Gewissensschmerz

1
Ich weiß noch gut, wie ich zum ersten Mal mein Gewissen anfasste.
Ich hielt meine Hand nach oben, wo sie in der meines Vaters lag. Es war ein Freitag, und nach alter Gewohnheit spazierten wir durch die Kairoer Stadtmitte. Wir hatten Leber in Papas Lieblingslokal gegessen und liefen zu einem Café, wo er mit Freunden Wasserpfeife rauchen würde. Ich versuchte seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, zumal ich wusste, dass er mich nicht mehr beachten würde, sobald sich im Café ein Freund zu ihm setzte. Ich begann meinem Vater von allem zu erzählen, was in der vergangenen Woche in der Schule passiert war. Freitags brachte ich ihn gerne mit Geschichten von meinen Mitschülern zum Lachen und diesmal hatte ich eine besondere im Gepäck, nämlich die, wie einige Kinder Herrn Hussein, der das Pausencafé im Schulhof betrieb, einen Streich gespielt hatten. Sie brachen vor ihm zur Schau eine Schlägerei vom Zaun, so dass er einen Stock nahm, hinter seinem Verkaufstisch hervorkam und selbst auf die Schüler einprügelte. Währenddessen schlichen sich andere Kinder in den Verkaufsbereich und stahlen alle Chipstüten, die sie dort fanden. Sie flohen damit in die Klassenzimmer, wo sie die Tüten an uns verteilten, nachdem wir vom Fenster aus alles mitangesehen hatten. Am Ende sahen wir Herrn Hussein weinen. Die Direktorin hatte ihm gesagt, er müsse für den Schaden selbst aufkommen, sonst sei er seine Arbeit in der Schule los.
Es war das erste Mal, dass mein Vater über eine Geschichte von mir nicht lachte. Er schwieg und drückte meine Hand ganz fest. Ich blickte zu ihm nach oben. Er machte eine seltsame Miene, die Ärger oder Missfallen ausdrückte. Ich dachte, er habe vielleicht nicht richtig zugehört, aber nun ließ er meine Hand los, blieb stehen, blickte mir in die Augen und fragte mich:
„Und du? Du hast einfach zugesehen?“
„Ja“, bestätigte ich, denn ich dachte, er wolle die Geschichte nur besser verstehen. Aber sein Gesicht blieb unverändert missmutig, er legte eine Hand auf seinen Bauch, neigte sich zu mir herunter und fragte weiter:
„Und du hast die Chips mitgefuttert?“
Und noch bevor ich antworten konnte, stellte er eine weitere Frage:
„Und du hattest keine Gewissensbisse?“ Dabei hielt er sich noch immer den Bauch und setzte sich auf den Gehweg.
Nun bekam auch ich plötzlich Bauchweh und ich setzte mich, ebenfalls eine Hand auf dem Bauch, neben ihn.
An jenem Tag traf mein Vater sich nicht mit seinen Freunden im Café, denn eine Stunde darauf lagen wir beide nebeneinander, jeder auf einem Bett, im Krankenhaus. Noch immer hielten wir uns die schmerzenden Bäuche und mir wurde eines klar: Nämlich, dass sich mein Gewissen in meiner Bauchmitte befindet, dass es schmerzt und dass es ein missmutiges Gesicht verursacht. Jahrelang glaubte ich, dass es genauso sein musste, daran änderte weder meine Bewusstseinsentwicklung etwas noch die damalige Versicherung der Ärzte, dass wir wohl verdorbene Leber gegessen hätten.
2
Mit der Zeit spürte ich immer genauer, wo mein Gewissen saß. Rechts in der Bauchmitte. Dort schmerzte es mich, als ich meinem Vater einmal etwas aus der Schublade stahl, aber auch bei anderen kleinen Diebereien, wenn ich die Lehrer oder meine Eltern anlog, beim Kartenspiel schummelte oder wenn ich am Vortag etwas Schlechtes getan hatte. Es war ein leichter Schmerz, der nicht stark genug war, mich davon abzuhalten, den jeweiligen Fehltritt zu wiederholen, aber auch nicht so schwach, dass ich ihn ignorieren konnte.
