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Vor dieser Tür packt mich das Grauen

Ophélie Myriam Palingwendé Konsimbo
© Adjaratou Ouédraogo, Der Flug, Acryl auf Leinwand,  ca. 60 x 50 cm.

 

Jetzt liege ich auf meinem Bett und starre an die Decke. Ich war gerade eingeschlafen, als mich meine Nachbarn weckten, die sich lautstark stritten. Ein junges Paar, noch keine Dreißig. Ihr Stimmen werden immer heftiger, dann ist plötzlich Schluss. Stille. Geräuschlos gehe ich hinaus und presse das Ohr an ihre Tür. Nichts. Nichts mehr. Absolute Stille. Ich schaue durchs Schlüsselloch, aber ich sehe nichts.

Als ich mich wieder aufs Bett lege, fange ich plötzlich an zu schluchzen. Tiefe Traurigkeit packt mich, obwohl ich die beiden kaum kenne. Das Erlebnis erschüttert mich und katapultiert mich in die Vergangenheit: Ich denke an Deine tragische Geschichte, Fragen schießen wild durch meinen Kopf. Hat an jenem Tag irgendwer gehört, was passiert ist? Hat irgendwer sein Ohr an Deine Tür gepresst, hat irgendwer durch das Schlüsselloch zu erkennen versucht, ob alles in Ordnung ist? Hat irgendwer daran gedacht, die Polizei zu holen?

Ganz bestimmt war es nur ein normaler Ehekrach, aber Amadou Hampâté Bâ hat zu Recht gesagt, „es gibt keinen kleinen Streit“. Aus jedem Funken kann ein Feuer werden, und ein Feuer brennt zwar nicht unbegrenzt, doch bis es gelöscht werden kann, hat es schon so vieles unwiderruflich gefressen. Bist Du in den Flammen eines lodernden Streits verbrannt? Ich kann nicht aufhören, an Dich zu denken, meine liebe Ornella.

Ornella, meine Freundin. Als wir uns kennenlernten, war ich acht oder neun. Wir waren Messdienerinnen in der Pfarrgemeinde St. Jean XXIII in Ouagadougou. Dort haben wir intensive Momente der Vertrautheit erlebt. Haben Schokolade gegessen, sind Hand in Hand herumspaziert und haben uns über Leute mit seltsamen Macken lustig gemacht. Wir lachten uns halbtot, wenn eins der umschwärmten jungen Mädchen in seinen Absatzschuhen kaum laufen konnte – aber haben wir nicht eher aus Missgunst und Boshaftigkeit gelacht? Schließlich konnten wir beide doch erst recht nicht in Absatzschuhen laufen.

Dann wurden wir größer, und wie es bei den meisten Kindheitsfreundschaften so ist, begannen die Trennungen. Ich ging ins Internat, du wurdest am Collège de la Salle angemeldet. Unsere enge Verbundenheit löste sich mit der Zeit, den Verpflichtungen und den Veränderungen, die das Leben mit sich brachte.

Trotzdem blieben wir in Kontakt. Zum einen, weil wir nah beieinander wohnten, zum anderen, weil das Handy inzwischen erschwinglich war und wir telefonieren oder SMS schreiben konnten. Die Verbreitung von WhatsApp war eine weitere positive Entwicklung, wir konnten uns Audios, Textnachrichten und Fotos schicken. Diese Elemente würzten unseren täglichen Schwatz. Wir ließen es uns auch nicht nehmen, über die jungen Männer zu sprechen, mit denen wir zusammen waren, sie zu kritisieren, aber auch zu loben … In Maßen. Unsere Kunst, zuckerscharfen Klatsch auszutauschen, alterte nicht.

Ich würde gern über unsere Nähe sprechen. Aber ich bin außerstande, ich habe nicht den Mut, an diese vertrauten Gespräche zu denken; sogleich überfallen mich der Schmerz und der Wunsch, Parzellen heimlichen Glücks für mich zu behalten. So dauerhafte Freundschaften zwischen Mädchen, die zu jungen Frauen werden, sind selten. Als Du nach drei Jahren harter Arbeit Dein Unidiplom in der Tasche hattest, musstest Du unbedingt Arbeit finden. Wir haben Deinen Lebenslauf geschrieben, dann hast Du Deine Bewerbungen überallhin geschickt. Verzweifelt und mutlos hast Du gesagt, du würdest „keine Leute kennen“, hättest „kein Vitamin B“. „Wer stellt schon eine wie mich ein?“ Im Nachhinein bin ich überzeugt, dass es besser ist, „keine Leute“ zu kennen als die falschen.

