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Ommatophobie – Die versehrten Augen der Kindheit

Mubeen Khishany
© Raisan Hameed, aus der Serie: Zer - störung, C-Prints Kodak, 20 x 20 cm (2022)
© Raisan Hameed, aus der Serie: Zer - störung, C-Prints Kodak, 20 x 20 cm (2022)

 

Der Frühling, den alle besingen und den die Gärten sehnlichst erwarten … der Frühling, die Braut der Jahreszeiten oder ihr gekrönter König … der Frühling … er war eine Katastrophe für einen Jungen, der unter einer schweren Pollenallergie litt, deren Symptome die unterschiedlichsten Ausprägungen annehmen konnten … und dieser Junge war ich.

Das durch die Allergie verursachte unangenehme Jucken und Tränen der Augen und die entstehenden kleinen weißen Knötchen auf der Lidinnenseite ließen die frischen Frühlingsbrisen zu augenverletzenden Messern und die leuchtenden Blüten zu Funken sprühenden Geschossen und Stacheln werden, die ich unbedingt vermeiden musste.

Der Blütenstaub nahm mir jeden Spaß am Spielen und jede Freude über die klare Frühlingsluft, denn es wurde damals auf Plätzen gespielt, in deren Nähe Palmen und andere Pflanzen wuchsen. Ich erinnere mich an das Ḥaḥ-wa-Yadda-Spiel[1], das die älteren Kinder unserer Straße in der Nähe der Kaba[2] für das Abwasser spielten, in der wilde Pflanzen wuchsen und Schilfrohre hochstachen wie rostige Speere.

Ich litt … und dieses Leiden beschränkte sich nicht auf den durch die Allergie ausgelösten furchtbaren Juckreiz im Augenlid und das dadurch hervorgerufene unwillkürliche anormale Blinzeln, sondern führte auch dazu, dass ich auf der Straße und später in der Schule gemobbt wurde und eine verhasste Phobie vor allem Stachelförmigen und vor scharfen spitzen Klingen entwickelte.

Allein an diese Dinge zu denken oder sie zu sehen, löst bei mir bis heute die brutale Fantasievorstellung aus, sie würden mir in die Augen stechen, so dass diese zu bluten beginnen.

Bei allem, was dornig und spitz ist oder eine scharfe Klinge hat, stelle ich mir vor, wie mir damit ins Auge gestochen wird; das kann eine Nähnadel sein, ein Messer oder dornige Pflanzen. Sogar scharfe Kanten von ungefährlichen Möbelstücken wie Tischen und zahlreichen anderen Dingen lassen den Segen des Sehens zu einem Fluch und das Augenlicht zu einer Geißel werden.

Diese selten vorkommende Krankheit ist bekannt als Ommatophobie, und ich habe in meinem ganzen Leben noch nie jemanden mit diesem Leiden getroffen. Erst als ich kürzlich die Symptome recherchierte, die mir meine Kindheit verleidet haben, erfuhr ich davon, und erst da verstand ich, dass sie auf diese zwar sehr seltene, aber doch existierende Phobie zurückzuführen sind.

Es war meine heimliche Hölle, über die sogar mit meiner Mutter zu sprechen mir als Kind schwerfiel. Selbst der Arzt verstand mich nicht, als ich ihm die Fantasien beschrieb, die mich überfielen, wenn ich etwas Stacheliges oder Spitzes sah. Er erkundigte sich bei meiner Mutter, ob ich vielleicht auf einen jüngeren Bruder eifersüchtig sei, doch sie erklärte, dass im Gegenteil ich das Nesthäkchen sei und die Aufmerksamkeit der ganzen Familie auf mich ziehe. Er schwieg, sah mich an und dann sagte er, ich solle dem Blinzeln einfach widerstehen.

Der alte Arzt war nett, auch wenn die grelle Beleuchtung für mich kaum auszuhalten war, aber er hatte keine Erklärung für meine Fantasien, die mich jede Nacht vor dem Einschlafen quälten. Er verstand nicht, dass der Juckreiz zu heftig war, um ihm widerstehen zu können, und dass die ganze Sache über eine normale Pollenallergie hinausging.

Dann sagte ich nichts mehr.

Ich lebte mit dem Juckreiz und mit den Medikamenten, die einzunehmen mich meine Mutter jeden Abend vor dem Schlafengehen ermahnte. Ich erfand Mittel und Wege der Verteidigung, die das Gefühl abwehrten, dass mir die Augen ausgestochen würden, ein Gefühl, das stets heftiger wurde, wenn ich die überall herumstehenden Militärfahrzeuge und Waffen der amerikanischen Besatzungsmacht sah.

Auch die Verteidigungsstrategien, die ich erfand, um den Augenausstechfantasien zu begegnen, waren Fantasien. Ich bekämpfte Fantasien mit Fantasien. Wenn ich unter einer starken Attacke litt, stellte ich mir vor, wie mir ein Strom kaltes Wasser über die Augen fließt und diese reinigt wie ein Glasdach, das von allem sich darauf befindlichen Schmutz gesäubert wird. Nur so gelang es mir, nachts einzuschlafen. Mein Kopfkissen war am nächsten Morgen trotzdem tränennass.

