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Sandalen

Maliha Naji (Pseudonym)

 

© Hanifa Alizada

Unter ihrem roten Schleier schaute zerzaustes Haar hervor. Mit ihren Fingern, die vom Ruß des Backofens schon ganz schwarz geworden waren, griff sie nach dem Glas. Dann drehte sie sich zu ihrem Mann und sagte: „Gul Ahmad! Ich habe solche Schmerzen im Kreuz. Gib mir etwas von dem Päckchen Vix, das du mitgebracht hast. Ich meine die mit einer Wirbelsäule auf der Verpackung. Dieser Schmerz bringt mich noch um. Schon wenn ich mich nur zum Backofen runterbücke, gehe ich fast kaputt.“

Gul Ahmad hockte sich auf die Knie und hob das Glas an den Mund. Sein schwarzer Schnurrbart berührte den Rand. „Puh, das schmeckt ja bitter wie Gift! Los, bring mir Bonbons oder Melasse, wenn noch etwas da ist.“

Es kratzte, als Sarmina mit ihren rauen Fersen über den grauen Teppich ging. Mürrisch sagte sie: „Ach, wenn ich sie doch nur los wäre! Nicht einmal mehr laufen kann ich. Da blutet einem das Herz. Verflucht seien diese Fersen!“

Gul Ahmad lachte laut auf: „Welcher Teil von dir ist denn noch ganz? Da bleibt wohl nur der Hals übrig.“ Sarmina spitzte ihre Lippen, als schmollte sie, und blickte zu ihm hinüber. Sie zog den Schlüsselbund hervor, den sie unter ihrem Kleid über der Brust trug, öffnete eine Schatulle, streckte ihm etwas hin und fragte: „Reicht das?“ Gul Ahmad kniff die Augen zusammen: „Das reicht. Hauptsache, ich kriege diesen Tee runter.“

Mit ihren schwarzen Fingern gab die Frau ihm ein paar Bonbons und sagte dann: „Deine Bonbons sind bald alle. Und Melasse ist auch keine mehr da. Als dein großer Bruder vor einigen Tagen hier war, habe ich die letzte Melasse in das Halwa gegeben. Es ist wie verflucht! Wir kommen nicht mehr klar. Wir sind vollkommen blank. Deine Schwägerinnen werden mir auch nichts mehr leihen. Verflucht sei diese Armut!“

„Frau, beruhig dich! Was wir am nächsten Tag brauchen, wird uns Gott am Abend davor schicken. Wir mussten noch nie jemanden um Hilfe bitten. Und wenn Gott gnädig ist, werden wir auch diesen Tag überstehen. Lass das jetzt! Die Schuhe, die ich für deine Söhne besorgen soll, werde ich mir schon noch leisten können.“

„Mann! Lachtas Sandalen sind auch ganz zerschlissen. Draußen ist es kalt. Sie rennt den ganzen Tag mit den anderen Kindern draußen umher und ihre Zehen werden jedes Mal blau. Bring ihr ein Paar Plastiksandalen mit. Aber pass auf, dass sie diesmal nicht zu groß sind. Sie machen sonst zu viel Lärm beim Gehen. Vier gespreizte Finger breit ist groß genug für sie.“

„Gut. Lass mich! Ich werde schauen, wie viel Geld noch übrig ist. Wenn alles gut läuft, werde ich diesmal genug verdienen. Gieß mir noch eine halbe Tasse Tee ein! Ich darf nicht zu spät kommen.“

Gul Ahmad war bei einem Unternehmen in Kabul angestellt und verteilte Papierservietten und Mineralwasser in den Läden der Stadt. Manchmal lief das Geschäft gut, aber manchmal verdiente er auch kaum etwas. Als er aus dem Haus trat, rief er, schon im Hoftor stehend, seine beiden Söhne: „Ghurdzang und Nasir! Kommt her!“

Ghurdzang und Nasir, die mit ihren Cousins im Hof der kleinen Wohnburg Schlagball spielten, rannten schnell herbei.