Meine liebste Ornella, das große Unglück Deines Lebens war, dass Du weder Vater noch Mutter hattest. Obwohl Du im Kreis Deiner Großfamilie aufgewachsen bist, umgeben von ihrer Liebe, in einem Zuhause, kann ich mir leicht vorstellen, wie sehr diese Situation Dich belastete. Immer hattest Du das Gefühl, allein zu sein. Durchsichtig. Als würde niemand Dich sehen oder hören. Das war schwer zu ertragen, ich liebte Dich doch, meine Freundin! Aber nichts und niemand konnte Dir die Last der unabwendbaren, grausamen Wahrheit von den Schultern nehmen, die Dich ständig quälte. Du hast die Einsamkeit zutiefst gehasst. Einmal hast Du zu mir gesagt, allein zu sein sei das Schlimmste, das Dir passieren könne.

Schließlich bekamst Du Deine erste Stelle bei der SGBF, der lokalen Bank. Ich war so glücklich für Dich, weil Du endlich den kleinen materiellen Wohlstand, die wirtschaftliche Unabhängigkeit genießen würdest. Du hast Dich wacker geschlagen und Dich so gut organisiert, wie es ging. Nach einiger Zeit am Hauptsitz der Bank wurdest Du in die Provinz Yatenga im Norden versetzt, genauer gesagt in die Stadt Ouahigouya.

„Was soll ich denn da? Keine Freunde, keine Familie. Ich muss wieder ganz von vorn anfangen.“

„Jetzt übertreibst du, Ornella, du hast Arbeit und suchst Ausreden, um nicht hinzugehen. Man kann sehr gut außerhalb von Ouagadougou leben und Freunde finden, und nach einer gewissen Zeit kannst du um eine erneute Versetzung bitten. Wovor fürchtest du dich?“

Diese Belehrungen waren unangemessen, was wusste ich denn schon vom Leben in der Provinz. Ich hatte vier Jahre im Internat gelebt, wo ich ständig von meinen Mitschülerinnen umgeben war. Wir genossen alle Annehmlichkeiten und mussten uns um nichts kümmern. Vom Aufstehen bis zum Schlafengehen wurde alles für uns geplant. Das Internat war durch Wachpersonal gesichert und von Zäunen und Stacheldraht umgeben. Nach dem Abitur habe ich während meines Auslandsstudiums zwar allein gelebt, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich die Realität des Alltags in der Provinz von Burkina Faso völlig falsch einschätzte. Ich bin Städterin. Und trotzdem spielte ich mich als Lehrmeisterin auf.

Bis vor kurzem habe ich das Leben in der Provinz idealisiert. Das Gespräch mit einer Tante hat mir den Kopf zurechtgerückt. Ich hatte ihr gesagt, es müsse schön sein, weit weg von der Hauptstadt zu wohnen, weit weg von den ganzen Problemen, dem Stress und den unnützen Ausgaben. Sie antwortete trocken und zutreffend: Weit weg von den Ämtern, weit weg von den wichtigsten Dingen des Alltags, weit weg von deiner Familie und deinen Freunden.Dieser Satz traf mich wie eine Ohrfeige, sie fegte meine Fantasien von reiner Luft und frisch gefangenem Fisch hinweg. Am Ende sagte sie noch:

„Außerdem bist du eine Frau, glaubst du, du kannst machen, was du willst? Wo du willst? Wenn du das denkst, bist du ziemlich naiv, mein Mädchen!“

Dieser Satz ärgerte mich, wie jedes Mal, wenn ich ihn hörte. Ich brach das Gespräch ab, weil ich nicht anfangen wollte, mit meiner Tante zu streiten. Der Satz „Du bist eine Frau“ wird uns ins Gesicht geworfen, um uns daran zu erinnern, dass das Wort Frau unser Leben lang unseren Status festlegt und uns ihm unterwirft. „Du bist eine Frau“ – als würde man sagen: Bleib an deinem Platz, spiel dich nicht auf, für wen hältst du dich?

Ich weigere mich, jetzt und für immer, mich zu beschränken. Was ich tun will, werde ich tun. Ich gehe den Weg, den ich mir vorgenommen habe. Leider gibt es eine tiefe Kluft zwischen dem, was wir wollen, und der Welt, die uns umgibt. Freiheit oder Sicherheit? Die Schönredner sagen, Sicherheit sei die wichtigste Freiheit. Kann man wirklich beides haben, wenn man eine Frau ist?

Daran zweifle ich sehr. Das habe ich gelernt, als ich zum ersten Mal allein wohnte. Da habe ich die Bedeutung der Wörter „Paranoia“ und „Panik“ begriffen. Ich lief eilig durch die Straßen. Wenn jemand hinter mir war, blieb ich stehen, um ihn vorbeizulassen. Ich schloss meine Wohnungstür zweimal ab und legte zwei Ketten vor. Nachts wachte ich auf, um zu kontrollieren, dass ich die Tür richtig verschlossen hatte. Es kam nicht in Frage, dass ich im Dunkeln allein spazieren ging oder jemandem antwortete, der mich in der Dämmerung ansprach, zu groß war die Angst, angegriffen, vergewaltigt oder sogar getötet zu werden. Denn da, wo ich war, gab es niemanden, der mich schützte. Trotzdem bin ich frei und sehe mich als freie Frau.