Nachdem mich aber einmal der Drang überkam, alles zu erzählen, konnte ich den Schmerz vergessen. Wie es dazu kam, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich nur, dass ich im Schoß meiner Mutter saß und ihre Haare roch und das Gefühl der Geborgenheit mich dazu brachte, alles Mögliche zu beichten. Meine Mutter aber erwähnte mein Gewissen und die Schmerzen, die es macht, gar nicht. Stattdessen lachte sie aus mir unerklärlichen Gründen lauthals auf, als ich mein Pyjamahemd hochzog und auf die Stelle deutete, wo mein Gewissen war, und ihr erklärte, wie dieses auch dafür sorgt, dass sich das Gesicht verzieht. Sie bestrafte mich für meine gestandenen Sünden, aber danach konnte ich freveln, ohne noch einmal Gewissensschmerzen davon zu bekommen.
Viele Jahre später, ich war schon auf dem Gymnasium, nahm ich einmal an einem Begräbnis teil. Eigentlich wollte ich mit meinem Vater ins Café, um dort ein Fußballspiel anzusehen, aber da bekam er eine Todesnachricht und wir änderten unser Ziel. Weinend steuerte er das Auto und vergaß dabei, mir zu sagen, wohin wir fuhren. Als wir ankamen, stand ich inmitten trauernder Männer, die das Schicksal des verstorbenen Nabil Hilali beklagten, eines Anwalts, der sie, als sie in den siebziger Jahren in der Studentenbewegung aktiv waren, vor Gericht verteidigt hatte. Sie alle lobten ihn als einen Mann, der zwar aus reichem Hause stammte, aber allen Besitz hingab, um anderen zu helfen – aus dem einen Grund, dass sein Gewissen ihm dies abverlangt habe.
3
Aber wer sind die jeweils anderen? Nehmen wir einmal an, wir sähen einen Mann, der ein Restaurant überfällt. Er ist wütend und offenbar hungrig. Egal wie links man sein mag, wird man die Situation als beängstigend empfinden, selbst dann, wenn man Sympathien für einen Hungrigen hat, der wild drauflos Gaststätten überfällt. Was aber, wenn er das erbeutete Essen gar nicht selbst verzehrt, sondern es an andere Leute auf der Straße verteilt? Dann hielten wir den Wüterich wohl für einen edlen Menschen.
So bekam ich das Gewissen endlich doch noch zu fassen, das wir so bewundern und das Menschen, die um einen Toten mit Gewissen trauern, zu Tränen rührt. Es sitzt nicht rechts in der Bauchmitte, es hat gar keinen festen Platz. Es sorgt nur dafür, dass man sich an nichts Verwerflichem beteiligt.
Das gefiel mir, und so halte ich es seither. Sobald mir jemand etwas Tragisches berichtet oder wenn ich die Nachrichten sehe, bekommt mein Gesicht gleich einen wunderbar missmutigen Ausdruck und den Menschen um mich herum gefällt das so sehr, dass ich dafür bekannt geworden bin.
Nachdem ich von der linken Vergangenheit meines Vaters erfahren hatte, teilte ich ihm eines Tages mit, dass ich heute nicht zu Hause übernachten würde, denn ich nähme an einer Universitätsbesetzung teil. Er fragte spöttisch, was denn bitte schön die Forderungen der verwöhnten Studierenden der American University seien. Ohne Zögern hörte ich mich übertreibend behaupten, dass es nicht nur ein Studentenstreik sei, sondern alle Universitätsangestellten, auch die Arbeiter, solidarisch mitstreikten. Wir telefonierten nur, aber bis heute kann ich mir bildlich vorstellen, wie sein Gesichtsausdruck von ironisch zu bewundernd wechselte.
4
Zu Beginn der ägyptischen Revolution von 2011 stürzten die Menschen den Präsidenten Husni Mubarak. Danach folgten sogenannte „Teildemonstrationen“: Arbeiter forderten dies, Angestellte jenes. Es waren insofern gewissenlose Demonstrationen, als hier nur gefordert wurde, was eine Teilgruppe wollte, keine allgemeine Gerechtigkeit, kein Systemwechsel, keine Bürgerrechte, nichts, was auch anderen zugutekäme. Nur Lohnerhöhungen und verbesserte Arbeitsbedingungen. Und so wie revolutionsfeindliche Zeitungen gegen solche Demonstranten agitierten, indem sie ihnen Partikularinteressen unterstellten, die das Gesamtbild nicht im Blick hätten, griffen wir Protestierenden diese Kritik auf und verteidigten die Revolution als einen kollektiven Traum des „ganzen Landes“.
