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Von der Begegnung vieler Emoticons bis zur Begegnung zweier Menschen

von Svenja Leiber

Bis wir uns zum ersten Mal begegneten, äußerlich begegneten, vergingen viele Monate. So lange schickten wir verschiedenste Formen der Sprache hin und her, Fotos und Geschenke, bedienten uns eines wilden Englischs, wie auch der gegenwärtigen Zeichen und Symbole, über die sich Freude, Zuneigung, Angst, Überraschung, Dankbarkeit auf winzige, alberne und doch irgendwie universell funktionierende Weise vermitteln lassen. Mindestens auf Emoticonebene waren wir vorläufig also „tandemfähig“.

Im Gegensatz zu Noor hatte ich jedoch den großen Vorteil, auch ihre wirklichen Texte, ihre Gedichte lesen zu dürfen, in meiner Sprache, darauf vertrauend, dass der wunderbare Übersetzer und seines Zeichens selbst Dichter, Suleman Taufiq, sich so nah und so künstlerisch wie möglich am Original entlang bewegt hatte. Ich hatte also etwas in der Hand, was ich als den größten Schatz, die bestmögliche Brücke zu einem anderen Menschen verstehe: das, was dieser Mensch in seinen ernsten, in seinen konzentriertesten Momenten spricht. Das ist - auch wenn ich den Smalltalk und auch alle möglichen derartigen Zeichenerfindungen, wie auch das einfache und fröhliche Herumstehen auf allen Fußwegen dieser Welt durchaus nicht verachte - die für mich wertvollste Form der Begegnung. Und insofern der Stoff auch immer die Dichterin ist, eine ihrer Daseinsformen, versuchte ich natürlich aus der Art, wie Noor ihren Stoff gestaltet hatte, etwas über sie, ihren Hintergrund, ihr Verhältnis zur Sprache zu erfahren.

Ich war daher, als ich endlich die Gelegenheit hatte in der Neuen Nachbarschaft in Moabit eine Lesung von ihr persönlich zu hören, sehr betroffen, wie deutlich ich diese Stimme bereits in den Texten gehört hatte und wie nah und zugleich überraschend mir das erschien. Kaum etwas wirkt auf mich unleugbarer, als die Wahrhaftigkeit oder ihr Gegenteil, wie sie sich mir über die menschliche Stimme mitteilen. Das Durchtönen, das per-sonare, offenbart ja weniger die Person, als vielmehr etwas Geheimes dahinter, das also, was durch sie hindurch-klingt. Und was da an Ernsthaftigkeit, an Direktheit, an Schmerz und feinem Humor hörbar wurde, was für ein weiter Raum sich auftat, aus dem diese Stimme Erinnerungen, Klagen, Hoffnungen und Setzungen hervortreten ließ, war sehr überzeugend.

Wie wir in unserer Zusammenarbeit weiter verfahren, wird sich ergeben. Ich bin überzeugt, Eile ist hier nicht dienlich. Auch das allgemeine Draufstürzen und kurzzeitige „Verwerten“ dieser Stimmen, was sich nur in den üblichen Reigen des kulturellen oder kognitiven Kapitalismus einreiht und die Dichterin nur auf ihre Markierung als „Geflüchtete“ reduziert, lehne ich ab.

Es muss etwas wachsen, das geht nur in Ruhe. Zumal wir sprachlich erst aufeinander zulernen, sie Deutsch, ich Arabisch, was ein weiter Weg ist (jedenfalls für mich!).

Inwieweit ich dieser Dichterin in den Kreis der deutschsprachigen Lyrik, der bekanntlich umkämpft ist, hineinhelfen kann, weiß ich auch nicht. Aber da sein, falls sie meines Rates bedarf, meine Fäden spinnen, ihren Namen, Noor Kanj, Noor Kanj, Noor Kanj, an all den Stehtischen und Schreibtischen und Restauranttischen des Literaturbetriebes erwähnen, damit man sich an den Klang gewöhnt, das lässt sich immerhin betreiben.

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