Während ich nachdenke, fallen mir Bruchstücke aus Gesprächen mit meiner Familie ein. Ich höre meine Mutter, die mich auslacht, als ich sage, ich möchte nicht heiraten. Und meinen Onkel, der mich als Träumerin mit albernen Ideen beschimpft, weil ein Mann mehr als alles andere Sicherheit verkörpere. Das sei weder seine noch meine Entscheidung. Es sei eine gesellschaftliche Regel: Mann = Abschreckung = Schutz. Die Menschen können es nicht lassen, Böses zu tun, und eine Frau allein ist die bevorzugte Zielscheibe. Eine leichte Beute.

Was nützt es, nur wegen der „Sicherheit“ mit jemandem zusammen zu sein? Muss ich mit jemandem zusammen sein, damit man mir nicht etwas Böses antut oder mich tötet? Dann steht die Welt Kopf! Das ist absurd.

Unter Sicherheit versteht man den „Schutz der körperlichen Unversehrtheit“, doch bei der von meinem Onkel angestrebten Hochzeit geht es um finanzielle Sicherheit. Um schöne gepanzerte und vergoldete Türen, die dir die Urteilskraft rauben und den Boden unter den Füßen wegziehen. Sicherheitstüren, die andere am Hereinkommen hindern, aber auch dich am Hinausgehen. Ich kenne Dutzende Geschichten über unglückliche Frauen, die nicht fortgehen, weil sie Angst haben, ihren Komfort zu verlieren, Angst, allein zu bleiben und tausendundeiner Gefahr ausgesetzt zu sein. Sie bleiben und dulden. Sie ignorieren die Vorzeichen. Sie schließen die Augen vor der größten Gefahr: dem Wolf im Schafstall, dem Pyromanen-Feuerwehrmann. Der größten, nächsten und am wenigsten vermuteten Gefahr.

All diese Gedanken rasen durch meinen Kopf und lähmen mich, vor allem, weil sie mich zu dem führen, was Dir zugestoßen ist, Ornella. Die Tür in meinem Kopf öffnet sich vor dem 8. Februar 2022. Dem Unglückstag, an dem Dein lebloser Körper gefunden wurde. Dein Körper, Ornella, deren Geburtstag der 3. Oktober war und der ich ein Geschenk versprochen hatte. Ornella Miranda Grâce Ouédraogo. Erstochen. Allein. Fern von allen. Fern von uns. Ein Körper, der isoliert gestorben ist, am Ende eines schrecklichen quälenden und einsamen Todeskampfes.

Mich überschwemmen Verleugnung, Fassungslosigkeit, Entsetzen, Traurigkeit und Wut. Ich weiß nichts. Es ist absurd. Keine Spur eines Einbruchs in Deine Wohnung. Was soll das? Wie kann man mit 26 Jahren sterben?

Ornella, Du hast Dich immer gefragt, wer sich um Dich kümmern und Dich lieben würde bis ans Ende Deiner Tage. Ich fand diese Frage erschütternd, weil Du eine intelligente und schöne Frau bist. Warum hattest Du es so eilig? Die jungen Männer, von denen Du mir erzählt hattest, über die wir gemeinsam gelästert hatten, waren manchmal unglaublich gemein. Ich mache mir Vorwürfe, Dich so hart zurechtgewiesen zu haben. Wenn ich besser zugehört hätte, hättest Du mir vielleicht etwas über diesen letzten Mann erzählt. Vielleicht hättest Du mich nach einem Streit angerufen und ich hätte Dir gesagt, Du sollst weggehen, bevor es zu spät ist. Ornella, wenn Du wüsstest, wie Du mir fehlst. Dein offenes, helles und spontanes Lachen. Dein Wunsch, Mutter zu werden. Deine Träume, in einem schönen Haus zu leben.

Seit Deinem Tod macht es mir Angst, Frau zu sein. Beim bloßen Gedanken, dass ich eine Frau bin, packt mich das Grauen, stürze ich in einen Abgrund von Angst und Panik. Ich habe Angst, die falschen Entscheidungen zu treffen. Ich habe Angst, nicht zu wissen, wann ich weggehen, wann ich bleiben soll. Angst, nicht zu wissen, wann ich die Tür öffnen und wann ich sie wieder schließen soll.

Am nächsten Tag sehe ich meine Nachbarn Hand in Hand mit strahlendem Lächeln aus der Tür kommen. Ich hätte mir so gewünscht, dass es für Dich einen nächsten Tag gibt, meine Freundin. Ich hätte es mir so gewünscht.

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