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Die Andere

Károly Mágó
Übersetzung: Samuel Mágó
Bild: Małgorzata Mirga-Tas / Romni Szakira, 120 x 100 cm, Acryl auf Leinwand, Mischtechnik (2013)

Frau Mama – sagte Aranka leise und doch bestimmt zu ihrer Schwiegermutter.

Ich dachte, ich könnte dir helfen, mein Kind, und mit dir ein paar Kartoffelknödelchen für meine Urenkelin kneten – sagte die alte Frau.

Natürlich – antwortete Aranka und schob den Teller näher zu ihr hin, damit sie nicht aufstehen musste, um ihn zu erreichen. Doch selbst so musste die Frau sich jedes Mal strecken, wenn sie zu dem Teller griff, der mit Zeichentrickfiguren verziert war.

Der Jenci ist aber lange weg – sagte Klara, um die lange oder zumindest lang scheinende Stille zu brechen.

Sie wissen ja, Frau Mama, – sagte Aranka gemäßigt und ruhig – dass die Beamten für alles ihre Zeit brauchen.

Ich weiß, mein Kind – sagte die alte Frau, stand auf, nahm ein Geschirrtuch aus dem Küchenschrank, wischte sich die Hand ab und legte sie mit einem Schwung auf die Schulter ihrer Schwiegertochter. Dann holte sie tief Luft. Bevor sie jedoch weitersprach, fing die Kleine, für die die Kartoffelknöderl geknetet wurden, zu weinen an.

Soll ich ihre Mutter wecken? – fragte Klara.

Lassen Sie nur, Frau Mama, ich wickle das Kind gleich und leg es ins Bett. Die Agi, meine arme Tochter, schläft seit fast drei Tagen nicht mehr. Nachts bewirtet sie die Leute, die zur Totenwache kommen, und am Tag begleitet sie ihren Bruder überallhin. Mein Jenci, mein Großer, der ist nicht so stark wie sie. Es belastet ihn viel mehr als seine Schwester.

Von euch beiden warst immer du die Stärkere, ich weiß noch … – begann Klara zu erzählen, als das Kind aufgehört hatte zu schreien. Doch in dem Moment trat Jenci ins Zimmer und setzte sich zwischen die beiden Frauen. Seine Mutter legte ihre Hand auf seinen Oberschenkel und seine Großmutter legte ihre Hand auf seine Schulter. Iss was, mein Sohn – sagte die Mutter.

Ich brauch gerade nichts, Mama – sagte er und begann zu erzählen, um weiteren Fragen auszuweichen. Es wird alles so sein, wie ihr es wolltet. Papas Begräbnis wird um elf Uhr vormittags stattfinden. Ich habe mit dem Priester besprochen, dass wir eine halbe Stunde früher dort sein werden, um ihm den Text zu geben, den er vortragen soll. Ich habe ihm auch gezeigt, welchen Bibelvers ihr euch ausgesucht habt.

An dieser Stelle blieb er kurz stehen, blickte zu seiner Großmutter und korrigierte sich – Ich meine, den Mama und Agi ausgesucht haben.

Mein Kind, in diesen Dingen hat deine Mutter das letzte Wort. Wenn ihr das so besprochen habt und es so möchtet, werde ich nicht widersprechen. Deine Urgroßeltern waren auch gläubige Menschen. Wir hatten aber keine Wahl. Als Parteimitglieder durften dein Großvater und ich nicht in die Kirche gehen – sagte die alte Frau und blickte zu ihrer Schwiegertochter.

Diese hatte das Gefühl, etwas Ungewohntes in den Augen ihrer Schwiegermutter gesehen zu haben, doch bevor sie genauer hinschauen konnte, hatte Klara ihren Blick schon auf ihren Enkelsohn gerichtet. Sie sprach weiter, als wäre sie mit ihm alleine im Raum – Wir hatten nicht so viel Ausdauer und keinen so starken Glauben wie die Familie deiner Mutter.