„Ja, Vater!“

„Kommt, ich will eure Füße messen. Die Schuhe kann ich später nicht umtauschen.“

„Vater, soll ich eine Schnur bringen? Als du unsere Füße beim letzten Mal mit den Fingern gemessen hast, waren die Schuhe zu eng.“

Der Mann rückte den schwarzen Turban auf seinem Kopf zurecht und rief zu Sarmina: „Frau, bring mir Zwirn! Ich will die Füße der Jungen messen.“

Sarmina rannte los und brachte eine Rolle schwarzen Zwirn. „Hier, nimm!“

Gul Ahmad steckte die beiden Fäden in seine Westentasche. Die Ränder seiner schwarzen Weste glänzten. Er nahm den Turban vom Kopf und strich mit der Hand über sein Haar. Dann setzte er die Kappe auf, wickelte den Turban darum und strich das lang herabhängende Ende glatt. Durch die hellgraue Veranda ging er nach unten und rief: „He, Sarmina! Ich gehe jetzt los. Am Donnerstag bin ich zurück. Es ist sehr kalt dort. Selbst im Zimmer wird man es kaum aushalten können.“ Sarmina griff nach einem Wassereimer und rief ihm nach: „Gut. Geh jetzt! Gute Reise!“

Gul Ahmad trat durch das Tor. Das Wasser, das Sarmina ausgeschüttet hatte, floss unter seinen Füßen davon. Mit großen Schritten eilte Gul Ahmad nach unten ins Dorf. Wenige Augenblicke später war er zwischen den Häusern verschwunden. Sarmina stand in der Tür und schaute ihm ängstlich nach. Die Sonne war schon halb hinter den grauen Wolken verschwunden.

Tage und Nächte vergingen. Sarmina beugte sich zum Backofen hinunter und stöhnte. Sie griff sich ins Kreuz und sagte zu sich: „Diese verfluchten Schmerzen! Wenn ich doch nur eine etwas größere Tochter hätte! Dann hätte ich keine Sorgen mehr. Leichten Fußes würde sie sich um das Haus kümmern, so wie bei Sarmin Gul.“ Sie wickelte zwei heiße Chapatibrote in ein Stück Stoff, gab etwas Butter in eine kleine Schüssel und ging Richtung Zimmer.

Ihre Tochter Lachta saß mit ihren beiden Brüdern am anderen Ende des Zimmers. Glänzende Murmeln klickten gegeneinander. Sarmina sagte zu ihnen: „Kommt her und lasst jetzt die Steine sein! Esst Butter und Chapati. Sonst spielt ihr noch, bis es Mittag ist, und könnt später vor Hunger nicht umherlaufen.“ Ghurdzang kam zu ihr und wickelte das Tuch auf. Nasir setzte sich mit zitternden Händen in den Schneidersitz. Lachta saß seitlich und schob ihre wilden blondenHaare von der Stirn. Sie wischte sich über die Augen und gähnte. Sarmina schaute zu ihr: „Was ist denn mit dir los? Du bist doch schon sechs. Steh auf und wasch dir das Gesicht!“

Alle setzten sich um das Speisetuch und nahmen kleine Happen mit etwas Butter aus der Schüssel. Sarmina dachte nach. Dann sagte sie: „Ghordzang! Welchen Tag haben wir heute? Ich bringe schon die Tage durcheinander. Dein Vater kommt am Donnerstag.“

„Mutter, heute ist Donnerstag, aber Vater kommt bestimmt erst in einer Woche. Meistens kommt er doch erst nach fünfzehn oder sogar erst nach zwanzig Tagen. Es ist noch Zeit, Mutter.“

„Oh, oh! Es ist schon Donnerstag! Mir scheint, als sei er erst gestern weggegangen. Wenn ich doch nur die Tage gezählt hätte! So ist es, wenn man nicht zur Schule gegangen ist. Hätte ich mir diesen Tag doch irgendwie markiert! Nichts habe ich vorbereitet. Morgen ist Freitag und im Haus von Qazi Farid ist eine Gedenkfeier.“

