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Der Maswan-Schal

Mona Yaser (Pseudonym)
© Boushra Almutawakel, All in Gold (2026)
© Boushra Almutawakel, Alles in Gold, digitale Fotografie (2026)

 

Zum Glück ist hier ein freier Platz in diesem Café, da kann ich mich ein wenig ausruhen, bevor der Zug kommt. Wäre nur Mutter hier und könnte diesen Ausblick mit mir genießen. An dem Tag, an dem sie mich zur Welt brachte, verdoppelte sich ihre Liebe zum Frühling. Mir kommt es vor, als sei ich des Frühlings Geschenk an sie gewesen, denn sie nannte mich Zahra![1] Sie war für mich wie ein Baum. Hinter ihr konnte ich mich verstecken, wenn ich mich fürchtete. Und wann immer die Stimmung um mich herum hitzig wurde, flüchtete ich mich in ihren Schatten.

Mir wird warm in meinem Maswan-Schal. Der Duft meiner Heimat, der von ihm ausströmt, beruhigt mich. Wer wird mir glauben, wenn ich behaupte, dass ich – ein Mädchen, das an seiner Mutter hing – an jenem Tag eine weite Reise antrat und allein mein Schal mir genügen sollte, mich von meiner Einsamkeit abzulenken? Ich erinnere mich noch daran, wie ich damals das Haus meiner Mutter verließ. Ich war erst vier und weinte bitterlich. Erst als Abu Bakr Salem im Fernseher erschien, hörte ich auf zu weinen. Schau, vielleicht gibt er dir ein Zeichen und wird für dich singen, sagte mein Vater zu mir. Ich schaute gespannt auf den Fernseher, und wirklich, er zeigte in meine Richtung und sang für mich das Lied „Unvergleichliches Jemen“. Als mir klar wurde, dass ich mich getäuscht hatte, musste mein Maswan-Schal meine Tränen auffangen. Ein schwarzes Stück Stoff mit gelben und roten Streifen, von denen einige wiederum von einem glänzenden Silberstreifen durchzogen sind, ist zu einem Symbol für die Identität eines ganzen Landes geworden. Ich sehnte mich nach meiner Mutter.

Ein Mann betritt das Café und sieht sich um. Ich bemerke, dass es keinen freien Tisch mehr gibt, und biete ihm einen Platz an meinem an. Er bedankt sich. Woher kommen Sie? Aus dem Jemen, antworte ich. Assalam alaikum! Sie sprechen Arabisch? Er wechselt wieder ins Englische: ein bisschen. Zum Bergsteigen bin ich in einigen arabischen Ländern gewesen. Und waren Sie auch schon einmal im Jemen? Nein, aber – jetzt ist in seinem Blick eine gewisse Vorsicht zu erkennen – ich habe in den Nachrichten etwas über das Land gehört. Ich lächle. Sie kennen den Jemen also wegen des Krieges? Wissen Sie denn, dass der höchste Berg auf der ganzen arabischen Halbinsel, die Levante inbegriffen, der Dschabal an-Nabi Schu’aib im Jemen ist? Wirklich? Wie hoch ist er? Ungefähr 3.666 Meter. Wow. Und gibt es im Jemen noch andere Berge? Mein Land ist voll von Gebirgsketten. Zum Beispiel das Haraz-Gebirge, das mit wundersamen Terrassen und Festungen bebaut ist. Man hat den Eindruck, dass die Festungen mitten in den Wolken hängen. Das Dorf Hutaib, das auf einem sehr hohen Gipfel liegt, wird auch das hängende Dorf genannt. Es heißt sogar, dass es hier niemals regnen würde, weil es sich eigentlich über den Wolken befinde. Da serviert der Kellner einen Mokka, was mich auf eine weitere Sache bringt. Der beste Kaffee der Welt kommt aus den Dörfern des Haraz. Das ist das erste Mal, dass ich davon höre, dass im Jemen Kaffee angebaut wird! Wissen Sie, woher das Wort Mokka kommt? Er trinkt gerade einen Schluck aus seiner Tasse. Exquisit! Also: Es heißt eigentlich Mocha. Der jemenitische Hafen von Mocha war der erste Ort, von dem aus Kaffee in die Welt versandt wurde. Die Engländer konnten den Laut „ch“ jedoch nicht aussprechen und sagten statt Mocha Mokka. Unter diesem Namen wurde der Kaffee daraufhin bekannt.