Die Worte der alten Frau hatten Aranka überrascht, auch wenn sie das nicht zeigte. Sie hatte schon vor einiger Zeit bemerkt, dass sich die Stimme ihrer Schwiegermutter im Laufe der Jahre verändert hatte. Anfangs, als Janos ihr noch den Hof gemacht hatte, war es öfter vorgekommen, dass sie sich, noch während sie sprach, auf die Zunge biss – diese Zi… – diese Leute. Und als in Ungarn in den siebziger Jahren der Begriff Creolenhäutige für Roma noch gebräuchlich war, hatte sie des Öfteren einmal die Nachrichten mit Naja, so ist das bei denen kommentiert.

Im Laufe der Jahre waren die pikierten Bemerkungen und die Zungenbisse immer seltener geworden. An ihre Stelle war anfangs eine extreme Düsternis getreten. Dann geheuchelte Dankbarkeit. Und dann Sätze wie Macht nur, was eure Mutter sagt, die vor allem bedeuteten, dass man nichts anderes tun konnte, auch wenn sie die Dinge anders gemacht hätte.

Den größten Wandel hatte einer der üblichen Samstagsbesuche gebracht. Nach dem Mittagessen war Aranka zum Rauchen nicht wie gewohnt aus der Einzimmerwohnung auf den Hof gegangen, sondern sitzen geblieben. Jenci hat die ganze Nacht geweint – rechtfertigte sich Janos für seine Frau – so hatte sie keine Zeit, die Pogatschen zu backen.

Was für Pogatschen? Wir haben gar keine angeboten bekommen – sagte Klara laut.

Frau Mama – sagte Janos – Aranka knetet jeden Freitagabend den Teig für fünf Backbleche Pogatschen. Die verkauft sie dann an die Nachbarn. Nur so können wir etwas Geld zur Seite legen.

Aranka sah damals zum ersten Mal, wie sich im Gesicht ihrer Schwiegermutter Unverständnis, Verlegenheit und Anerkennung mischten.

Ähnliches hatte sie dann etwas später noch einmal auf ihrer Diplomfeier gesehen. Aranka war in ihrer Familie die Erste, die ein Studium abschloss. Als sie die Urkunde entgegennahm, hatte sich der Festsaal der Universität mit ihren Verwandten gefüllt. Die Männer klammerten sich an ihren Pálinka, die Frauen an ihr Essen. Unter den unzähligen Roma hatten nur zwei Gadschos Platz genommen. Klara und ihr Mann. Du bekommst dein Diplom auch bald – sagte Klara zu ihrem Sohn, anstatt ihrer Schwiegertochter zu gratulieren.

Klara kam jeden Samstag zu Besuch. Ungefähr alle drei Wochen tauchte sie außerdem ohne Vorankündigung bei ihnen auf. Dann untersuchte sie jeden Quadratmeter, was nicht lange dauerte, da die Wohnung ja nur aus einem kleinen Zimmer und einer noch kleineren Küche bestand. Wenn sie etwas Ungewöhnliches gefunden hatte – selbst die unbedeutendste Kleinigkeit –, blickte sie stets siegestrunken zu ihrem Sohn.

Am Wochenende richtete Klara es so ein, dass ihr zehn Minuten alleine mit ihrem Sohn blieben. Janos zog sich dann verlegen mit seiner Mutter zurück und blickte währenddessen abwechselnd zu seiner Frau und zum Boden. In Arankas Augen war das seine Art, um Verzeihung zu bitten. Ausgesprochen hätte ihr Mann die Worte niemals.

Janos’ Vater war da schon um einiges aufgeschlossener. Zumindest dachte er so über sich selbst. In der Partei hatte man ihm beigebracht, dass man die Zigeuner nicht anders behandeln dürfe. Wenn seine Frau und sein Sohn sich zurückgezogen hatten, sprach er über ernste Dinge, zum Beispiel darüber, dass man vor der Verbreitung imperialistischen Gedankengutes aus dem Westen auf der Hut sein müsse. Dabei richtete er seine Monologe nicht nur an seine Schwiegertochter, sondern vor allem an seine Enkel, obwohl diese erst einige Jahre alt waren.

Er bat nicht einmal mit den Augen um Verzeihung für das Verhalten seiner Frau. Obwohl eindeutig war, dass es auch ihn störte.

