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Mit Rasha Habbal auf der Messe

von Nora Bossong

Frankfurt bringe ihr Glück, sagt Rasha in der Tram auf dem Weg zur Messe. Am Vormittag hat sie eine Zusage für ein Stipendium erhalten, sechs Monate, zwei davon wird sie in Berlin verbringen. Endlich ein Ziel, eine Richtung, meint sie.

Im April sind wir dann quasi Nachbarinnen, zumindest wohnen wir in derselben Stadt, aber vorher will sie noch ihren Deutschkurs abschließen, Level B2. Obwohl ihr Deutsch ziemlich gut ist, meint Rasha, dass sie Situationen nervös machen, in denen sie sich darin beweisen muss. Und meist könne sie nicht das ausdrucken, was sie eigentlich sagen wolle, sondern bliebe in den Grenzen dessen verhaftet, was ihr sprachlich zur Verfügung stehe. Frustrierend. Ich nicke, das kenne ich von meinem Auslandssemester in Rom und doch kenne ich es nicht, weil ich die wichtigen Gespräche immer auf Deutsch oder Englisch führen konnte, ob ich mich um ein Stipendium beworben habe oder auf einer Bühne stand. Weil ich alles aus der recht luxuriösen Situation heraus erlebt habe, Austauschstudentin zu sein.

Am Vorabend haben wir in der Katharinenkirche gelesen. Wer die Reihe „Zwischen Zeilen“ kennt, weiß, wie ruhig sich Frankfurt auch während der Messehektik geben kann. „Eine Stunde Schönheit“ lautet der Untertitel, er stimmt ganz sicher, wenn man in der Kirche hinaufblickt, dem Vortrag zuhört und er stimmt ganz sicher nicht, denn eben diese Texte erzählen von Vertreibung, Verhaftungen, vom Verschwinden, vom Abbruch und Wegbruch eines oder vieler Leben. Es sind Texte von Autorinnen und Autoren aus so genannten „Kriegs- und Krisenregionen“, was man gerne subsumierend sagt, als könnte man Zerstörung auf ein Nummernschild runterrechnen. Mit Rasha Habbal und Fady Jomar lesen zwei, die diesen Regionen zumindest geografisch entkommen sind; ihre Texte aber bleiben dort verwurzelt, versuchen, wie Rashas Text „Scheckige Hände“ jene Brücke zu bauen zwischen dem, was zurückgelassen werden musste und dem, was eine neue Heimat sein könnte. Heimat aber lernt man nicht so schnell, noch deutlich langsamer wohl als eine neue Sprache. Was sie sich von Weiter Schreiben erhoffe, fragt der Moderator sie zum Schluss. Sie wolle wieder fest auf ihren Füßen stehen, sagt Rasha.

Und nun stehen wir erstmal mitten im Messetrubel. Am Aufbaustand gibt es Kaffee und Knoppers, dazu Wasser, unbedingt ohne Kohlensäure, meint Fady, Wasser mit Kohlensäure sei doch kein Wasser mehr. Was es denn sonst sei, fragt David Wagner. Wenn Du Wasser mit Wein mischst, ist es doch auch kein Wasser mehr, sondern Weinschorle, argumentiert Fady. David erzählt von den Quellen in seiner rheinischen Heimat, in der das Wasser tatsächlich mit natürlicher Kohlensäure aus der Erde komme. Vielleicht sollten wir erstmal die Unterschiede des Wassers begreifen, begreifen, dass es überhaupt Unterschiede gibt. Und danach können wir immer noch über die Feinheiten der Grammatik stolpern.

Während David und Fady für den Auftritt auf dem Blauen Sofa geschminkt und verkabelt werden, ziehen Rasha und ich durch Halle 5.1., in der die arabischsprachigen Aussteller untergebracht sind. Rashas euphorische Neugier ist schnell erschöpft. So viel Fläche und doch sei kaum Literatur zu finden, meint sie und zeigt auf ein Regal, in dem Schulbücher für Kinder präsentiert werden. Es gäbe doch gute Verlage, gute Publikationen, warum zeige man das nicht. Warum gebe es hier zwar zwei Stände, die Koranausgaben ausstellten, nichts anderes, aber keine aktuellen Romane oder Gedichtbände? An einem Stand entdeckt sie wenigstens ein einziges Buch, das sie interessiert, sie verhandelt mit dem Aussteller, ab Samstag könne sie es kaufen, erfährt sie, aber da ist sie schon wieder zurück in Trier. Immerhin, wenn die Buchmesse ihr auch keine Bücher eingebracht hat, so doch wenigstens Glück und die Hoffnung, dass sie während ihrer Zeit in Berlin ein paar mehr Bücher wird finden können.

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