Gräber
von Abdul Wahid Rafee
Aus dem afghanischen Persisch von Lutz Rzehak

Mein Blick auf ein Foto ist eher emotional als technisch. Obwohl unklar ist, wann und wo dieses Foto entstanden ist, hat es mich auf eine Reise in meine Vergangenheit und meine Heimat mitgenommen und ließ Kindheitserinnerungen wieder aufleben.
Was mir auf den ersten Blick auffiel und was mich besonders berührt hat, ist die Art und Weise, wie die Frau, wahrscheinlich die Mutter, das Kind in ihren Armen hält. Ich musste sofort daran denken, was meine Großmutter immer gesagt hat: „Halte ein Kind niemals auf diese Weise in deinen Armen. Das verheißt nichts Gutes.“ Das waren ihre Worte, die heute noch in meinen Ohren klingen. Sie schaute dann verwirrt, als könne etwas Schlimmes passieren.
Eines Tages, als wir auf dem Weg zur Schule gerade den Fluss überquerten, sah ich meine Tante. Sie trug ihr Kind genauso. Ihr Mann ging ein paar Schritte hinter ihr. Beide liefen am Fluss entlang Richtung Dorf. Als meine Tante uns erreichte, drehte sie sich zu mir um, als wollte sie aufschreien, aber sie sagte nur: „Ismail ist auch tot!“ Ein paar Tränen liefen über ihre Wangen. Sie hielt mir das Gesicht des Kindes entgegen und sagte noch einmal: „Schau nur, Ismail ist tot!“
Die Worte „Ismail ist tot“ ließen mich erschrecken. Mir wurde ganz heiß. Ich war voller Angst und Schmerz. Noch nie hatte ich eine Leiche aus solcher Nähe gesehen und schon gar nicht die Leiche eines Kindes. Ohne noch irgendetwas zu sagen, gingen die Eltern mit ihrem toten Kind von uns weg.
Jetzt hatte meine Tante also auch ihren dritten Sohn verloren. Alle Söhne meiner Tante, meine Cousins, waren kurz nach der Geburt gestorben, einer nach drei Monaten, ein anderer nach sieben Monaten und dieser sogar erst ein Jahr nach der Geburt. Die Leute erzählten sich, dass die Kinder von Dschinnen besessen seien. Meine Tante hatte sich sogar mit einem Mullah und Medizinmann eingelassen. Mit Amuletten und Magie wollte sie ihre Kinder schützen, aber es brachte nichts. Eins nach dem anderen starben sie bald nach der Geburt.
Als wir mittags von der Schule ins Dorf zurückkamen, war auf dem Friedhof neben all den anderen Gräbern ein neues Grab zu sehen, klein wie eine Wiege. Kindergräber konnte man schon von Weitem erkennen. Sie waren nicht nur kleiner als die Gräber von Erwachsenen, sondern auch schöner. An diesem Tag zählten wir noch einmal alle Gräber. Mit dem von Ismail waren es jetzt siebenundzwanzig. Drei Gräber waren von den Söhnen meiner Tante, die anderen von Kindern anderer Dorfbewohner. Die meisten Kinder waren an Masern gestorben.
Ich weiß nicht mehr genau, wie alt ich war, als die Masern zu uns ins Dorf kamen. Es war Nacht und ich brannte innerlich vor Fieber. Mein Bauch war voller roter Pusteln. Mir war, als würden kleine Käfer über meinen Bauch krabbeln. Neben meinem Schlafplatz stand eine Petroleumlampe. Ich konnte kaum atmen, aber die Lampe musste bis zum Morgen brennen. Man glaubte, dass Masern die Kinder nachts und im Dunkeln töten. Neben der Lampe stand eine Schüssel mit Mehl. Auf der Oberfläche des Mehls war ein Abdruck meiner flachen Hand zu sehen. Am Abend hatte meine Mutter gesagt: „Leg deine Hand auf das Mehl, dann werden Schmerz und Leid von deinem Körper weichen.“ Auf einem kleinen Holztisch lag ein in Seide eingeschlagener Koran. Die ganze Nacht hielt meine Mutter die Gebetskette in ihren Händen und zählte die Gebete, die sie bis zum Morgen sprach. Ich brannte vor Fieber und konnte vor lauter Durst kaum atmen. Als der Morgen anbrach, bekam ich wieder Luft, so als sei der böse Dämon Ahriman geflohen. Ich war am Leben. Meine Mutter atmete erleichtert auf und sprach ein Dankgebet.