Aranka, du siehst ja, wie gut sich unsere Partei um die kleinen Leute kümmert. Dass auch du es bis hierher geschafft hast, zeigt das doch ganz deutlich. Du kannst dieselben Berufe ausüben wie wir und du hast erreicht, dass dich ein weißer Mann zur Frau nimmt – pflegte er zu sagen. Dabei verschwendete er nicht einen Gedanken daran, wie sehr sie seine Worte schmerzten. Aranka war ihm dafür niemals böse gewesen. Sie war sich über die Schwächen ihres Schwiegervaters im Klaren – er hatte nur vier Schulklassen abgeschlossen. Sie wusste außerdem, dass ihr Mann seinem Vater, der ihn und seine zwei jüngeren Brüder regelmäßig mit seinem Gürtel geschlagen hatte, außer dem gebührenden Respekt nichts entgegenbrachte.

Mit ihrer Schwiegermutter verhielt es sich anders. Ihr Mann, der seine Mutter bis zum letzten Tag siezte, hatte sie nicht nur respektiert, sondern auf seine eigene Art geliebt. Das Siezen hatte Aranka immer schon als lächerlich und unnötig empfunden. Nicht nur, weil sie keinen ihrer Verwandten jemals siezte – nicht einmal diejenigen, die so alt waren wie ihre Großmutter –, sondern vor allem weil es in ihrer Muttersprache, im Romanes, eine solche Anredeform gar nicht gab.

Ob sich ihre Schwiegermutter im Laufe der Jahre so sehr verändert oder ob sie nur der plötzliche Tod ihres Sohnes verwirrt hatte, wusste Aranka nicht. Doch sie war sich vollkommen sicher, dass ihre Stimme jetzt ganz anders klang als früher. Ehrlicher. Das spürte auch Jenci. Für einen Moment hatte er aufgehört zu erzählen.

Bevor er weitersprach, trat Agi ins Wohnzimmer: Wieso habt ihr mich nicht geweckt? Jenci, wieso bist du allein losgegangen, ich hab dir doch gesagt, dass ich dich begleiten will. Wo ist Lili? – fragte sie schnell hintereinander.

Deine Mutter hat sie ins Bett gebracht. Du warst so übermüdet, sie wollte, dass du dich ausruhst. Setz dich und hör zu, was dein Bruder erzählt – sagte die alte Frau mit derselben Stimme wie vorher, stand auf, schenkte ihrer Enkelin Kaffee ein und setzte sich wieder. Aranka sprang sofort auf und stellte einen Teller mit Brot und Schinken vor ihre Tochter. Für den Kaffee ist noch genug Zeit – sagte sie, bevor sie sich wieder hinsetzte. Klara hatte mit starrem Blick zugesehen, wie sich ihre Schwiegertochter über ihre Entscheidung hinwegsetzte.

Also, mit dem Priester ist alles besprochen – fuhr Jenci fort.

Und der Bibelvers? – fragte Agi mit hoher, ungeduldiger Stimme.

Bevor du aufgewacht bist, – sagte Jenci in gewohnter Manier – habe ich erzählt, dass ich ihm den Zettel gegeben habe, den du mit Mama geschrieben hast. Er wird genau die Stelle vorlesen, die ihr euch ausgesucht habt. Während er das sagte, starrte er vor sich hin.

Sie war zwar immer diejenige gewesen, die ganz genau wusste, wie mit welchen Verwandten – Roma oder Nichtroma – umgegangen werden, was man wann zu wem sagen musste. Trotzdem wirkte es bei ihr immer etwas bemüht. Dass sie unter einer starken Identitätsstörung litt, hatte sie erst verstanden, als sie an der Uni darüber unterrichtet wurde. Sie wurde Psychologin. In ihrer Arbeit mit den Patienten kamen ihr ihre eigenen Erfahrungen zugute. Auch ihren Bruder analysierte sie regelmäßig. Meistens nur leise und für sich. Für sie stand immer schon fest, dass sie einen Rom heiraten würde. Ihr Bruder hingegen hatte stets Nichtromnja als Freundinnen gehabt. Damit hatte er sich die Gunst seiner Großmutter verdient.

