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Auf dass morgen besser wird als heute

von Yirgalem Fisseha Mebrahtu

 

Text auf Tigrinisch (Original) hören:

Text auf Deutsch hören:

 

In der Aufzählung der Namen hier stolperte ich über einen, der mir nicht neu war: James Baldwin, Walter Benjamin – George Orwell!

George Orwell schuf Charaktere, in denen ich mich selbst wiedererkannte. Charaktere, die ich aus der wahren Welt, aus meiner Welt, aus meinem Land kannte und kenne. Orwells 1945 veröffentlichte Fabel „Farm der Tiere“ spiegelt das heutige Eritrea wider. Und auf die eine oder andere Art bin vielleicht auch ich eines der Tiere auf seiner Farm.

Fabeln sind der eritreischen Kultur nicht fremd. „Farm der Tiere“ ist eines der beliebtesten ins Tigrinya übersetzten Werke. Es wurde 1993 von dem bekannten Übersetzer Tekie Tesfay übertragen. Das war zu einer Zeit, in der Eritrea am Ende eines dreißigjährigen unerbittlichen Krieges stand, den eritreische revolutionäre Kämpfer gegen die äthiopische Besatzungsmacht geführt hatten. Eine Zeit, in der Eritrea seine rechtmäßige Unabhängigkeit gewann. Vielleicht wurde „Farm der Tiere“ damals im staatlichen Radio vorgelesen, weil es an den Kampf und den Sieg der Revolution und an die Charaktere aus dieser Zeit erinnerte.

Nur wenige Jahre später nahm Napoleon, der fiktive Charakter aus Orwells „Farm der Tiere“, in Eritrea Fleisch und Blut an. So kam es, dass Anführer und Generäle der Revolution nach und nach verhaftet, entführt, verschleppt oder gar vertrieben worden sind – von den Welpen, die unser Napoleon selbst erzogen hatte. Das erste Opfer des „eritreischen Napoleon“ wurde General Biteweded Abraha, der kurz nach Eritreas Unabhängigkeit im Oktober 1991 ohne Anklage festgenommen wurde und nun seit 31 Jahren ohne Prozess gefangen gehalten wird. Die Erinnerung an ihn schwindet jedoch nicht – genauso wenig wie die an seine Worte der Freiheit und des Friedens: „Eine Heldentat wird nicht danach bestimmt, wie viele man getötet hat, sondern wie vielen man Gnade erwiesen hat. Vergebung, Versöhnung und Frieden finden sich auch in einem verwundeten Herzen.“

So wie bei Orwells Hühnern, die ihre eigenen Eier zertreten, um ihrer Ablehnung und ihrer Wut Ausdruck zu verleihen, und dann für ihren Aufstand brutal bestraft werden, kam es auch in Eritrea zu brutalen Bestrafungen von Aufständischen. Eine Demonstration invalider ehemaliger Unabhängigkeitskämpfer wurde brutal niedergeschossen. Und genau wie der hart arbeitende Hengst schamlos ausgebeutet wird, so wurden und werden Jugendliche in Eritrea ausgebeutet. Heute ist es sogar schlimmer als unter den Besatzungsmächten. Viele von ihnen wurden und werden aus ihrer Schullaufbahn gerissen, unterdrückt und verhaftet. Sie sehen keinen anderen Ausweg als zu fliehen, und auf ihrer Suche nach Sicherheit verlieren sie ihr Leben, vor den Augen der Welt.

Als im Jahre 2000 Studierende der Universität Asmara, die heute nicht mehr existiert, Antworten auf ihre Fragen forderten, wurden sie in die Wüsten Eritreas verschleppt, wo viele von ihnen starben. Seyoum Tsehaye, ein Journalist und ehemaliger Unabhängigkeitskämpfer, wurde – gemeinsam mit vielen Kollegen – im September 2001 von Sicherheitskräften des Regimes ohne Anklage festgenommen und ohne Prozess nun bereits 21 Jahren seiner Stimme und seiner Freiheit beraubt. Damals schrieb er: „Die zukünftige Generation von Führern wird von den heutigen Führern getötet.“

Das Leben in Eritrea entwickelte sich also mehr und mehr zu jenem in „Farm der Tiere“. Da aber das System der Unterdrückung durch das Regime nun zu offensichtliche Parallelen zu dem System der Unterdrückung in Orwells Fabel zeigte, wurde das Buch nicht nur im staatlichen Rundfunk nicht mehr vorgelesen, sondern auch aus den Bibliotheken entfernt.  Schlussendlich verschwand es ganz und gar. Es wurde nicht mehr neu aufgelegt und man konnte es nirgendwo mehr kaufen. Trotzdem bleibt es bis heute eines der beliebtesten ins Tigrinya übersetzten Bücher.

Die konformistische Katze, die naive schöne Stute, die nur ihren Begierden nachgeht, der heuchlerische, betrügerische Rabe, der fleißige und hart arbeitende Hengst, die Hunde, die im Welpenalter ihren Eltern entrissen und von Napoleon ausgebildet wurden, um seine Befehle auszuführen, die Schweine, die dummen Schafe, die unbedarft vor sich hin singen, all diese Tiere habe ich in Eritrea persönlich kennengelernt. Und auch jetzt, in dem Moment, in dem ich mich an Orwells Tiere erinnere, kommen mir etliche reale Personen in den Sinn, die ein Beweis dafür sind, dass „Farm der Tiere“ kein fiktives Werk ist, sondern vielmehr sehr real.

Mein Land wurde nach und nach zur „Farm der Tiere“ und ist nun die „Farm der Tiere“, auf der ich die Worte O’Briens aus Orwells „1984“ hörte: „Willst du dir ein Bild von der Zukunft machen, dann stelle dir einen Stiefel vor, der auf ein menschliches Gesicht tritt – für immer.“

Wenn die Rede von beliebten und einflussreichen eritreischen Künstlerinnen und Künstlern ist, fällt stets der Name Abraham Afwerki. Während er eines seiner bekanntesten Lieder anstimmte, fragte er einst: „Warum forschen und lernen wir?“ Und er beantwortete seine Frage gleich selbst: „Auf dass morgen besser wird als heute!“

Im Angesicht der beschriebenen Realitäten heilt es mich, dieses Lied zu hören.

„Auf dass morgen besser wird als heute!“

 

Aus dem Tigrinischen übersetzt von Miras W.

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