Der Mann fragt mich, ob ich ihm ein paar Bilder von den Bergen des Jemen zeigen könnte. Ich zeige ihm Bilder vom Schibam und dem Sabir sowie der im Haraz-Gebirge liegenden Stadt Haddscha. Beeindruckt ist er, als ich ihm ein Bild der atemberaubenden Schahara-Brücke zeige. Diese Brücke spannt sich über einen tiefen Canyon. Ebenso fesselt ihn der auf einem Felsen errichtete Dar-al-Hajar-Palast. Ein so prächtiger Bau. Ich trauere um dieses Land, das so eine reiche Geschichte hat. Außer der traditionellen Kleidung ist uns nichts geblieben. Sie ist das Einzige, was zu zerstören der Krieg nicht geschafft hat. Und wir werden sie auf unserer ungewissen Reise nirgends liegen lassen.

Als ich die Rechnung bezahlen will, sagt der Kassierer auf Arabisch zu mir: Das geht aufs Haus! Wie bitte? An deinem Akzent habe ich erkannt, dass du aus dem Jemen kommst. Ich bin den Jemeniten etwas schuldig. Wie meinst du das? Na, wenn ihr die Kaffeepflanze nicht entdeckt und ein Getränk aus ihr gemacht hättet, dann wäre ich in meinem Leben nicht weit gekommen. Ihr habt der Welt gezeigt, wie man gut in den Tag startet. Ich lache. Allerdings wurde in der Türkei und in Ägypten der Kaffee zuerst verboten. Später sollte es dann türkischen Kaffee geben, während keine Nation das Kaffeetrinken so sehr zu einem Ritual gemacht hat wie die der Ägypter. Mir ist vollkommen unverständlich, wie Menschen ihren Tag ohne Kaffee beginnen können! (Ich denke bei alledem, dass es ebenso um die Jemeniten steht: Sie erfinden Dinge, und dann kommen andere und machen sie sich zu eigen.)

Dieser Kassierer ist nicht die erste Person, die mir freundlich begegnet, sobald sie erfahren hat, dass ich Jemenitin bin. Meine jemenitische Herkunft ist mit der Zeit zu einer Art Währung für mich geworden. Treffe ich einen Araber, so hellt sich sein Gesicht auf, wenn er hört, dass ich aus dem Jemen komme. Er erzählt dann von unserer Ursprünglichkeit, unserem Edelmut und unserer Liebe zur Wahrheit, aber auch von unserer besonderen Küche. Die Araber sind stolz auf ihre Wurzeln, die im Jemen lägen, der Urheimat der Araber, und preisen das Wörterbuch Lisan al-Arab des Jemeniten Ibn Manzur.

 

Ich sitze im Zug und denke über meine Mutter nach: Gibt es für sie eine Hoffnung, sich nach all den Krankheiten einmal wieder zu erholen? Eine Träne rollt über meine Wange. Eine greise Frau wird durch sie auf mich aufmerksam. Sie schaut mich mitleidig an: Geht es Ihnen gut? Ja, ich sehne mich bloß nach meiner Mutter. Ach, sei nicht zu traurig, wir alle müssen irgendwann unsere Mütter verlassen und uns einen Platz in der Welt suchen. Meine Söhne sind auch bereits aus dem Haus und besuchen mich nur noch während der Ferien. Aber ich kann meine Mutter nicht besuchen. Was kann einen Menschen davon abhalten, seine Mutter zu besuchen? Sie ist zu Hause, im Jemen. Wenn es bereits schwierig ist, in das Land hineinzukommen, so ist es doppelt so schwierig, es wieder hinauszuschaffen. Da fragt die Frau mich doch wirklich, ob der Jemen ein neuer Staat sei. Sie habe von diesem Land gerade zum ersten Mal gehört.

Ich habe bisher noch nie eine Person getroffen, die von der Existenz des Jemen nichts wusste. Wo soll man da anfangen? Sollte ich ihr vom Königreich der Sabäer erzählen, von der Königin Bilkis, die im 10. Jahrhundert vor unserer Zeit gemäß parlamentarischen Grundsätzen regierte? Oder eher vom angenehmen Klima, den immergrünen Bäumen – selbst im Herbst! –, ja und davon, dass ich einen Begriff von den Jahreszeiten erst gewann, als ich den Jemen verließ?