Gesprochen hatte die alte Frau darüber allerdings nur ein einziges Mal. Jenci hatte Klara und seinen Großvater – den der Krebs damals schon mit dem Tode gezeichnet hatte – zur Hochzeit seiner Schwester gefahren. Du hast dich schon immer für die Richtige entscheiden können – sagte Klara im Auto, lächelte hämisch und richtete ihren Blick auf die aktuelle Freundin ihres Enkels.

Einige Monate später stellte Jenci Klara seine Verlobte vor. Er war früher konfliktscheu gewesen, doch diesmal wollte auch er sehen, wie seine Großmutter in Verlegenheit geriet. Er wollte es sich selbst nicht eingestehen, aber er verspürte eine gewisse Genugtuung, als er das fesche, dunkelhaarige, etwas mollige Mädchen mit dunklem Teint in die Wohnung seiner Großmutter führte, in der sie seit achtundvierzig Jahren wohnte.

Er hatte damit gerechnet, dass seine Großmutter nach der wunderschönen, himmelblauäugigen, blonden Frau fragen würde, die genauso aussah wie ihre selige Mutter. Um das Messer im Rücken der alten Frau noch einmal umzudrehen, hatte er diese Frage nicht abgewartet. Kaum hatte er sie begrüßt, sprudelten die Worte nur so aus ihm heraus: Eva hat mich betrogen. Kriszti würde so etwas niemals machen. Klara wollte danach eine Woche lang ihre Wohnung nicht verlassen.

An diesem frühen Herbsttag konnte sie aber nicht aussprechen, was sie sagen wollte. Als sie nämlich einen tiefen Atemzug der herben Luft nahm, die aus dem Garten hereinströmte und nach verregnetem Herbstlaub roch, klopfte Arankas Bruder an ihr Fenster und trat ein. Möge der Herrgott unseren Seligen ewige Ruhe schenken – sagte er und drehte den Stöpsel der Schnapsflasche heraus, die er in der Hand hielt. Noch in derselben Sekunde stellte Agi das Gefäß, in das man den Anteil für die Toten goss, vor ihn auf den Tisch.

Einige Tage später schaffte es Klara, die ganze Familie gründlich zu überraschen. Nach dem Begräbnis ihres Sohnes stellte sie eine Waschmuschel in den Garten und ohne eine Widerrede zuzulassen erklärte sie jedem, der eintrat, in ihrem gewohnt gleichmäßigen Ton, dass man sich in alter Zigeunertradition nach dem Begräbnis die Hände waschen müsse, bevor man ins Haus trat. Zum ersten Mal kam ihr das Wort Zigeuner so über die Lippen, als würde sie es nicht als Schimpfwort meinen.

Klara wurde zwei Monate nach dem Begräbnis ihres Sohnes ins Krankenhaus gebracht. Ihre Ärzte hatten Aranka gleich mitgeteilt, dass ihre Schwiegermutter höchstens noch zwei bis drei Tage zu leben hatte. Sie lebte noch fast zwei Wochen. In dieser Zeit besuchte sie fast ausschließlich Arankas Familie. Obwohl alle Frauen sie nicht besonders gut leiden konnten, verlangte das Patjiv – der traditionelle Respekt der Roma –, dass sie sich einteilten, wer an welchem Tag das Mittagessen ins Spital brachte. Aranka saß jede Nacht am Krankenbett ihrer Schwiegermutter. In den ersten Tagen, als sie noch bei Kräften war, den Löffel aber nicht mehr selbst heben konnte, hatte Aranka sie gefüttert. Um ihre Schmerzen zu lindern, steigerten die Ärzte jeden Tag die Dosis ihrer Medikamente und Beruhigungsmittel.

Eines Dienstagabends waren Jenci und Agi spät dran. Aranka wartete mit ihrer Schwiegermutter alleine im Einzelzimmer des teuren Privatkrankenhauses. Anders als in den Tagen davor war Klara nun wieder bei Bewusstsein. Sie blickte ihre Schwiegertochter voller Klarheit an und sagte nur – Aranka.

Ich weiß – sagte sie und hielt die einst so starke Hand ihrer Schwiegermutter fest. Ich weiß – wiederholte sie noch einige Male leise.

Klaras Begräbnis war ihren Wünschen entsprechend sehr spartanisch. