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Der Wunsch wächst

von Ulla Lenze

Ein Internetcafé in Damaskus, eine Wand. Davor die syrische Schriftstellerin Rabab Haidar, in weißem T-Shirt, unkompliziert schnell unser Kontakt, behindert bloß durch den schlechten, verrauschten Ton, auch die Computer im Raum dröhnen.

Ich habe gerade ihren Text gelesen: "Ein Kriegsbericht, der nicht traurig sein soll". Ich bin beeindruckt und will ihr etwas zu meinem Leseerlebnis sagen. Aber der Ton wird verschluckt. Dass sie in Bab Tuma wohnt, verstehe ich jedoch. Bab Tuma! Ich wohnte 2004 - damals Stadtschreiberin in Damaskus - ganz in der Nähe. Das Thomas-Tor ist der Beginn der christlichen Altstadt, ein enges labyrinthisches Gassengewirr, das auf die Ommayad-Moschee zuführt, mit vielen Weg-Altären und Kirchen. Über die Via Recta kam der erblindete Saulus nach Damaskus, in der Ananias-Kirche wurde er zum Paulus getauft, es ist die älteste christliche Kirche in der islamischen Welt, 1. Jahrhundert.
Diese Gegend sei noch relativ intakt, hätte ich gehört?
"Ja, nur zwei Explosionen", sagt Rabab (wenn ich sie richtig verstehe).
Sie zündet sich eine Zigarette an. "Warum lachst du?" fragt sie. Ja, gute Frage! Ich erzähle ihr kurz was zur geläuterten Zigaretten-Lage in Berlin und in Europa. Ja, das sei so. In London habe sie das auch bemerkt in den Restaurants. Da musste sie raus zum Rauchen. "Hör auf zu lachen", sagt sie lachend. Beide lachen wir. Eine erstaunlich gelingende Verständigung zwischen uns trotz überdröhnter Satzhälften. Ich weiß, dass sie etwas über meinen Romanauszug sagt, den ich ihr geschickt habe und fühle mich verstanden, trotz der nur halben Sätze. Ich sage daraufhin etwas zu ihrem Roman, den sie gerade schreibt. Später im Chat kann ich mich überzeugen, dass wir uns richtig verstanden haben. Der Wunsch wächst, mit Rabab im selben Raum zu sitzen, gern ein bisschen Zigarettenrauch in meiner Nase spüren, und dann ohne Hindernisse: Weiterreden. Ich glaube, wir haben uns viel zu erzählen.

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