Weiter Schreiben -
Der Newsletter

So vielstimmig ist die Gegenwartsliteratur.
Abonnieren Sie unseren Weiter Schreiben-Newsletter, und wir schicken Ihnen
die neuesten Texte unserer Autor*innen.

Newsletter abonnieren
Nein danke
Logo Weiter Schreiben
Menu
Suche
Weiter Schreiben ist ein Projekt
von WIR MACHEN DAS
Logo Weiter Schreiben
Menu

Lieber Frieden oder Liebe? Für mich lieber die Liebe

Joice Zau
Weiter Schreiben Mondial, Joice Zau, Helena Uambeme, Angola
© Helena Uambeme, Here lies the unknown soldier, Performance (2020)

 

Lieber Frieden oder Liebe? Für mich lieber die Liebe

Angelehnt an den Dichter Marcelino Freire sage ich so wie er: Frieden ist nichts für mich

Ja genau, ihr habt richtig gehört!

Ich hasse den Frieden entschieden

Scheiß auf die Moral und die guten Manieren, auf die Naturgesetze, die Zeit und Raum regieren

Ich hasse den Frieden, der Frieden ist nichts für mich

Frieden sagt mir nichts, Frieden repräsentiert mich nicht

Der Frieden ist nur ein Deckchen für ein verdrecktes soziales Gefüge, Frieden ist vorgeschoben

Der Frieden tut so, als brächte er Freiheit, dabei macht er uns zu Waren auf einem Fließband und überwacht uns mit seinen Antennen

Der Frieden verursacht im Winter Schäden, im Frühling kommt er mit einem blühenden Lächeln und stört unseren Schrei nach Gerechtigkeit

Der Frieden zwingt uns, die Ströme von Tränen zu schlucken die aus uns hevorbrechen, sie zu trocknen, und sagt uns: Vergesst es, kommt damit klar

Der Frieden ist eine hübsche Blume, die entsetzlich stinkt

Der Frieden steht für eine Vergangenheit, in der wahre Poesie sich nicht atmen ließ

Der Frieden ist die Illusion, die unsere Augen hypnotisiert und uns ermüden lässt vor der Wirklichkeit

Der Frieden sagt Krieg voraus und erwartet vom Thron aus den Friedensnobelpreis

In unserem Sehnen und Streben nach Unabhängigkeit trieb sich der Frieden als Geist herum und war am Ende der strahlende Held

Er saß bequem in der ersten Reihe im Kino, während seine Kugeln Blut über die Erde vergossen, und dann tauchte er auf, nach dem Fest, diabolischer Mörser der Märtyrer

Wie Marcelino sagt, Frieden ist hübsch in den Medien, Frieden ist blass, Frieden ist weiß

Der Frieden schläft nicht in unseren Musseques[1], liegt nicht auf unserem Teller, kommt nicht aus unserem Wasserhahn und tanzt nicht in unseren Mägen

Der Frieden war nicht da, als mein Lächeln verstummte und mein Schrei verklang

Sei kriegerisch, um des Friedens willen, sei noch einmal kriegerisch, um ihn zu erhalten

Das Streben nach Frieden lässt Sprachlose in der Stille der Dunkelheit sprechen, lässt am Ende des Morgenrots der neuen Zeiten Gehörlose so tun, sie könnten hören, und Blinde, sie könnten sehen, und wir sind keinen Schritt weiter und nicht einmal die Sonne scheint

Der Frieden schenkt uns ein Stück Lüge

Der Frieden ist Alpha und Omega jedes Krieges

Der Frieden löst einen Kreislauf des Schreckens aus

Lieber Frieden, ich habe Fragen an dich, sieh mich an und gib Antwort:

Wo warst du, als die verzweifelten Menschen nach einem Serum zum Überleben suchten in diesem grausamen Lebenstableau?

Wo warst du, als Tausende Knüppel in die Vulvas der versklavten Frauen gerammt wurden und ihre Seelen verstümmelten?

Wieso hast du dich in den Krieg verliebt und nicht in die Liebe?

Ich will keine Synonyme hören, Antonyme oder linguistische Signifikate, ich will nur wissen, wieso der Frieden so tut, als sei ihm nicht alles egal?

Wieso verhält er sich wie eine Atomenergie? Sauber, verschmutzt nicht die Umwelt und ist doch gefährlich und tödlich, friert eine ganze Nation ein und lässt die Dichtung versteinern, sobald seine Strahlung die Erde umarmt

Sag mir, Frieden:

Willst du, dass ich dir nach all dem wirklich die Ehre erweise?

Willst du, dass ich mich der Ironie von Bukowski entkleide?

Feucht werde bei den Metaphern von João Tala?

Dir zu Ehren die Blumen der Lyrik António Jacintos pflücke? Nein, lass die Liebe das machen

Während der Frieden jahrhundertelang Allgemeingültigkeiten kaschierte, nur große Dichter gelesen wurden und Pepetela, man sich nur nach den Meistern des Wohlstands, der Fülle streckte, kam die Liebe und legte die Allgemeingültigkeit vor die Tür unserer Peripherie[2]

Heute inspiriert uns die Poesie der Musik aus der Kehle von Giovanni[3] Majestade und der Schrei nach Freiheit aus der von Jessy Samussuku[4]

Angolanischer politischer Aktivist und Rapper, bekannt für seinen Kampf um Bürgerrechte in Angola. 2015 wurde er von den angolanischen Behörden verhaftet, die ihm zunächst den Versuch eines Staatsstreichs und später zusammen mit 16 weiteren Mitstreiter*innen subversive Handlungen gegen die Staatssicherheit vorwarfen.

Der Frieden macht uns zu Zahlen und Statistiken, die Liebe macht uns zu Prosa, zu Verben des Guten

Der Frieden besteht auf Symbole

Die Liebe legt Wert auf das Volk und das Land

Deswegen bin ich für immer für Liebe und nie, niemals für Frieden.

 

-----

[1] Armenviertel der Städte, vor allem die Vororte von Luanda.

[2] Angolanischer Schriftsteller, Politiker und Befreiungskämpfer. Er gehört zu den wichtigsten Autoren Angolas.

[3] Junger angolanischer Rapper, der die aktuellen Verhältnisse in Angola scharf kritisiert.

[4] Angolanischer politischer Aktivist und Rapper, bekannt für seinen Kampf um Bürgerrechte in Angola. 2015 wurde er von den angolanischen Behörden verhaftet, die ihm zunächst den Versuch eines Staatsstreichs und später zusammen mit 16 weiteren Mitstreiter*innen subversive Handlungen gegen die Staatssicherheit vorwarfen.

Datenschutzerklärung