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Messt mich an dem, was ich verloren habe

Awadalla
Abstraktes farbiges Mixed Media Kunstwerk.
© Obaidah Zorik, "Dazwischen", Mixed Media auf Leinwand (2024)

Ein kupferfarbener Cent stahl sich still aus meiner Tasche. Ich hörte nichts, als er den Boden berührte; das sanfte Piepen des Barcodescanners verschluckte das Geräusch. Ich sah zu, wie die Münze ihren kleinen Tanz über die Supermarktfliesen vollführte, bevor sie zur Ruhe kam.

Ich blieb, wo ich war.

Die Frau in der Schlange hinter mir wechselte das Standbein. Ich spürte die Maßregelung schon, bevor ich sie hörte. „Sie haben da Geld verloren.“

Ich zuckte gleichgültig mit den Schultern.

Sie setzte nach. „Sie sollten nicht so sorglos sein. Wenn Sie hundert Mal einen Cent fallen lassen, ist das viel Geld.“

Einhundert Cent. In meinem Kopf tauchte ein Bild aus der Kindheit auf. Dagobert Duck, der durch die Goldmünzen in seinem Geldspeicher krault. Sind hundert Cent nicht auch nur ein Euro?

In Berlin schienen die Menschen mir unbedingt erklären zu wollen, wie man sich richtig verhält. An meinem ersten Tag hier versuchte ich, eine Restaurantrechnung per Visa-Karte zu bezahlen. Der Kellner erhob die Stimme. „Wir zahlen in Deutschland nicht mit Visa.“ Was sich mir einprägte, war nicht die digitale Rückständigkeit, sondern sein Bedürfnis, mich daran zu erinnern, wo ich war.

 

In einem anderen Berlin sah ich einmal eine Frau im beigen Trenchcoat an vornehmen Schaufenstern entlangschlendern. Plötzlich bückte sie sich und hob zwei Kupfermünzen vom Boden auf. Sie war Welten von der Frau entfernt, die mir eine Moralpredigt hielt. Dennoch bückte sie sich. Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert. Selbst im alten Herzen des wohlhabenden Westberlin wachte jemand noch über die kleinsten Vermögenskrumen.

 

Die Wahrheit ist, dass ich nie gelernt habe, sorgsam mit Kleingeld umzugehen. Einmal schenkte mir ein Freund eine Spardose in Form einer Karl-Marx-Büste zum Geburtstag, als wollte er mich sanft darauf hinweisen, dass ich mal anfangen könnte, etwas zu sparen, egal wie wenig. Ich steckte immer nur die Goldmünzen hinein; die kupfernen Cents blieben lose in meinen Taschen und landeten oft irgendwo auf der Straße. Marx wachte über all dies wie eine enttäuschte Vaterfigur, resigniert, aber nicht vollkommen verständnislos. Sparen ist ein Luxusmuskel; einer, den man nur aufbauen kann, wenn etwas zum Aufheben übrigbleibt.

Ich sehe mir gern an, was die Leute an der Kasse aufs Band legen. Die kleinen Bekundungen ihres Tages. Ein Fertiggericht. Ein Warentrennstab. Gemüse, Reis, Kräuter. Zutaten, die erst noch zusammenkommen müssen. Ich zögere immer, bevor ich selbst so einen Trennstab hinlege. Es fühlt sich an, als errichteten wir eine kleine Mauer zwischen unseren Einkäufen, eine Grenze. Aber alle greifen trotzdem danach.

Ein deutscher Freund sagte mir einmal, er gehe gern jeden Tag in den Supermarkt. Es gebe dem Leben Struktur. Frische Produkte. Nichts werde je knapp. Der Korb bleibe leicht, die Rechnung kurz. „So sammelt sich keine Schuld an“, sagte er, mit der Gelassenheit dessen, den die tägliche Routine befreit. Im Deutschen gibt es für die englischen Begriffe debt und guilt ein und dasselbe Wort: Schuld. Geldschuld und Gewissensschuld. Ich wünschte, ich hätte diese Art von Disziplin, aber ich warte immer, bis fast nichts mehr im Kühlschrank ist.

Als neu angekommener Migrant in Berlin fand ich Supermärkte überwältigend. Ich glaubte zu wissen, was ich brauchte, und plötzlich gab es endlose Sorten Milch, Käse und Zahnpasta, endlose Variationen derselben wenigen Inhaltsstoffe. Die Produkte sahen gleich aus, aber jedes behauptete, anders zu sein. Zuerst überwältigten mich die Regale, dann hypnotisierten sie mich.

Auf den Preisschildern für gleiche Produkte steht € 2,20 oder € 2,45, und ich frage mich, wie solch kleine Unterschiede so sehr ins Gewicht fallen können. Ein paar Cent hier, ein paar Cent da, und am Ende wird der Bon lang genug, um sich wie eine Anklageschrift anzufühlen. An der Kasse angekommen, fühle ich mich zugleich erleichtert und bezwungen.

Ich gehe in einen anderen Supermarkt, um das orientalisch duftende Duschgel zu kaufen, das ich gern mag, dann quer durch die Stadt für die richtige Sorte Dicke Bohnen. Kein Supermarkt hält sein Versprechen, alles im Überfluss zu haben.

 

Ich wollte kein Kapital für jemand anderen produzieren. Ich wollte Sinn produzieren, kein Geld. Irgendwann ist daraus ein Leben voller unterbezahlter Jobs und Freelance-Gigs geworden. Werkstätten, Unterrichtsräume, Begegnungsstätten und Orte der Kunst lagen mir mehr als Firmenetagen und Büros. Meine Arbeit wurde mit Sicht- und Dankbarkeit bezahlt. Ich verzichtete auf Wohlstand in der Gegenwart, im Vertrauen darauf, dass eine andere Art Wohlstand sich später noch einstellen würde. Es ist eine gute Geschichte, eine, die ich so oft erzählt habe, dass sie beinahe wahr klingt.