Da klopfte es an der Tür. Sarmina sagte zu Ghurdzang, der gerade ein Stück Brot in den Mund nehmen wollte: „Schnell, mein Sohn! Schau nach! Es könnte dein Vater sein.“

„Mutter, es ist erst halb acht. Wenn Vater kommt, dann wohl erst in zwei Stunden. Das ist bestimmt Batur. Wir haben uns mit den Jungen vom unteren Dorf zu einem Kricketspiel verabredet.“

Als Ghurdzang die hölzerne Tür öffnete, schepperte die Kette. Der Junge steckte den Kopf durch den Spalt und rief: „He! Wer hat da bei uns geklopft?“

Es war ein großes Dorf. Aus einigen Häusern stieg grauer Rauch auf. Jenseits der Häuser am Berghang waren alte Bäume zu sehen, die das Dorf umsäumten. Am blauen Himmel strahlte die Sonne. Die Luft war mild. Vier Jungen aus dem Dorf standen da. Sie schwitzten und hatten die Kappe vom Kopf genommen. Sie rieben sich die Hände. Einer rannte vor und sagte: „Ghurdzang! Es ist schon spät. Lass uns gehen! Wir müssen die anderen rufen. Komm jetzt raus. Du bist selbst schon fast zu spät.“

„Warte einen Moment! Ich ziehe nur meine Socken an. Wir kommen gleich.“

Flink rannte er die vier Stufen nach oben. Mit zwei weiteren Schritten war er auf der Terrasse angelangt und trat ein. Teeschalen klirrten. Sarmina sagte erbost: „Sei vorsichtig, mein Sohn! Du hast die Teeschalen zerbrochen.“ Ghurdzang und Nasir rannten durch die Hoftür nach draußen. Hinter ihnen wurde die Tür verschlossen.

Die Uhr zeigte zehn. Sarmina saß im Hof. Ihr schwarzes Haar leuchtete im Licht der Sonne. Sie hielt den bestickten Saum ihres grauen Kopftuchs mit den Zähnen fest und führte einen Kamm durch das blonde Haar ihrer Tochter. Liebevoll sagte sie zu ihr: „Ich weiß nicht, nach wem du kommst. Weder ich habe blonde Haare noch dein Vater.“

„Mutter! Tante Schirin und Tante Gul Aka sind doch blond.“

„Deine Mutter hat dich lieb. Du bist natürlich eine von uns. Pass auf, dass du dir die Hände und Füße nicht schmutzig machst! Morgen gehen wir zu dem Gedenkessen.“

Lachta fuhr mit der Hand über ihr Haar. Die kleinen rundlichen Finger glänzten im Sonnenlicht. Sie sagte: „Mutter, werden wir auch Pepsi trinken?“

„Nein, mein Kind. Jetzt ist es kalt, da gibt es keine Pepsi.“

„Mutter, gibt es Fleisch?“

„Ja, mein Kind. Im Reis wird es auch Fleisch geben.“

„Mutter! Ich werde nach draußen gehen. Mach dir keine Sorgen! Ich werde mir meine Hände nicht schmutzig machen.“ Lachta sprang auf und machte gleich noch einen Sprung hinterher. Sarmina rief ihr nach: „Langsam! Und lass die Tür hinter dir offen, für deinen Vater, wenn er kommt.“ Lachta ging nach draußen. Sarmina blieb sitzen und streckte ihre Füße über der grauen Matte aus. Die warme Sonne strahlte auf ihre weißen Fersen. Sie lehnte sich gegen die Mauer, atmete tief ein und blickte zum Himmel. In seinem Blau waren nur hier und da kleine Wolken zu sehen. Sie genoss die Wärme der Sonne und die frische Brise. Als die Sonne ihre Augen zu blenden begann, blickte sie nach unten und versank in Gedanken. Einige Augenblicke später wurde die Tür aufgeschoben und Gul Ahmad trat ein. Er hatte einen großen Sack dabei.

