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Mann weg, Hund da

Basma Abdel Aziz

 

© Nada Elissa, Fotografie aus der Serie "Odette und Mister Jesus"

Eines Tages erschien die alte Frau, die jahrelang niemand von uns gesehen hatte, plötzlich auf der Zufahrt zu der Villa, in der sie wohnte. Hätten wir sie früher kaum erkannt, wenn wir ihr irgendwo anders begegnet wären, sahen wir sie nun fast jeden Tag. Sie öffnete das mächtige schwarze Tor und ließ den Jungen vom Lebensmittelladen herein, bei dem sie immer einkaufte, sie öffnete dem Bügler, dem Mann, der das Geld für Strom, Gas und Wasser kassierte, dem Gärtner, der sich zweimal in der Woche ohne sichtbare Ergebnisse in ihrem Garten zu schaffen machte, und der dürren Zugehfrau mit dem krummen Rücken, die bei ihr den Flur und die Zimmer putzte.

Altersbedingt ging die Frau eher langsam, aber immerhin lebte sie nun nicht mehr versteckt, sondern lief täglich zum Tor und zurück. Dabei trug sie ihre Geldbörse bei sich, um nicht zurück ins Haus zu müssen, falls es der Rechnungsmann oder der Junge vom Laden war, der dort klingelte. Alle Nachbarn wunderten sich über ihre plötzliche Aktivität, aber niemand nahm sich die Zeit, den Grund dafür herauszufinden.

Kurze Zeit später hatte die Frau plötzlich einen jungen schwarzen Hund, der pausenlos bellte, und nun erfuhren wir, was in ihrem über achtzigjährigen Leben passiert war. Sie hatte ihr Verhalten nicht von sich aus geändert. Vor drei Monaten war ihr Mann gestorben, ohne dass irgendjemand von uns Nachbarn etwas davon mitbekommen hätte. Die alte Dame musste nun ganz allein mit dem großen Haus zurechtkommen.

Wir freuten uns, dass durch die Besucher nun alles etwas lebhafter wurde, aber die meisten vermuteten auch, dass die alte Frau nun wohl bald zu einem ihrer Kinder umziehen würde. Doch monatelang passierte nichts, außer dass ihre Söhne und Enkel sie an freien Tagen besuchten. Wir sahen Jungen und Mädchen verschiedenen Alters in Schulkleidung, die mittags bei ihr klingelten, eintraten und im Garten herumhüpften. Nach ein paar Stunden holten ihre Eltern sie ab und brachten sie nach Hause.

Mit der Zeit wurde das ein gewohnter Anblick. Besonders am Freitag waren es lange Besuche, ein blaues Auto parkte den ganzen Tag lang in der Einfahrt und fuhr abends wieder weg, die älteren Besucher bewegten sich um eine Tischtennisplatte herum, immer zur gleichen Zeit gab es Mittagessen, die Kinder spielten Räuber und Gendarm, wobei sie sich in zwei Gruppen aufteilten und am Ende stets der Kleinste heulend ausschied. Wir gewöhnten uns an diese neue Ordnung im Haus der Nachbarin und traten nicht mehr jedes Mal auf den Balkon, um zu sehen, woher der Lärm kam.

Woran sich jedoch niemand von uns gewöhnen konnte, war das endlose Hundegebell. Einmal oder zweimal beklagten sich Anwohner über den ewigen Krach, aber so sehr die erwachsenen Kinder der Alten sich auch abmühten, dem Schäferhund etwas Nützliches beizubringen, sein Bellen hörte nicht auf. Einmal blieb er zwei Tage lang still, nur um dann wieder weiterzukläffen. Der älteste Sohn brachte nach weiteren Beschwerden eines Tages einen professionellen Hundetrainer mit, der dem Hund Befehle auf Englisch erteilte und viel Geld dafür bekam, wie die Familie uns immer wieder mitteilte, wenn wir uns beschwerten.

Nach einer Weile aber gab auch der Hundetrainer auf und blieb der Villa fern. Der Hund machte weiter wie zuvor und bellte von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang. Manche der direkten Nachbarn drohten nun damit, das Tier zu vergiften, um dem unerträglichen Lärm ein Ende zu bereiten, und selbst die geduldigsten Anwohner versammelten sich und suchten nach einer Lösung. Aber alle waren ratlos. Immer wenn sie das schwierige Thema ansprachen, wurde ihnen gesagt, der Hund beschütze die alte Dame und ohne ihn könne sie sich nicht sicher fühlen.

Mit der Zeit wurde die Sache immer absurder. Mit etwas Schadenfreude stellten wir fest, dass die Alte sich an eine alte Lebensweisheit erinnerte, nämlich dass Hunde unreine Geschöpfe seien und man dem Tier besser nicht zu nahekommt und es nicht anfasst. Also kettete sie ihn weit weg vom Haus an und ließ ihn weiterbellen. Der Hund wuchs, aber er hörte nicht auf zu bellen.

Wir erfuhren, dass der Hund nun ein Halsband trug und an einen Baum gekettet war. Der Baum war eingezäunt. Die Alte verrichtete ihre Aufgaben allein; sie öffnete das Tor, bezahlte ihre Rechnungen, ließ sich ihre Wäsche geben und führte die Ableser zu den Wasser- und Stromzählern. Das alles tat sie, während der Hund in einen Käfig gesperrt war. Wir waren uns sicher, wir würden eines Tages erwachen und in der Zeitung lesen, dass eine alte Frau ausgeraubt und in ihrem Haus ermordet worden sei, während ihr Hund nur gejault habe. Aber wir konnten nichts tun. Die Söhne bestanden darauf, es gehe ihnen um die Sicherheit ihrer Mutter. Einer von ihnen brachte ihr sogar einen bissigen Hund, der jeden zerfleischt hätte, der auch nur versucht hätte, sich ihr zu nähern. Die Söhne taten so, als müssten sie sich verteidigen gegen eine Anschuldigung, die niemand erhoben hatte. Sie begründeten das Alleinsein ihrer Mutter damit, dass man das Haus der Familie nicht aufgeben wolle und dass sie das größte Anrecht darauf habe und dass der Hund sie schütze.

Sie wussten so gut wie wir, dass der Hund außer Bellen nichts tat, dass die Alte sich nur mühsam bewegen konnte und schwerhörig war und dass es ihr schlecht ging, dass ihr Lebenspartner weg war und dass sie sich seither nicht mehr wohlfühlte. Es war schwierig, das alles mit einem Hund auszugleichen, egal wie lieb und groß er war.

Irgendwann sprachen wir nicht mehr über das Hundegekläff. Wir hatten begriffen, dass hinter dem schwarzen Tor eine große Einsamkeit herrschte, die nun eine doppelte war. Denn auch der Hund, wie die Alte selbst, hatte niemanden, mit dem er sein Leben teilen konnte, auch er war einsam, sie beide teilten das Warten auf jemanden, der käme und ihnen ihre Verlassenheit und Leere nehmen würde: einen Besucher, einen Verwandten oder Freund oder auch auf den Milchverkäufer. Bis wir selbst umzogen in ein anderes Viertel. Der Hund bellte weiter, die Alte wurde immer schwerhöriger und ihren Kindern war es recht.

 

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