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Der Schnäppchen-Mann

Maryam Djahani
Weiter Schreiben Mondial Bild zum Text von Maryam Djahani © Ramin Parvin
© Ramin Parvin, Ungesagt, mixed media, Papier, Plastikpapier, Acryl, 30 x 43 cm (2022)

 

Als ich die Kühlschranktür öffnete, runzelte meine Frau die Stirn.

„Hey! Du machst ja schon wieder die Tür auf?! Was willst du?“

Ich brauste auf – ich weiß nicht, ob mein Brummschädel schuld war oder die Rüge meiner Frau.

„Miststück, was geht’s dich an! Ich will meinen Stoff!“

Sie fuhr mit der Hand über die Eierablage und streckte mir einen schwarzen, wasserdichten Plastikbeutel entgegen.

„Da, dröhn dich zu. Aber leg dein Mistzeug ab sofort nicht mehr hier rein.“

Meine Knie stachen vor Verlangen nach der nächsten Dosis. Ich hatte keine Kraft zurückzukeifen und griff nach dem Plastikbeutel. Als ich die Kühlschranktür schließen wollte, schrie sie:

„Was soll das, lässt du’s jetzt an der Tür aus? Mach sie gefälligst leise zu.“

Aus Trotz gab ich der Tür einen heftigen Stoß und setzte mich mit meinem Stoff in der Faust zum Picknick. Ich warf einen wütenden Blick auf den Kühlschrank. Alles hatte mit der Ankunft dieses zwei Meter hohen Ungetüms begonnen. Side by Side Emerson. Schön. Geräumig. Sicher. Das mit dem „geräumig“ war so eine Sache. Jemandem wie mir, mit meinem mageren Einkommen als Privattaxifahrer, ließ die Vorstellung, gleich zwei Kühlschrank-Mäuler füllen zu müssen, die Haare zu Berge stehen. Ganz zu schweigen vom Kauf des Kühlschranks selbst. Aber meine Frau kapierte das einfach nicht. Seit einem Monat, von dem Abend an, als dieser verdammte blonde Typ mit dem Kühlschrank auf der Schulter aus dem Meer stieg, war sie völlig aus dem Häuschen.

Vorher beschränkten sich unsere Auseinandersetzungen darauf, dass sie zum Beispiel fragt, „Wie ist meine Haarfarbe geworden?“, ich antworte, „Hast du dir denn die Haare gefärbt?“ und sie ein Schimpfwort murmelt und sich in ihre Kocherei vertieft. Oder dass sie schlimmstenfalls bohrt: „Rate mal, was ich heute an mir verändert habe?“ Und ich ihren Kopf und Körper mustere, aber doch nur sehe, dass sie die gleiche Frau wie gestern ist.

An jenem Abend aber ging die Sache nicht mit Frage, Antwort und einem gemurmelten Fluch aus. Ich hatte es mir mit meinen Utensilien gemütlich gemacht und guckte einen Actionfilm, als meine Frau mit rosa geschminkten Lippen und schwarzem Lidstrich aus dem Zimmer kam und sich direkt neben mich setzte.

„Willst du nicht schlafen kommen?“

Ich warf einen Blick auf ihre rosafarbenen Lippen.

„Was willst du von mir? Geh du doch schlafen.“

Sie ging nicht. Stattdessen wickelte sie so lange ihre Haare um die Finger und wartete auf mich, bis der Actionfilm in Werbung überging und ein großer, blonder Mann in Slash-Hosen mit nacktem Oberkörper und muskulösen Schultern aus dem Meer stieg. Als wäre es eine Feder, trug er auf der Schulter einen Emerson. Noch attraktiver als er selbst war seine Stimme: „Die bewundernswerte Schönheit der iranischen Frau neben Side-by-Side Emerson. Schön. Geräumig. Sicher.‘“ Der Blick meiner Frau glitt vom Mann zum Kühlschrank und vom Kühlschrank zu mir, und sie verlor das Interesse am Haaredrehen.