„Komm, Frau! Nimm den Blumenkohl und die Orangen!“ Sarmina sprang auf und rannte zu ihm. „Herzlich willkommen! Du musst erschöpft sein.“

„Ja. Nimm das, Frau! Die anderen Sachen kannst du dir später ansehen.“ Sarmina brachte die Lebensmittel in die Küche. Die Tomaten legte sie in einen schwarzen Topf.

Gul Ahmad hatte sich inzwischen auf eine Matratze gelegt. Der Turban lag neben ihm am Fenster. Er sagte: „Bring mir etwas Tee! Es ist kalt geworden. Unterwegs bläst einem der Wind in die Nase.“

„Hier, nimm! Es gibt auch frische Milch. Soll ich sie dir bringen?“

„Nein, nein. Es ist kurz vor Mittag. Da wird die Milch nicht schmecken. Komm, schau dir die Schuhe an! Ruf die Kinder!“

„Ghurdzang und Nasir sind nicht da. Sie sind unten am Bach. Samsur und Batur aus dem unteren Dorf waren da und haben sie zu einem Spiel abgeholt. Und Lachta ist nach draußen gegangen. Der Onkel von Ogei ist gekommen. Morgen ist doch das Gedenkessen bei Qazi Farid.“

Sarminas Augen strahlten vor Freude. Mit einem Lächeln auf den Lippen sagte sie: „Du hast ja richtige Kabuler Turnschuhe für Lachta mitgebracht.“

„Ja, sie waren ganz günstig und sie sind warm. Da habe ich mir gesagt, dass ich ein Paar für meine Tochter mitnehmen sollte.“

Mit weit geöffneten Augen blickte Gul Ahmad auf die Berge, die hinter der großen Fensterscheibe zu sehen waren. Alles war still. Nicht einmal die Vögel auf den trockenen Zweigen der Bäume konnte man hören. Die Sonne verschwand langsam hinter den grauen Wolken. Hin und wieder fiel ein gelbes Blatt vom Baum neben der Hoftür. Gul Ahmad nahm einen großen Schluck Tee. Er hatte die Schale noch nicht einmal zur Hälfte ausgetrunken, als ein lauter Knall ertönte. Die Fensterscheibe flog heraus. Laut kreischend flatterten die Vögel davon. Alle Blätter raschelten auf einmal von den Bäumen und der Boden hüllte sich in die Farbe des Herbstes.

„Gott behüte! Das war nicht weit weg.“

Gul Ahmad ging vor, Sarmina lief ihm hinterher. Barfüßig rannten beide durch graue Schleier hindurch zur Hoftür. Überall war Rauch. Der Geruch von Schießpulver brannte in der Nase. Gul Ahmad musste sich die Nase reiben. Frauen und Männer aus dem Dorf versammelten sich. Gul Ahmad rieb sich die Augen und rannte zu ihnen, während er Sarmina von den Männern des Dorfes entfernt hielt. „Bleib hinten!“ Sein Herz pochte heftig, als er nach vorne ging. Sarmina war ganz blass geworden. Ihr stockte der Atem, sie hatte ein ungutes Gefühl in der Brust.

Einen Moment lang war alles still.

Das Dorf war in Rauch gehüllt. Auf den grauen Zweigen der Bäume saßen keine Vögel mehr. Selbst der große Berg war vor lauter Rauch nicht mehr zu sehen. Der Himmel war mit schwarzen Wolken bedeckt.

Vorsichtig machte Gul Ahmad zwei Schritte nach vorn. Seine Füße wurden schwer, als er zum Boden schaute. Er beugte sich hinab. Neben ihm lag ein von Blut überströmter Körper. Lachta war tot.

Das Projekt Untold – Weiter Schreiben Afghanistan ist eine Initiative der KfW Stiftung in Kooperation mit „Untold – Write Afghanistan“ und Weiter Schreiben. Dieser Text ist zuerst auf Englisch im Rahmen von „Untold – Write Afghanistan“ erschienen. 

Hier können Sie den Briefwechsel zwischen Maliha Naji und der Schriftstellerin Dilek Güngör lesen.

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