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Dunkles Glück 

Raha Mozaffari (Pseudonym)
© Maria Hosein-Habibi, Dunkles Glück, Acrylfarbe auf Leinwand, 40 x 30 cm (2022).

Scharif hatte den saftigsten Lauch für Rahima ausgewählt. Er brachte ihn ihr in aller Frühe, damit sie am Abend Bolani daraus zubereiten konnte. Das war eine gute Beschäftigung für Rahima. Sie brachte für gewöhnlich einen Tag damit zu, den Lauch zu säubern. Das erinnerte sie an frühere Zeiten, in denen Ibrahims Frau täglich den langen Weg von Azhdar nach Zargaran in Bamyian mit frischem Lauch zu ihnen nach Hause gekommen war. Tag für Tag sagte Ibrahims Frau dasselbe. Sie redete und Rahima hörte zu.

„Rahima, meine Liebe, du bist jung, du hast Hoffnungen und Träume, aber du musst die Tatsachen akzeptieren: Die Chancen, dass du einen jungen, gesunden Mann heiraten wirst, sind gering.“

Solche Worte hatte Rahima – mit mehr oder weniger Härte – immer wieder zu hören bekommen. Doch die Träumereien von einem eigenen Zuhause, in dem sie die Hausherrin sein würde und ihren Kindern beim Aufwachsen zusehen konnte, ließen nicht nach.

So wie die Erinnerungen blieben, die Erinnerungen an Ali, ihren Cousin. Sie hatten zusammen die Schafe gehütet und Feuerholz gesammelt, waren gemeinsam zur Quelle gelaufen. Vor allem aber hatten sie Pläne für eine gemeinsame Zukunft entworfen. Doch die Zeiten waren trügerisch und nahmen keine Rücksicht auf ihre Wünsche. Rahimas grüne Augen, deren Blicke ausschließlich Ali gegolten hatten, sahen ihn nicht mehr und auch nichts und niemanden sonst. Sie war erst fünfzehn Jahre alt, als sie verstand, dass ihre Augen nie wieder etwas sehen und das Leben von nun an nichts als Dunkelheit für sie bereithalten würde. Ihre Eltern konnten nichts für ihre jüngste Tochter tun, außer mit ihr zu den Mullahs und zu diesem und jenem Schrein zu gehen. Sie machten eine Pilgerreise und opferten ihr fettestes Schaf, um Rahimas Augenlicht zurückzubringen. Aber die Schlieren und Ringe auf ihren Augen waren größer als das Schaf. In Kabul hätte man ihr helfen können, aber Kabul war dort und Bamyian hier und dazwischen lagen Krieg und Gewalt.

Dann kam eine Zeit, in der alle mit ihrem eigenen Leben beschäftigt waren. Ihre Felder und Häuser verließen, um in die Täler zu flüchten. Ali sprach nicht mehr mit ihr, sprach nicht mehr von den Schafen, die sie einmal haben würden.

Zehn Jahre vergingen und die Taliban verschwanden. Davor schon hatte Ali sein Reisebündel gepackt und war in den Iran aufgebrochen. Er ging fort und ein schwerer Kummer überkam Rahima. Ali ging fort und Rahima führte ihr Dasein im Dunkeln weiter. Ali ging und Rahima blieb. Hätte ich an der Liebe zu mir festgehalten, wäre ich an seiner Stelle gewesen? Diese Frage stellte sie sich oft. Ihre Antwort schockierte sie jedes Mal. Und es war dieser Schock, der Ali Recht gab. Wer will schon eine Frau, die an den vierundzwanzig Stunden, die der Tag hat, nichts als Nacht sieht und für die Tag und Nacht sich nicht voneinander unterscheiden?

Als Rahima fünfundzwanzig Jahre alt war, musste sie ihr Herz wieder öffnen. Ibrahims Frau wollte Rahima als Ehefrau für ihren Bruder Scharif, dem eine Miene das eine Bein hochgejagt und ihn auf einem Auge blind gemacht hatte und der zudem frisch verwitwet war. Rahima begann sich damals im Haus ihres Bruders wie eine Last zu fühlen. Dabei wusste sie mittlerweile genau, wie sie alle Arbeiten blind verrichten konnte. Sie hatte gelernt, ihre Ohren und ihre Hände an die Stelle ihrer Augen treten zu lassen. Der Behälter für Salz war klein und der Behälter für Zucker groß. Das lange Messer hing über dem Gasherd und die Kartoffeln standen in einer Kiste daneben. Rahima kochte, wusch Kleidung, fegte das Haus, ging von dort aus bis zum Basar, indem sie einen Stab zur Hilfe nahm. Trotzdem hatte sie das Gefühl, ein Anhängsel zu sein. Sie wollte das Haus ihres Bruders verlassen, der nichts besaß, außer einer Milchkuh und einem Feld, auf dem sich ausschließlich Kartoffeln anbauen ließen. Ihr Bruder hatte kleine Kinder zu versorgen und kein Geld. Zehn Jahre des Wartens auf jemanden, der fortgegangen war, ohne ihr zu sagen, wohin, waren genug. Also bedeckte Rahima ihren Kopf mit einem weißen Tschador, ein Mullah rezitierte die Verse und sie war vermählt. Wie der Mann aussah, der eine Stunde zuvor noch ein Fremder gewesen und jetzt ihr Ehemann geworden war, wusste sie nicht.

 

Scharif kam mit seinem kleinen Handkarren für die gemeinsamen Ausgaben auf, beschwerte sich nicht über das Essen, genauso das Rahima zubereitete, und versorgte seine Familie wie ein gesunder Mann. Selbst wenn er dafür stundenlang unter der brütenden Sonne sitzen und auf Kunden warten musste.

