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Schreiben im Krieg

Souad Alkhateeb
Übersetzung: Kerstin Wilsch
Bilder der Illustration von Amer Akel / Berlin 2017
Illustration: Amer Akel / Berlin 2017

Eine Revolution wird gestohlen, eine Revolution, die Freiheit und Würde einfordert. An ihre Stelle wird ein erbitterter Krieg gesetzt. Dieser Krieg wird von den Großmächten produziert, als wäre er eine Ware. Sie machen für ihn Werbung und streichen die Gewinne ein. Die nötigen Rohstoffe sind vor Ort erhältlich, so senkt man die Kosten und steigert den Gewinn. Krieg ist Krieg. Bräche er in einem Industrieland aus, hätte er dieselben Auswirkungen wie in Syrien. Allein die Mittel und die Argumente würden sich unterscheiden. Wenn ich gegen solch eine Gewalt anschreiben will, muss ich untersuchen, was die Zutaten für das Zauberelixier „Krieg“ sind.

Ich kann im Krieg nicht über die Gewalt gegen Frauen reden, ohne auch über die Gewalt gegen Männer und Kinder zu sprechen. Fassbomben suchen sich nicht nur Frauen aus, und auch die Angriffe des Islamischen Staats machen keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Deswegen wünsche ich mir, dass Feministinnen im Westen Frauen nicht als interessantes Forschungsobjekt isolieren, so wie es uns die Medien der Kriegssponsoren einreden wollen. Die Medien spielen mit unserem Erinnerungsvermögen. Sie wollen uns dazu bringen, die Politik der Großmächte in Syrien zu unterstützen, indem sie alles dem Kampf gegen den Terrorismus, das heißt gegen den IS, unterordnen. Wie schon sein Vorgänger ersinnt auch der Neokolonialismus für uns ein Narrativ, demzufolge der Terrorismus unsere Realität und ein Teil unserer historischen Besonderheit ist.

Im Krieg kann ich mich im Spiel mit den Minderheiten und der Mehrheit nicht auf die Zahlen irgendeiner Seite verlassen. Der IS tötet die Minderheiten, das syrische Regime die Mehrheit. Mit jedem Opfer erhöht sich der Anteil eines wesentlichen „lokalen Rohstoffs“ der Ware „Krieg“.

Ein weiterer unserer „lokalen Rohstoffe“ ist der Teil der syrischen Mentalität, mit dem man lange vor dem Krieg sogenannte Ehrenmorde billigte. Man führte diese entweder aus, rechtfertigte, verharmloste oder duldete sie schweigend. Manchmal wurden sie mit äußerster Brutalität in aller Öffentlichkeit begangen. Die Zuschauer dabei waren vielfältiger als jetzt beim IS und sie kamen freiwillig. Unter ihnen fanden sich auch studierte Leute und Linke.

Wenn man die „lokalen Rohstoffe“ betrachtet, erinnert man sich unwillkürlich an den Khakiton, in den alles getaucht war. Er zog sich durch unsere Schüler- und Studentenzeit, verfolgte uns und beschlagnahmte unsere Meinungen. Unsere Schulen und Universitäten ähnelten Militärkasernen. Selbst der tägliche Broterwerb war davon betroffen, nachdem man die gesamte syrische Gesellschaft militarisiert hatte. Das Aushungern und die Gewalt, das Festnehmen von Kindern und die Massaker, all das hat nicht erst mit diesem Krieg begonnen und ist nicht vom IS erdacht worden. Nur passiert das alles jetzt ganz offen und wird nicht mehr wie damals vom Regime verborgen – in den Kellern der Gefängnisse und in abgelegenen Regionen.

Auch säte das Regime den Samen des Terrorismus und pflegte seine Pflänzchen. Seit den neunziger Jahren breiteten sich Koranschulen aus. In Damaskus entstanden Moscheen mit Wohnheimen wie die Abu-Nur-Moschee, die zu religiösen Institutionen wurden und Menschen aus allen Teilen der Welt anzogen.

Nachdem die Infrastruktur systematisch und vollkommen zerstört wurde und Millionen geflüchtet sind, kann Schreiben in Zeiten des Krieges für mich nur heißen, die Bruchstücke der Erinnerung und der Identität zusammenzuklauben. Es heißt aber auch, den Diebstahl der Leichname unserer Revolutionäre und das Verschweigen unserer Verluste aufzudecken. Ein solches Schreiben sammelt die Bruchstücke der Erinnerung und Identität in ihrer menschlichen, und nur in ihrer menschlichen Dimension zusammen, so wie wir es von Edward Said und Mahmud Darwisch kennen.

Ich benutze keine emotionale Rhetorik und bin auch nicht sehr optimistisch in Bezug auf das „Schreiben im Krieg“. Das kulturelle Klima in der arabischen Welt lässt Optimismus nicht zu. Vielleicht werden uns die Großmächte, die Sponsoren unseres Leids, später einen Trostpreis anbieten, der da lautet: „Absetzung oder Rückzug des Diktators“. Und die Intellektuellen, die sich um jene geschart haben, die sie finanzierten, werden dies als Sieg bejubeln. Aber was wird aus uns, nachdem wir all diese ideologischen und religiösen Identitäten ausprobiert und all diese Desaster in unserer Geschichte erlebt haben?

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– Catherine Deneuve sieht mir nicht ähnlichLesenكاترين دونوف لا تشبهني