„Wie cool!“

Ängstlich sah ich von meiner Frau zu dem Mann, der noch einmal „Schön. Geräumig. Sicher“ wiederholte. Innerhalb von zwei Minuten räumte ich meine Utensilien zusammen und sagte: „Steh auf, Frau, lass uns schlafen gehen.“

Dann fragte ich sie, was an unserem süßen kleinen Filco denn auszusetzen war. Ist er nicht weiß, wie es sich für einen Kühlschrank gehört? Doch, ist er. Halten die Magneten seine Tür nicht standhaft umklammert wie das eig’ne Leben? Doch, tun sie. Außerdem versetzt sein Gefrierfach einen nicht in Panik, womit man es füllen soll. Es ist so groß wie unser Brotkasten. Wenn ich Manns genug bin und mich anstrenge, fülle ich es … Sie wandte den Blick vom Sixpack des Mannes und musterte mich verächtlich. „Wenn du ein Mann wärst, würdest du nicht so aussehen.“

Ich betrachtete mich von der Hüfte abwärts. Meine Arme und Beine stellten locker einen Wasserpfeifenschlauch in den Schatten. Bevor ich ihr mit „Männlichkeit misst sich nicht am Körperumfang, sondern am Eifer“ und dergleichen Blabla kommen konnte, stellte meine Frau das Teetablett vor mich hin.

„Den müssen wir kaufen.“

Ich steckte einen Zuckerwürfel in den Mund und kaute. Während ich auf den heißen Tee blies, zappte meine Frau wie eine Süchtige, die ihren Stoff nicht bekommen hat, durch die Programme, um die Werbung noch einmal zu sehen. In den folgenden Tagen fiel mir auf, dass sie, wenn wir beispielsweise gerade bei Tisch saßen, sofort lauter stellte und „psst …“ zischte, sobald im Fernsehen Werbung lief. Dann starrte sie mit fettigen Lippen auf die Mattscheibe, bis die Reihe an die Emerson-Werbung kam und die drei magischen Worte erklangen: „Schön. Geräumig. Sicher.“

So oft sprang der blonde, durchtrainierte Mann mitten in Spielfilme, Musikprogramme und Tierfilme, so oft sprang er mitten ins Bild und sagte „Schön. Geräumig, Sicher“ und so oft wurden seine Lippen rund wie ein Fischmaul und sagten mit schmeichelnder Stimme: „Design Snova“, dass meine Frau nicht mehr widerstehen konnte. Sie hinterlegte sieben meiner Schecks zu 500.000 Rial für die Raten und kaufte den Kühlschrank. Am Tag, als zwei Transporteure ihn brachten, nachdem wir unter tausend Schwierigkeiten in der Küche Platz für ihn freigeräumt hatten, stellte sich meine Frau vor ihn hin, machte die Lippen rund wie ein Fischmaul und sagte: „Snova.“ Dann setzte sie sich in ihrem himbeerfarbenen Top, das kaum bis zum Nabel reichte, mit dem Rücken zur Diele auf den Küchentresen. Kerzengerade. Direkt gegenüber dem Kühlschrank. Als mir klar wurde, dass ich nicht mit einem Mittagessen rechnen konnte, nahm ich Brotkorb und Käselaib und setzte mich an den Tisch, um mich zu stärken und danach eine Runde zu inhalieren. Meine Frau heftete die Augen auf den Kühlschrank und sagte mit gedämpfter Stimme: „Er ist silbern.“

Während ich an meinem Bissen kaute, sagte ich: „Auf der Verpackung steht Silver.“

Sie schwärmte: „Als ob unter seiner Haut lauter Glitzersteinchen wären.“

Ich erklärte: „Weil er eine Metallic-Beschichtung hat.“

Sie fuhr fort: „Er sieht aus wie ein riesiger Kerl, der die Arme für dich ausbreitet.“

Der Bissen blieb mir im Hals stecken. Ich bekam einen Schluckauf. Meine Frau bekam eine steile Falte zwischen ihren Brauen, als ob jemand ihr schönes Fantasiebild besudelt hätte, und sagte: „Aber er ist nackt.“

Ein großer, nackter Kerl!? Der Bissen wollte mir nicht die Kehle hinunter. In einem Zug leerte ich den Wasserkrug. Als ich wieder durchatmen konnte, sah ich nach Filco, der draußen, neben der Schuhablage stand. Wir hatten seinen Stecker gezogen und ihn vors Haus gestellt, damit der Trödler ihn mitnehmen konnte. Der arme, abgemagerte Kerl roch schon jetzt abgestanden. Nach verdorbenem Fisch und verschimmeltem Brot.