In dieser Nacht hatten die Masern im Dorf ein regelrechtes Massaker angerichtet. Korban, Nabi, Dschamila, Kamar und elf andere sind in dieser Nacht gestorben. Im nächsten Jahr kamen weitere Maserngräber hinzu und ein Jahr später noch einmal, bis die Zahl der Maserngräber insgesamt siebenundzwanzig erreicht hatte. Jedes Jahr schlachteten die Leute Kühe als Opfergabe, legten Gelübde ab und gaben Almosen, damit die Masern nicht ausbrechen. Aber die Masern kamen, töteten und verschwanden wieder.
Als ich dieses Foto sah, wurden all die Kinder wieder lebendig, die gestorben waren, obwohl sie noch so jung waren wie ich damals. Ja, unter ihnen war auch Dschamila, ein Mädchen mit einem Gesicht voller Pockennarben. Ein Mädchen, das trotzdem immer lachte und das ich eigentlich einmal heiraten sollte.
Später, als es einen Impfstoff gab, starb niemand mehr an Masern und die Art und Weise, wie Kinder starben, änderte sich. Je älter ich wurde, desto moderner wurden die Arten, wie Menschen starben. Eines Nachmittags, als wir in der heißen Sommersonne auf einem Melonenfeld saßen und Wassermelonen aßen, tauchten am Himmel drei russische Hubschrauber auf. Weil sie wie Raubfische aussahen, nannten wir diese Hubschrauber „Welse“. Zunächst kreisten sie über unseren Köpfen und dann begannen sie, Raketen abzuschießen. Über der Autobahn Kabul-Kandahar stürzten sie ab. Zuerst schlug Feuer aus ihren Hecks, einen Moment später stieg dichter Rauch von der Autobahn auf.
Am Abend sprachen die Leute darüber, welche Orte von den „Welsen“ getroffen worden waren. Ein Auto hatte es erwischt. Darin saßen Menschen, die aus Masar-e Scharif geflohen waren und nach Pakistan wollten, um dort Schutz zu finden. Der Mullah rief gerade zum Abendgebet, als einige Dorfbewohner die Leichen ins Dorf brachten. Jeder Mann hielt ein Kind im Arm, genauso wie auf diesem Foto, in grüne und rote Tücher gewickelt. Es waren die Leichen von sechs Kindern und zwei Erwachsenen. Alle waren verbrannt.
Heutzutage ist das Sterben von Kindern noch einfacher geworden: Es gibt Drohnen und Raketen. Auch das Fotografieren ist einfacher geworden. Überall auf der Welt kann man heute eine Kamera in die Hand nehmen und auf die Jagd nach solchen Fotos gehen. Solche Motive gibt es in Hülle und Fülle. Ein Fotograf trinkt morgens seinen Kaffee und zieht dann wie ein Jäger mit seiner Kamera los. Es ist egal, wohin er geht: irgendwohin an den Stadtrand von Kiew oder in eine Stadt im Herzen des Nahen Ostens, im Jemen oder im Libanon. Bis zum Einbruch der Dunkelheit kann er jede Menge Bilder schießen. Deshalb sind solche Motive für die Menschen seit Jahren zu etwas Alltäglichem geworden.
Auch das Betrachten dieser Fotos ist zu einer täglichen Gewohnheit geworden und ruft keine Emotionen mehr hervor. Sie frischen lediglich die Erinnerungen auf, ohne jemanden zu berühren.
Ich weiß nicht, wann oder wo dieses Foto aufgenommen wurde, aber in gewisser Weise ähnelt es dem berühmten Foto eines japanischen Kindes, das nach dem Atombombenabwurf auf Nagasaki seinen toten Bruder auf dem Rücken zur Leichenverbrennung trägt. Auch dieses Foto bringt das tödliche Schicksal tausender Kinder in unserer heutigen Welt zum Ausdruck.
Reflexionen zum Foto: Blaze starr backstage, Baltimore, Md. 1964
Dieser Text entstand im Rahmen der Weiter Schreiben Intervention "Als ganzer Mensch gesehen zu werden" am 6. November 2025 im Gropius Bau.