Und irgendwann stehe ich dann trotzdem wieder vor den Regalen, vergleiche Hafermilchpreise, möchte dies und jenes haben, wähle etwas aus, bezahle es. Ich mag die eine Rolle im System zwar abgelehnt haben, aber als Verbraucher nehme ich immer noch meinen Platz darin ein.

 

In Berlin recyceln alle alles, das gilt als Tugend. Ein solcher Ritus ist etwa das Pfandflaschensystem. Gib die Flaschen zurück, nimm die Münzen, rette den Planeten, sei ein guter Bürger. Ich schrecke davor zurück, meine Flaschen zum Supermarkt zu tragen. Ich habe Angst, mit einer klirrenden, Bedürftigkeit signalisierenden Plastiktüte gesehen und für jemand gehalten zu werden, der die Flaschen sammelt, um zu überleben.

Bis heute gebe ich sie nur selten zurück, was den Gang zum Supermarkt an jenen raren Tagen noch schwerer macht. Die Tüte wird zu voll, droht zu reißen. Dann kommt der schreckliche Moment an der Maschine, wenn sie eine Flasche wieder ausspuckt. Als wollte sie sagen: Streng dich mehr an, Fremder. Lern die Rückgabematrix. Jede Flasche, die sie akzeptiert, fühlt sich an wie eine Absolution; jede Weigerung wie eine in aller Öffentlichkeit begangene Sünde.

Einmal, als ich mit einer Plastiktüte voller Pfandflaschen unterwegs war, rutschte eine heraus und rollte in langsamen, demütigenden Kreisen über den Asphalt. Ich ging weiter. Ein junger Mann hob sie auf und lief hinter mir her, um sie mir wiederzugeben. Er musste mich zweimal rufen, bevor ich stehenblieb. Ich wollte in der Öffentlichkeit wegen anderer Dinge als eines kleinen Desasters bemerkt werden.

Ich nahm die Flasche von ihm entgegen und brachte nur ein kleinlautes „Danke“ heraus.

 

Meine Mutter geht liebend gerne shoppen. Ihr Geschmack hat immer Wärme. Ganz besonders liebt sie ein sattes Milchschokoladenbraun, das bei uns in Ägypten havan heißt, eine Farbe, die sie unangestrengt schick findet. Sie strahlt etwas vage Kubanisches aus, als wäre Havanna eine Farbe geworden. Vor allem bei ihren zahllosen Handtaschen und Schuhen sehe ich viel havan vor mir. Meine Mutter ist nicht leichtsinnig, nur extravagant im Geist. Sie kauft Dinge für das Gefühl: die Aufregung, die sie dabei empfindet, etwas auszusuchen, etwas nach Hause zu tragen, zu sagen: „Das nehme ich.“

Shoppen war schon früher ihre Art, darauf zu bestehen, dass es ein Morgen geben würde, war sozusagen als Investition getarnte Verschwendung. Sie kaufte genauso freigebig für sich selbst ein wie für ihre Kinder und Enkel. Bei ihrem einzigen Besuch in Berlin ging ich mit ihr ins Museum, um ihr Nofretete zu zeigen, die Königin, die deutsche Archäologen aus Ägypten exilierten und die Hitler zu behalten beschloss. Ich ging mit ihr in üppige Parks und machte sogar eine Bootsfahrt auf der Spree mit ihr. Nichts fand sie so aufregend, wie bei Primark shoppen zu gehen.

Jahrelang habe ich Brauntöne gemieden, weil ich das Gefühl hatte, ein wenig zu sehr wie meine Mutter zu werden, wenn ich sie trug. Letzten Winter kam ich, nach einem kurzen Hypnosezustand, mit einem havanfarbenen Pullover aus dem Einkaufszentrum zurück. Mir war nicht bewusst, was ich getan hatte, bis ich in den Spiegel schaute.

Ihre Farbe hat mich wieder.

Ich wollte der Frau im Supermarkt sagen, dass ich schwerere Dinge verloren hatte. Länder, die ich hinter mir lassen musste. Schlüssel zu Wohnungen, in die ich nie zurückkehren würde. Familie, Freunde und Geliebte. Aber die Kassenschlange ist kein Beichtstuhl. Wenn sich, ihrer Logik nach, alle kleinen Verluste summieren, muss ich ein Vermögen verloren haben.

Vielleicht hatte sie nicht Unrecht. Möglich, dass nichts, was wir verlieren, ohne Belang ist. Im Geldzählen mag ich nicht so gut sein, aber ich zähle Stunden, Tage, Aufbrüche. Ich habe wichtige Dinge aus meinen Händen gleiten sehen und keine andere Wahl gehabt, als weiterzugehen. Ich weiß, dass manche Verluste erst sehr viel später ein Geräusch machen.

Manche Menschen horten Münzen. Ich sammle Dinge, die an der Kasse weniger wert sind, etwa Erinnerungen. Vielleicht vollziehen wir beide, die Vorsichtigen wie die Sorglosen, die Sparer wie die Vergeuder, das gleiche Ritual des Zählens. Sie greift nach dem, was sich behalten lässt. Ich halte fest, was unerreichbar bleibt.

– Ich denke immer an RückkehrLesenI Always Think About Return
– Ululieren ist ein Schreien, das tanztLesenA ululation is a wail that has learned to dance

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