Am nächsten Tag trat ich nach dem Aufwachen in die Küche. Meine Frau war nicht da. Die Hälfte des Raums besetzte der klobige Emerson. Gerade hatte ich mir ein Glas Tee eingeschenkt, mich an den Tisch gesetzt und leise Wehmut beim Anblick der beiden wie Lebensadern durchtrennten Kabel von Filco verspürt, als meine Frau auch schon zurückkam. Mit geröteten Wangen und verschwitztem Gesicht. Sie stellte ihre Tasche auf den Tresen und sagte: „Sieh mal, was ich für ihn gekauft habe.“

„Für wen?“

„Für Emerson natürlich.“

„Emerson“ sagte sie in einem Ton, als ob sie nach unserem Nachbarn rufen würde. Dann zog sie eine geblümte Plastiktüte aus ihrer Tasche und leerte sie auf den Tresen. Ich konnte nicht sehen, was sie gekauft hatte, denn sie raffte alles rasch wieder zusammen und ging zum Kühlschrank. Ich trank zwei, drei Schlucke Tee, stellte das Glas auf den Tisch und hörte meine Frau sagen: „So, jetzt ist er nicht mehr nackt.“

Als ich mich umdrehte, sah ich, dass Emerson, der starke nackte Mann, eine Handvoll Medaillen aus Ton und Gips auf der Brust trug. Eine grüne Birne mit einem roten Strohhut auf dem Kopf. Eine gelbe Sonnenblume, die Füße hatte und Lippen und Adidas-Espadrilles. Einen orangefarbenen Marienkäfer mit grünen Punkten, der sich an Emersons Herz klammerte.

Bis zum Abend versetzte meine Frau die Schmuckmagneten noch mehrere Male, bis sie endlich vom Kühlschrank abließ. Um ihre Zuneigung zu gewinnen, räumte ich am Ende des Abends rasch meine Rauchutensilien zusammen und ging ins Schlafzimmer. Dort sah ich sie in einem Rüschenkleid auf dem Bett liegen und zur Decke starren. Als ich unter die Laken kriechen wollte, sagte sie: „Psst … Hörst du dieses ständige Geräusch?“

Ich antwortete: „Ja klar, der Kühlschrank.“

Sie meinte: „Ich bin ja nicht taub. Sicher steht er nicht richtig.“

Ich erwiderte: „Lass mal bis morgen …“

Ohne den Rest meines Satzes abzuwarten, stand sie auf und ging in die Küche. Vor Ärger konnte ich zwei Stunden lang nicht einschlafen. Als ich am Morgen aufwachte, sah ich, dass sie auf dem Küchenfußboden eine Matte ausgebreitet und sich dort, neben dem Emerson, hingelegt hatte, die angezogenen Knie an die Gefrierfachtür gestützt. Ich warf einen Blick auf Filco am Straßenrand. Er hatte nur eine einzige, durchgehende Tür. Wenn man sie öffnete, fielen einem vier Karotten, sieben, acht Kopfsalatblätter, eine halbe Flasche Limonade, deren Kohlensäure schon verpufft war, und eine Schüssel sauer gewordene Auberginenscheiben von voriger Woche vor die Füße.

Ich rief den Trödler an, damit er Filco so schnell wie möglich abholte. Er wollte Einzelheiten über den Kühlschrank wissen. Ich erklärte ihm, dass er eine ganze Reihe Kratzer hatte. Dafür aber einen Eifer, mit dem er einen Topf Wasser bei 43 Grad Celsius im August in zwei Stunden gefriert. Und was für ein Eis! Pures Kristall! Und Kräuter hält er frisch wie Geranien. Wenn er innen Eis ansetzt, musst du nur seinen Stecker ziehen und es fällt in einem Stück auf den Boden des Gefrierfachs. Insgesamt gesehen ein Schnäppchen mit geringem Energieverbrauch.