Bald hörten die Demos wieder auf. Die immer weniger werdenden Teilnehmenden wurden eingekesselt und es wurde scharf auf sie geschossen. Es gab Leute, die sich einen Weg durch brennende Barrikaden bahnten und ganz naiv fragten, worum es bei den Protesten gehe. Ich glaube behaupten zu dürfen, dass ich zu den wenigen gehörte, die die Geduld aufbrachten, ruhig mit solchen Menschen zu diskutieren. Aber anstatt direkt zu antworten, versuchte ich mir vorzustellen, was ihnen durch den Kopf ging, und ich verlegte mich darauf, mich und meine Mitstreiter zu rechtfertigen. Ich sagte immer wieder, dass es uns nicht um uns allein gehe, und begann zu erzählen, dass ich ein Auto hätte und genügend Geld, dass ich ein Mann sei, ein Muslim und dunkelhäutig, alles, wovon ich dachte, es würde den Verdacht ausräumen, ich würde persönliche Anliegen vertreten.
5
Gewissensbisse verspürte ich erst wieder nach dem Scheitern der Revolution, und ich freute mich darüber. Wir gingen zurück nach Hause, auf den Straßen waren keine Menschen mehr, mit denen wir Solidarität hätten zeigen können. Nur ein Satz hallte bei mir jahrelang nach, wenn ich an die Ereignisse dachte:
„Und was sollen die Leute tun?“
Während mir die Kraft schwand, weiterzumachen, nahm auch mein Interesse ab und ich zog mich wie alle anderen ins Private zurück. Zugleich sehnte ich mich nach meinem Gewissensschmerz zurück und ich beschwor ihn regelrecht herauf, indem ich eine Beziehung mit der Ehefrau eines Freundes begann und sie so lange fortsetzte, bis mein Körper wieder funktionierte oder, wer weiß, sich wieder irrte. Wieder begann ich Stiche im mittleren rechten Bauchraum zu verspüren und ich ging damit zu meinem Freund. Ich gestand ihm meinen Betrug an ihm. Er tat so, als verkrafte er es, während ich so tat, als fände ich meine angenehmen Gewissensbisse ganz furchtbar. Unerträglich seien die, sagte ich, wohl wissend, dass ich meinen Freund damit implizit besiegt hatte, wie sehr ich mich auch entschuldigte. Und je öfter ich mich entschuldigte, als desto angenehmer empfand ich den Schmerz. Wenige Stunden später trennte sich mein Freund von seiner Frau, und wiederum wenige Stunden darauf erlegte es mir mein Gewissen auf, mit der Geliebten zusammenzubleiben, wahrscheinlich, um meiner Tat einen Sinn zu geben, der darüber hinausging, einem angenehmen Bauchschmerz nachzujagen. Ich fühlte mich dazu gezwungen, denn ich verstand mich eigentlich gar nicht gut mit ihr. Aber ich solidarisierte mich mit ihr, damit auch sie unserer Beziehung einen Sinn geben konnte, indem wir so taten, als liebten wir uns. Dass ich gar keine Gefühle für sie hatte, merkte ich, als mir ein anderer Freund gestand, er habe sie vor vielen Jahren einmal belästigt. Da tröstete ich sie und leugnete alles ab. Sie ihrerseits erging sich ab nun darin, in der Öffentlichkeit gegen die Belästigung von Frauen zu agitieren.
