aus meiner Sicht nichts gegen unsere Verbindung. Im Gegenteil, ich freute mich, mit dieser Ehe einen – wenn auch kleinen – Schritt in Richtung Toleranz und Frieden in Afghanistan machen zu können. Die Nachricht, dass ein junger Hazara einer Paschtunin einen Heiratsantrag macht, schlug dann aber ein wie eine Bombe. Mein Vater ist ein ziemlich unvoreingenommener Mensch. Trotzdem hatte er Sorge, dass unsere engstirnigen Verwandten, die nicht einmal das Wort Hazara hören wollen, unser Glück zerstören könnten, wenn die Ehe zustande käme. Es ist in Afghanistan unüblich, dass ein paschtunisches Mädchen einen Hazara heiratet, und in der afghanischen Geschichte wird kaum von solchen Ehen berichtet. Nach einem Jahr ist es mir dann aber endlich doch gelungen, die Zustimmung meines Vaters zu erhalten, und wir haben, ohne Wissen der väterlichen Verwandtschaft, geheiratet. Ich bin sehr glücklich in dieser Ehe. Durch die Heirat mit einem Hazara trat ich in eine ganz andere Welt ein, in der alles neu für mich war. Auch aus religiöser Sicht spricht nichts gegen unsere Ehe, denn schließlich sind wir beide Muslime und das ist der entscheidende Faktor. Der Islam ermutigt Menschen sogar, über ethnische Grenzen hinweg zu heiraten. Aus kultureller Sicht wird das aufgrund der herrschenden Stereotype über die Hazara in der Bevölkerung jedoch nicht toleriert. Mein Mann und ich ignorieren diese negativen Ansichten und Stereotype und haben es bisher nicht bereut. Die Familie meines Mannes hat mich sehr herzlich aufgenommen und die Tochter meines Mannes aus seiner vorigen Ehe nennt mich sogar Mutter. Dank der Korrektur meiner früheren Einstellung fühle ich mich heute wie im Paradies. Die aktuelle politische Situation in Afghanistan ist leider gegen unsere Verbindung und wir sind auch Bedrohungen ausgesetzt. Dennoch gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass irgendwann mehr solcher Ehen geschlossen werden, dass die Menschen in Afghanistan einander kennenlernen und ihre Unterschiede akzeptieren, damit der Krieg für immer aus diesem Land verschwindet.

Mit diesem Brief, liebe Mithu, kommt unsere Korrespondenz zum Ende. Vielen Dank an Weiter Schreiben, das unsere Freundschaft und unseren Gedankenaustausch über eine so weite Entfernung hinweg und unter so widrigen Umständen ermöglicht hat. Das Schreiben dieser Briefe war für mich unter meinen eingeschränkten und benachteiligten Lebensbedingungen eine Quelle der Ermutigung, es hat auch mein eigenes Schreiben inspiriert. Ich würde mich gern einmal persönlich mit dir austauschen. Eines Tages werden unsere Briefe in einem Buch veröffentlicht und wir werden die ersten beiden Frauen sein, die von zwei Enden der Welt aus miteinander über das Leben, die Politik, den Glauben und die Kultur sprechen und so einen Schritt in Richtung globaler Toleranz gehen.

Alles Liebe

Parand

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