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Text-2

Frau auf einer Parkbank an einem Sonnentag

von Julia Cimafiejeva

Aus dem Belarussischen von Tina Wünschmann

© Dorothea Tuch

Es gibt Dinge, die niemand sehen würde,
hätte ich sie nicht fotografiert.
Diane Arbus

„Oh dear!“
tanzt wie ein echo
um die tiefschwarz
(wie draht) lackierte
aura

gierig klickt der verschluss

/

viel zu viel sonne
zu viel leben
hier im Central Park
immer jemand da
mit makel drin mit eigener
schartiger sonne
wo durch den spalt das dunkel schaut
als schmaler streifen
eines müden lächelns

du köderst sie
mit deinem lächeln „Wunderbar!
Der Sommer steht Ihnen!“

manchmal schmeichelst du zu sehr
(oder schmeichelt die kamera für dich
wenig schmeichelhaft?)

aber es ist doch wirklich wunderbar –
angestrengter glanz der haare
ohrringe knöpfe perlenkette
raffinierter reim der brauen
samtene trauer im liderschatten

/

man sagt sie sei immer glücklich gewesen
lachte schallend
stets normale
lebedame
aber hier gehört sie dir

nein
keine artistin
keine hure
keine nudistin kein freak
keine zwergin keine riesin
und kein wütender junge
mit granate in der hand
doch dein schatten liegt auf ihr

auf diesem foto
dein zweifaches abbild

was stimmt nicht mit ihr?

/

endlos suchst du
risse spalte wunden
brüche und lücken
schlupfwinkel um dich zu
verstecken und aufzurichten

die so viel erzählen
über dich

du könntest dich verstecken oder flüchten
doch du machst weiter
sammelst deine kollektion
belichtest mit dem blitz
ihre gesichter hinter dem dichten vorhang
von banalität und scham
in der zirkusumkleide
in billigen boudoirs
in heimen und engen
hotelzimmerchen

suchst lebendiges
wo niemand sonst
zu suchen gedenkt

/

du weißt
was mit ihr nicht stimmt

„Oh dear!“
schwirrt noch herum
du lehnst dich über den apparat
und die tagesgrelle beendet das
blitzgebell

/

ein wenig habe ich auch
fotografiert
die große stadt und ihre menschen
der breiten straßen tumult und leere
der bäume zarte
sommersehnsucht

einst trug ich auch
statt perlen am hals
den apparat

einst hielt ich auch
den schild mit beiden händen
in einer welt wo es unmöglich war

einst las ich auch
von dir in hellen
zwillingsaugen

/

du bist nah
dein schatten berührt ihre schulter
du fokussierst dich darauf
wer sie ist
und wer sie glaubt zu sein
du fängst den unterschied im objektiv

du fängst die divergenz
wie einen schmetterling

du fängst die koinzidenz
wie einen schmetterling

nirgendwohin
wird er mehr fliegen

/

„Eine Fotografie ist ein Geheimnis
über ein Geheimnis
je mehr sie dir sagt
desto weniger weißt du.“

 

Reflexionen zum Foto: Woman on a park bench on a sunny day, N.Y.C. 1969.
Aus urheberrechtlichen Gründen können die Fotografien hier nicht präsentiert werden. Einige Sammlungen zeigen sie jedoch online.
Dieses Gedicht entstand im Rahmen der Weiter Schreiben Intervention "Als ganzer Mensch gesehen zu werden" am 6. November 2025 im Gropius Bau.

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