Der Jemen überdauert die Zeit, ist stets älter als die Gegenwart. Im Süden des Landes, in der Stadt Schibam im Hadramaut, wurden die ersten Wolkenkratzer der Geschichte erbaut. Sie bestehen aus Lehm. Schibam wird das Manhattan der Wüste genannt. Und Sanaa im Norden gehört zu den ältesten Städten der Welt. Sie wurde im 5. Jahrhundert vor unserer Zeit gegründet und ist seitdem immer bewohnt geblieben. Der Jemen ist das Land Ibn Chalduns, des Begründers der Soziologie und der Wissenschaft von der menschlichen Zivilisation.

Da kommt eine junge Frau ins Abteil. Sie hat einen Hund mit langem, weißem Fell bei sich, der leise ist wie eine Puppe. Die Frau trägt eine Kette mit einem Anhänger in der Form eines seltsamen Baumes. Vielleicht soll dieser Anhänger auch einen urzeitlichen Regenschirm darstellen. Er zieht die Aufmerksamkeit der greisen Frau auf sich. Sie haben eine schöne Kette. Ist das ein Symbol? Das ist der Drachenblutbaum, der nur auf Sokotra wächst, nirgends sonst. Die Insel Sokotra gehört zu den Emiraten.

Da merke ich auf: Entschuldigen Sie, aber Sokotra gehört zum Jemen, nicht zu den Emiraten. Sie starrt mich mit großen Augen an, als sei ich ein Dieb, der ihre Insel stehlen will: Vielleicht meinen Sie eine andere Insel. Das Zugangsrecht zu Sokotra, dieser bezaubernden Insel, erhält man jedenfalls nur von Dubai. Dann fängt die junge Frau an von den seltenen Pflanzen zu erzählen, die sie auf dieser Insel gesehen habe, und dass ein Drittel der dort zu findenden Lebewesen einzigartig sei. Der besagte Drachenblutbaum sei das berühmteste von ihnen. Auch erzählt sie davon, dass Sokotra von der UNESCO zum Weltnaturerbe ernannt wurde. Ich habe kein Interesse daran, mich mit ihr zu streiten. Würde sie einmal einen Blick auf die Berichte der UNESCO werfen, so würde sie sehen, dass Sokotra zum Jemen gehört und dass der Jemen seit Langem als Friedhof der Invasoren ins historische Gedächtnis eingegangen ist.

Ich stecke mir meine Kopfhörer in die Ohren, um mich ein wenig mit Musik berieseln zu lassen. Wenn eine Jemenitin entscheidet, zu fliehen, so muss sie sich ihren Weg durch Wälder bahnen, Meere überqueren und mit Schleusern fertigwerden. Am Ende erliegt sie den Klängen der Heimat. Ein einziges Lied kann sie zurück in die vertrauten Gassen oder hinauf auf Jemens Berge befördern. Schmerzerfüllt harrt ihre Seele des Moments, da sie wirklich einmal in die Arme ihrer Familie und den Kreis ihres Stammes wird zurückkehren können. In dieser Weise beginnt gerade ein Lied von Hadeel Hussein auf mich zu wirken:

 

Wenn die Entfernung doch vergehn könnte

wenn das Schicksal ihn zu mir brächte

er für immer bei mir wäre

nur für mich allein

 

Doch was bleibt mir noch

außer Verlust, außer Schmerz?

Oh Herr, Du kennst mein Leid

Du hörst mich

 

Meine einzige Schuld war die Liebe –

zu einem jemenitischen Mond

Seine Erinnerung hält mich wach

ich kann ihn nicht vergessen[2]

 

In der Fremde hat sich in mir eine Sehnsucht nach den streunenden Hunden meines Landes entwickelt, ihrem Bellen und ihrem Hinterherlaufen hinter allen Autos, die an unserer Gasse vorüberfuhren. Ich sehne mich nach den zankenden Nachbarskindern und dem Leid, das wir alle miteinander teilten. Hier hat jeder Mensch sein ganz eigenes Leben, aber auch seine ganz eigenen Probleme. Selbst das Gesetz ist hier eine Schere, mit der ein Beamter, entsprechend seinen Fähigkeiten und seinem Charakter, herumhantiert und so über das Schicksal anderer Personen entscheidet. Wir denken jeden Tag an die Rückkehr. Der Hochmut unserer Träume hindert uns daran, die Menschen wirklich loszulassen, von denen wir uns eines Tages verabschiedet haben. Doch wie würden wir zu ihnen zurückkehren? Käme die Rückkehr nicht einem noch größeren Bruch als dem des Fortgangs gleich? Wir versuchen auszublenden, zu vergessen.