7
Eine plötzliche Sehnsucht nach dem Bauchschmerz überkam mich auch in meinem ersten Jahr in Berlin und ich dachte dauernd darüber nach, nach Kairo zurückzugehen. Nicht um den Schmerz wieder zu fühlen, denn der war mir auch dort längst abhandengekommen. Die eiserne Hand hatte in Ägypten ausnahmslos alle getroffen und die Tragödie war allumfassend. Aber selbst die Leere, die an die Stelle des Gewissensschmerzes getreten war, war leichter auszuhalten als die Situation, in der ich mich nun befand: Als Neuankömmling in einem fremden Land, in dem man die Sprache nicht kennt, aber jeden Tag einen Brief vom Amt bekommt. Ich musste die Hilfe einer Freundin annehmen, um Mietbewerbungen zu schreiben, in denen ich, anders als damals in Kairo, es tunlichst vermied, mich als männlich, muslimisch und dunkelhäutig zu beschreiben, denn das war hier kein Vorzug mehr.
Nichts klappte und ich wandte mich an einen anderen Freund, der einen Wohnungseigentümer kannte, dem ich eine Stunde lang zuhören musste, wie er voller Schmerz, ich glaube im Bauch, davon sprach, wie rassistisch Deutschland sei und wie schwierig es für jemanden wie mich sein müsse, an eine Wohnung zu kommen. Einem arabischen Freund schickte ich jeden Tag per WhatsApp Fotos der Post, die an mich kam, um von ihm zu erfahren, was der deutsche Staat von mir wollte. Seine deutsche Freundin begleitete mich zu meinen Terminen bei der Ausländerbehörde, wo ich meine Aufenthaltsgenehmigung verlängern ließ. Hat sich die Beziehung der beiden dadurch verbessert? Ich glaube ja, aber sicher bin ich mir nicht, denn ich entledigte mich nach getaner Arbeit rasch solcher Freundschaften, die auf Hilfe ausgelegt waren. Jetzt ließ ich auch meinen Briefkasten überquellen, wie er wollte. Es tat mir gut, mich mit Leuten zu umgeben, die mir bei nichts helfen konnten.
8
Machen wir uns nichts vor, wir alle möchten uns nicht verteidigen müssen. Was ist daran neu oder ehrenhaft? Der Mensch isst und trinkt und verteidigt sich, dabei macht er Fehler und darunter sind unverzeihliche. Wir alle möchten wie jener edle Anwalt werden, ohne lang und breit darüber zu debattieren, wie er es zu einer solchen Selbstsicherheit gebracht hat, die es ihm erlaubt, andere Menschen zu verteidigen. Hauptsache er besitzt jenen edlen Schmerz, der sich so unzweideutig bemerkbar macht.
Ich möchte nun von der zwanzigsten Demonstration erzählen, an der ich in diesem Jahr teilgenommen habe. (Nur um der Demo eine runde Zahl zu geben.) Zum ersten Mal ging ich gut gelaunt hin, nachdem ich beschlossen hatte, meine Wohnung in Kairo einer Familie von Vertriebenen zu überlassen. Es war dort so schlimm wie nie zuvor und nie wurden hier Parolen lauter gerufen als diesmal. Aber ich schaffte es nicht, einen Schmerz im Bauch oder sonstwo in meinem Körper zu empfinden, und das war so verwirrend, dass ich mir nicht mehr als Teil der Demo vorkam – bis sich eine Hand auf meine Schulter senkte. Es war die Hand des Mannes, der mir seine Berliner Wohnung vermietet hatte, und als ich ihn ansah, hielt er sich den Bauch und sein Gesichtsausdruck deutete einen Ausdruck zwischen Unbehagen und Widerwillen an. Ich wusste instinktiv, dass er gleich verlangen würde, dass ich möglichst unverzüglich aus seiner Wohnung ausziehe, so dass ich mich einfach von ihm abwandte und wegging, ohne mir auch nur die Begründung für seine Bitte anzuhören. Und als ich erfuhr, wie viele Menschen dort am selben Tag wieder gestorben waren und dass die Zahl der Toten noch während der Demonstration weiter stieg, überlegte ich, ihn wieder zu mir zu rufen, um ihm zu ermöglichen, seine Begründung nachzureichen, und sei es nur, um das Gefühl zu bekommen, dass sein Gewissensschmerz einen Sinn hatte. Denn plötzlich überkam mich das erschreckende Gefühl, dass all diese Schmerzen sinnlos sind. Diese Schmerzen, die zu lindern ich mir angewöhnt hatte, so sehr ich sie doch auch genoss.