Als hätte ich Filco nicht in den glühendsten Farben beschrieben, nuschelte der Trödler nur: „Gut, wie viel?“

Ich antwortete: „Was weiß ich. Mach ein Angebot.“

Er prustete verächtlich. „Eigentlich kaufe ich solches Gerümpel nicht.“

Ich fragte beunruhigt: „Das heißt, du willst ihn nicht kaufen?“

Er erwiderte: „Fünfzig Toman. Nur wenn der Kompressor auch in Ordnung ist.“

Ich warf einen Blick auf Filco. Warum hatte ich gedacht, dass er mehr wert war als das? Ich sagte dem Trödler, ich würde mich bei ihm melden, und ging aus dem Haus. Bis zum Mittag beförderte ich Fahrgäste und kehrte, immer noch sauer über das Fünfzig-Toman-Angebot des Trödlers für den Filco, nach Hause zurück. Am späten Nachmittag rauchte ich meine Ration, während meine Frau ständig aus unserem Schlafzimmer in die Küche ging. Beim letzten Mal hörte man kein Geräusch mehr von ihr. Ich schaltete den Fernseher aus und ging in die Küche. Dort steckte meine Frau bis zur Hüfte im Gefrierteil von Emerson und wischte die Kühlröhren ab. Als sie den Kopf herauszog, durchfuhr mich ein Schauder beim Anblick ihres grellen Lidschattens. Sie fragte: „Willst du was?“

Ich sagte: „Meinst du nicht, du erkältest dich, wenn du dich mit dem nackten Bauch auf seinen kalten Boden legst?“

Sie erwiderte: „Ich habe was entdeckt.“

Ich fragte: „Was denn?“

Sie öffnete die obere Tür des Kühlschranks. In das Fach für die Eier hatte sie eine ganze Reihe rote, orange- und fleischfarbene Lippenstifte gelegt.

„So werden sie nicht mehr ranzig.“

Dann zeigte sie mir das Obstfach. Dort hinein hatte sie ihren zusammengefalteten Tschador aus Crêpestoff gelegt. „So kann er nicht mehr verfilzen“, sagte sie.

Während ich ins Zimmer zurückging, ließ mich ein unangenehmer Gedanke nicht los. Wollte sie etwa ihre gesamten persönlichen Sachen dort hineinverfrachten? Außer Lippenstiften und Tschador vielleicht noch Blusen, Hosen, Kopftücher …

Plötzlich erstarrte ich. Wenn sie Kleider … Ich kehrte um und sah meine Frau an. Immer noch polierte sie genussvoll die Kühlröhren.

Als ich heute von der Arbeit kam, war meine Frau wieder nicht zu Hause. Sicher ist sie losgegangen, um diesmal vielleicht Unterwäsche und Shorts für Emerson zu kaufen, überlegte ich. Ich warf die zerknitterten Scheine der Fahrgäste auf den Couchtisch, zog mich aus, schlüpfte in den Pyjama und setzte mich, um das Geld zu zählen, als aus der Küche, wie aus weiter Ferne, ein gedämpftes Geräusch kam. Als ich ihm nachging, landete ich vor Emerson. Ich zog die Tür auf. Meine Frau hatte die Schubladen und das Obstfach herausgenommen und war selbst in den Kühlschrank gekrochen. Sie hatte einen Schraubenzieher in der Hand und hantierte an der Lampe in der Kühlschrankwand.

„Was machst du da?“

„Ich will die Lampe so einstellen, dass sie nicht ausgeht, wenn wir die Tür schließen.“

„Wieso das denn?“

„Na ja, im Dunkeln kann man doch nicht arbeiten.“

„Was willst du denn arbeiten?“

Sie heftete ihre runden, furchteinflößenden Augen auf mich und sagte mit noch furchteinflößenderer Stimme: „Mach die Tür zu, bevor die ganze Kühlung verpufft.“

Ich schloss die Tür, damit sie mit ihrer Arbeit fortfahren konnte. Eine halbe Stunde später bekam ich Durst. Ich stand auf und öffnete die Kühlschranktür. Mit reifbedeckten Wimpern schnauzte meine Frau mich an: „Was ist? Du machst ja schon wieder die Tür auf.“

Ich sagte: „Ich hab‘ Durst.“

Sie reichte mir den Wasserkrug und meinte: „Es stimmt, dass er sehr geräumig ist.“

Und dann, während von ihrem Kopf und Gesicht Kältedampf aufstieg, starrte sie auf einen Punkt gegenüber, schürzte die Lippen und sagte: „Design Snova …“

Ich schloss die Tür. Vor meinen Augen stand das Bild der Dampfsäule, die aus dem Mund meiner Frau aufgestiegen war. Ich blickte zu Filco vor der Haustür und murmelte wieder und wieder: „Du schwächlicher, hässlicher, nutzloser Filco.“

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