Als ich fünf Jahre alt war, wurde es Zeit für die Anmeldung in der Schule in der Stadt Nu’maniyya in der Provinz Wasit. Nach der körperlichen Eignungsprüfung und dem Erwerb der Anmeldeformulare in der Straße der Schreibwarenläden schleppte ich mich mit meiner Mutter durch die Stadt, eine Sonnenbrille auf der Nase, die größer war als mein Gesicht. Von Zeit zu Zeit drückte ich sie mit den Fingern wieder fest, doch sie fiel trotzdem mehrmals runter. Die meisten Straßen waren gesperrt und voll von Besatzungsmilitär, weshalb die Strecke länger dauerte und schwieriger war als sonst.

Man versuchte, mir zu helfen, und ich befolgte die Ratschläge. Mit meiner Schwester übte ich sogar, meine Augen offenzuhalten so lange ich nur irgendwie konnte. Man ermutigte mich, dass ich ein fleißiger Schüler werden würde, und forderte mich auf, von eins bis hundert zu zählen. Als ich bei zwanzig ankam, genügte ihnen das. Man klopfte mir auf die Schulter und ermahnte mich, vor dem Objektiv des Fotografen die Augen offen zu halten.

Die Ermahnung erlegte mir eine große Verantwortung auf; ich hatte Angst, mir wurde bang ums Herz. Dann begleitete meine Mutter mich zum Fotografen. Auf dem Weg klammerte ich mich fest an ihre Hand, so dass sie die Hitze spürte und mich fragte, ob ich mich krank fühle. Aber ich sagte, es ginge mir gut.

Wegen der Militärfahrzeuge und der Kontrollpunkte der Besatzungsmacht, die die meisten Straßen der Stadt versperrten, mussten wir die Straße an der Schule entlanglaufen, um zum Fotografen zu kommen. Die Schule wurde von der Besatzungsmacht als Stützpunkt genutzt. Auf der ganzen Länge der Straße standen Militärfahrzeuge, Humvees und gepanzerte Fahrzeuge; hinter dem niedrigen Schulzaun konnte man die Rotorblätter von Helikoptern erkennen.

Der Schulzaun war mit Stacheldraht versehen und alle paar Meter war ein ganzer Haufen davon aufgetürmt, an dem man sich leicht verletzen konnte. Die Besatzungssoldaten hatten damit einen Korridor für die Passanten markiert, wo Autos verboten waren. Überall standen Soldaten, die Waffen auf die Fußgänger gerichtet, an ihren Armeegürteln hingen Messer.

Am Eingang zur Straße nahm mir meine Mutter die Sonnenbrille ab, damit wir nicht den Argwohn der Soldaten erregten. Ich schloss die Augen, drückte fest ihre Hand und zählte stumm von eins bis hundert. Doch trotz aller Vorsicht stürzte ich und tat mir weh. Staub drang in meinen Mund, Steinchen verursachten einen kleinen blutenden Kratzer unter meinem Auge, ich weinte nicht, aber es schmerzte. Meine Mutter wischte den Staub ab und säuberte mich, dann setzten wir unseren Weg durch diese Straße fort, die meine Augen hassten.

Es war im ersten Jahr der Besatzung, die Luft war schwer vom Rauch der Bombardierungen und dem Gas der Brände. Schon gesunde Augen wurden in Mitleidenschaft gezogen, wie dann erst empfindliche wie meine? Alles um mich herum stieß mich Richtung Blindheit: die seltsamen Fragen des Arztes, seine Praxis mit dem unangenehmen Licht, der Pollenstaub vermischt mit schädlichen Gasen, die auf mich gerichteten Messerklingen auf den Verkaufsständen am Busbahnhof, die sengende Sonne, die Farben des Militärs und das durch sie verursachte Gefühl der Beklemmung und schließlich der Zaun der Schule, den der Stacheldraht genauso erwürgte wie unser Leben.

Nach all dem musste ich an der Hand meiner Mutter durch die Straße laufen, bis wir zum Fotogeschäft kamen, und dort die Augen ganz weit für ein Foto öffnen, das mich den Rest meines Lebens begleiten würde.

Es entstand ein Foto von einem Kind mit einer kleinen Wunde und so weit aufgerissenen Augen, dass jeder, der es sah, zu lachen begann. Das Lachen kann jedoch nichts an der Tatsache ändern, dass es das Foto von einem Kind in einem elenden Krieg ist: der Blick erstarrt, die Augen stumpf. Bis heute verletzen scharfe Gegenstände meinen Blick, und jede Fotoaufnahme trägt eine warnende Stimme in sich, die sagt: „Mach die Augen auf, so weit wie möglich!“

 

 

[1]  Eine Art Volks-Baseball mit primitiven Gegenständen und vereinfachten Regeln. Al-Haḥ ist eine Pepsiflasche aus Plastik, zum Beschweren mit Sand gefüllt, und al-Yadda ist der Holzschläger, den wir aus alten Holzresten basteln. (A. d. A.)

[2] In einigen ärmeren Wohngegenden und in ländlichen Gebieten, in denen es an Infrastruktur mangelt und die über keine Kanalisation verfügen, fließt das Abwasser aus den Häusern auf eine nahe gelegene Fläche. Dort sammelt sich das brackige Wasser, so dass dort Schilf und verschiedene andere, teilweise dornige Pflanzen wachsen. Auch leben dort Frösche, Igel und schwarze Teichhühner. Daher wird dieser Ort Kaṣba genannt. (A. d. A.)

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