Wiederum kommt eine Frau in das Abteil. Woher kommst du? Aus Japan, antwortet sie der Greisin. Diese wendet sich zu mir: Sag ihr, woher du kommst. Ich komme aus dem Jemen. Haben Sie schon einmal von dem Land gehört? Sie macht einen interessierten Eindruck. Ich kenne einen berühmten jemenitischen Künstler. Er wird der Meister der Oud genannt. Sie sprechen von Ahmad Fathi, nicht wahr? Genau! Vor einigen Jahren ist für ihn in Tokio eine Feier veranstaltet worden. Vor der Landung soll er das rote Farbenmeer unter sich gesehen und die Chefstewardess gefragt haben, wo eigentlich Tokio sei. Es liegt unter dieser roten Rose, habe sie zu ihm gesagt. Einen Tag nach seiner Ankunft fand dann das Sakura-Fest zur Feier der Kirschblüten statt. Bei diesem Fest werden die Kirschblüten einmütig von den Menschen gepriesen. Fathi war verwundert über unsere Fröhlichkeit, die er für eine Art Verehrung und Andacht hielt. Zu diesem Eindruck hat sicherlich auch das Hören des Sakura-Liedes beigetragen. Zudem weiß ich, dass Fathi einmal mit dem Moskauer Symphonieorchester in Moskaus Tschaikowsky-Konzerthalle aufgetreten ist. Weiterhin trat er auf Festen in Berlin, London und Washington auf und übernahm einmal die musikalische Eröffnung der Nobelpreisverleihung. Gibt es außer ihm noch andere wichtige jemenitische Musiker? Ich rate ihr, sich einmal den jungen Maestro Mohamed Al-Ghoom anzuhören. Wir Jemeniten bewältigen das Leben, indem wir unser Leid zum Tanzen bringen „wie eine Feder“, um mit den Worten Abu Bakr Salems zu sprechen. Mit dem Skalpell der Geduld halten wir unsere Gefühle in Schach.

Dein Land scheint ziemlich spannend zu sein, sagt die schöne Greisin. Ja, die Römer gaben ihm den Namen Arabia felix, das glückliche, gesegnete Arabien. Warum hast du es dann verlassen? Meine Mutter hat mich fortgeschickt! Warum schickt eine Mutter ihre Kinder fort? Ich werde rot.

Diese Entscheidung lag nicht in ihren Händen. Sie hörte sich die Ratschläge ihrer Freunde an. Unsere Nachbarn fanden einen Weg, in unser Leben einzudringen. Sie bewegten sich in unserem Haus, als stünden sie unter keinerlei Gesetz, intrigierten zwischen mir und meinen Geschwistern, stahlen unseren Schmuck und beschmutzten unseren Ruf. Ich wollte meine Mutter rügen, doch es war schon zu spät. Es war im Frühling, den sie so liebte, dass das Unglück über sie kam. Sie war unbedacht. Es war im Frühling 2011, dass sie ermordet wurde.

 

 

[1] Der arabische Name Zahra bedeutet wörtlich Blume oder Blüte [A. d. Ü.].

[2] Die Verse sind aus dem Lied „Gamar Yamani“ („Jemenitischer Mond“). Die deutsche Übersetzung habe ich vom HadeelMusic Team übernommen, das in sorgsamer Arbeit den emotionalen, metaphorischen und kulturellen Gehalt der Verse, die im jemenitischen Arabisch verfasst sind, ins Deutsche übertragen hat. Ich bedanke mich vielmals beim Team vom HadeelMusic, dass ich diese Übersetzung hier wiedergeben darf. Das Lied „Gamar Yamani“ ist abrufbar über die Website https://hadeelmusic.com/ (A. d. Ü.).

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