Nach einem Jahr als Ehefrau verstand Rahima, was ihrem Ehemann angenehm war. Sie gewöhnte sich an die Speisen mit wenig Salz, an den starken Tee und die Stille im Haus. Ihr Ehemann achtete sie und der Schmerz über den Tod seiner ersten Ehefrau klang langsam ab. Rahimas Tage vergingen ruhig und ereignislos. Wo sie ihre Augen gebraucht hätte, lernte sie ihre Ohren zu spitzen. Sie hörte die Räder der kleinen Karre quietschen und wusste, ihr Mann kam nach Hause. Das Brodeln des Kessels verriet ihr, dass das Wasser kochte. Dann servierte sie ihrem Ehemann, mit dem sie wenig sprach, grünen Tee.

Das Abendessen war schon zubereitet, als ihr altes Handy klingelte. Es war ihr Bruder. „Komm morgen mit deinem Mann bei uns vorbei. Ali ist aus dem Iran zurück.“ Rahimas Herzschlag nahm Fahrt auf wie ein Wasserstrom, der ein ausgetrocknetes Tal flutet.

Am nächsten Tag erinnerte sie sich daran, dass ihr Ehemann sie geheiratet hatte, wie sie war. Sie bereitete das Frühstück, kochte starken Tee mit viel Zucker und backte sogar frisches Brot. Aber selbst das frisch gebackene Brot konnte ihren Appetit nicht wecken. Als sie bei ihrem Bruder ankamen, hörte sie bereits die Stimmen der Frauen, die sich lauthals über Alis Rückkehr unterhielten. Unter dem Vorwand, ihrer Schwägerin helfen zu wollen, zog sie sich in die Küche zurück. Rahima sprach mit ihrer Schwägerin, als von draußen eine männliche Stimme zu hören war. Alis Stimme. Er war aus einem Nebenzimmer gekommen und unterhielt sich mit der männlichen Verwandtschaft. Die Männer stellten Ali Fragen, die er widerwillig beantwortete.

„Erzähl mal, Ali, mein Lieber, wie ist es im Iran?“

„Danke, gut … Ja, die Menschen leben in Sicherheit … Ja, es ist besser als in Afghanistan.“

Ali schien nach einer Ausflucht zu suchen, um sich den nicht enden wollenden Fragen der Männer zu entziehen und wandte sich Rahimas Bruder zu.

„Lieber Cousin, ich habe Kopfschmerzen. Du hast nicht zufällig eine Tablette da?“

„Natürlich, warte kurz, ich frage Hakims Mutter.“

„Nur keine Umstände, ich gehe schon. Lass mich auch die Frauen begrüßen, ich frage Hakims Mutter dann selbst nach der Tablette.“

„Schau mal, wer da ist, Rahima, meine Liebe!“, rief Hakims Mutter aus, als Ali zu ihnen in die Küche kam. „Dein Cousin, Ali!“

Rahima stand auf. Ihre Schwägerin, die von der Geschichte der beiden wusste, begann das Schweigen zwischen ihnen zu brechen, indem sie Ali viele Fragen stellte, während sie im Kühlschrank nach den Tabletten suchte. „Sag schon, Ali, mein Junger, wo ist denn deine Frau? Wo sind deine Kinder? Warum hast du sie denn nicht mitgebracht?“

Ali schwieg für einen langen Moment. „Ich bin nicht verheiratet“, sagte er dann.

Dann mussten sie zurück zu den anderen und begannen zu essen, doch Rahima konnte sich nicht an dem Essen erfreuen, als sei auch ihr Appetit plötzlich blind geworden. Warum hatte Ali sie damals verlassen, wenn er doch bis heute, nach all den Jahren, nicht geheiratet hatte? Die Minuten verstrichen langsamer als sonst. Endlich sprach eine der Frauen das Schlussgebet und ihre Stimme setzte dem Warten ein Ende. Rahima begann die Gläser mit einem Tablett abzuräumen. Sie trug die Gläser in der einen Hand und tastete sich mit der anderen in die Küche zurück. Dort stellte sie das Tablett ab und rief nach Hakims Mutter, als sie plötzlich Alis Stimme hörte.

„Rahima, warte einen Augenblick. Bitte nimm dieses Geld von mir.“

„Warum?“

„Es ist das Geld, das ich für die Heilung deiner Augen gespart habe. Ich habe im Iran mit sämtlichen Ärzten gesprochen und sie gefragt, ob deine Augen behandelt werden können, und sie alle haben mir gesagt, dass es Möglichkeiten gibt.“

Rahima hörte nicht mehr, was er sagte. Sie wollte es nicht hören. Sie war weder glücklich noch traurig.

„Das wäre nicht nötig gewesen. Ich habe mich mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt“, sagte sie, legte das Geld zurück in Alis Hände und ging, ohne sich zu verabschieden. Ihr Mann nahm sie bei der Hand und die beiden stiegen in ein Taxi. Rahima fragte sich nicht mehr, ob Ali all die Jahre an sie gedacht hatte. Es gab wichtigere Dinge, über die sie nachdenken musste. Darüber, was sie heute Abend kochen sollte, zum Beispiel, oder wie sie ihren Ehemann dazu bewegen konnte, sein künstliches Bein abzulegen, wenn er schlafen ging.

Das Projekt Untold – Weiter Schreiben Afghanistan ist eine Initiative der KfW Stiftung in Kooperation mit „Untold – Write Afghanistan“ und Weiter Schreiben. Dieser Text ist zuerst auf Englisch im Rahmen von „Untold – Write Afghanistan“ erschienen.

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