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zu besuch

Samuel Mágó
Zeichnung: Csaba Nemes (2017)
Zeichnung: Csaba Nemes (2018)

als mutter ihn damals zur tür hereinließ, brachen aus den menschen, die in unserer kleinen wohnung auf ihn gewartet hatten, die begrüßungsworte nur so heraus. fast wie jubel. und doch gezwungen. da sah ich ihn zum ersten mal, in seinem schwarzen wollmantel. er trug einen stock. ich kannte ihn nur aus erzählungen. ich weiß noch, dass ich den ganzen tag, seit dem morgen, als wir von seinem besuch erfuhren, das gefühl gehabt hatte, keiner würde ihn wirklich sehen wollen. trotzdem stellte sich mutter den ganzen tag in die küche und schob ein blech nach dem anderen in den backofen. ich erinnere mich, dass es damals immer warm gewesen war in der küche und dass es gut roch. vater ging mit onkel tibi auf den markt. tante marischka ermahnte uns kinder, dass wir uns heute ausnahmsweise doch einmal benehmen sollten. und mir schien, als würde sich die ganze familie, nervös in ihrem stimmungsauf- und -ab, auf hohen besuch vorbereiten. der esstisch wurde aus der küche ins wohnzimmer hinübergestellt und weiß gedeckt mit dem guten geschirr aus der kredenz und den kristallgläsern aus der vitrine. großvater hatte seine geige gestimmt und seinen anzug von einer seiner schwiegertöchter mit klarem wasser reinigen lassen. wie immer klagte er dabei, dass es nie wieder jemanden gäbe, der das so gut machte wie seine selige frau. die schwiegertochter ging wie immer aufgebracht hinaus, um sich bei ihrem mann zu beschweren, der sie dann wie immer beschwichtigte.

er kam nur selten, das sagten alle. er wohne in einer entfernten stadt. oder einem entfernten land. ich wusste damals nicht, wieso er so ein wichtiger mann war. tante marischka hatte uns kindern erzählt, er sei ein attaché, und wusste dabei wohl ebenso wenig wie wir, was ein attaché war. wahrscheinlich klang diese berufsbezeichnung einfach so wichtig für sie, dass wenn jemand diesen beruf haben könnte, dann nur er. manche meinten, er sei ein entfernter verwandter, andere sagten, er sei ein freund meiner großmutter gewesen. wirklich sicher schien sich aber niemand zu sein.

ich musste ihm den mantel abnehmen. ich habe ihn als sehr schwer in erinnerung. und den hut. er war groß, stand aber gebückt da, fast so, als würde er sich verbeugen. er hatte große violette lippen und trug eine abgetragene brille. er grüßte, knapp, aber höflich, küss die hand, habe die ehre, schritt kommod zum tischende und setzte sich. er wich meinem großvater den ganzen abend nicht von der seite. seine holzige stimme ging zwischen den lauten gesprächen, dem gelächter und der musik unter. er trank nicht. nicht einmal wasser, wenn ich mich richtig entsinne. wir kinder füllten unsere teller reichlich mit den speisen, die mutter den ganzen tag zubereitet hatte. er rührte seinen kaum an, fast schon, als wolle er bei uns nicht essen. nach einigen stunden nahm er großvater mit hinaus auf den gang und rauchte mit ihm eine zigarre. großvater hatte seit jahren nicht mehr geraucht, auch jetzt tat er es wohl nur aus höflichkeit.

ich konnte nicht anders, als nach draußen zu spähen, hörte aber nicht, worüber sie sich unterhielten. ihre gesichter schienen ernst. nicht lange nachdem sie wieder hereingekommen waren, verabschiedete er sich, bedankte sich für den gelungenen abend und tat kund, wie sehr er sich gefreut hatte, die familie wieder gesehen zu haben. vater half ihm in seinen mantel, reichte ihm seinen hut und gab ihm eine flasche palinka als bestechung auf den weg mit, die er zuerst zögerlich und dann doch dankend entgegennahm. die stimmung war mit ihm aus der wohnung verschwunden. geblieben war nur die wärme aus dem ofen, gähnende gesichter und stille.

ich erinnere mich, dass großvater in den folgenden tagen kaum sein bett verließ. auch essen wollte er nicht. er schlief viel und sprach kaum. mutter bestand darauf, einen arzt zu rufen, aber großvater fluchte und brachte sie davon ab. sein zustand verschlechterte sich im stundentakt und kaum war die woche um, hatte er uns verlassen.
zu seinem begräbnis kamen viele leute. die meisten kannte ich nur aus erzählungen. ich hatte davor noch nie so viele musiker auf einem fleck gesehen. alle in schwarz. sie waren aus respekt gekommen. großvater hätte sich wohl darüber beklagt, dass sein anzug nicht gut genug gereinigt worden war. und dass die musiker ihre instrumente nicht besser gestimmt hatten. seine stimme klang mir noch im ohr. als wir vor der kirche standen, kamen die menschen einzeln zu uns, küssten meiner mutter die hand und strichen mir übers gesicht. er war auch da. er kondolierte auch mir. sein atem roch nach alten, schlechten zigarren und leerem magen. er würde die stadt noch heute wieder verlassen und bedauere, dass wir uns bei so einem traurigen anlass wieder treffen müssten, meinte er.

seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen. jemand hatte mir erzählt, er habe ihn in einer anderen stadt wiedererkannt, glaube ich. aber auch das ist schon jahre her. heute morgen hat mich mutter auf den markt geschickt, mit onkel tibi. es herrschte wieder trubel in der wohnung. alle waren so aufgescheucht wie damals. tante marischka sagte, der attaché würde am abend wieder zu besuch kommen. vater stimmte seine geige und ließ seinen anzug von mutter mit klarem wasser reinigen. er kam nur selten, das sagten alle. manche meinten, er sei ein entfernter verwandter, andere sagten mir, er sei ein freund meines großvaters gewesen. wirklich sicher schien sich aber tatsächlich niemand zu sein. ich wusste damals nicht, wieso er so ein wichtiger mann war. heute wusste ich es vielleicht ein bisschen mehr. und diesmal war auch ich unruhig. auf dem heimweg kaufte ich noch eine flasche palinka, obwohl ich mittlerweile wusste, dass er sich nicht so einfach bestechen ließ, wenn er zu besuch kam, der ehrenwerte herr tóth.

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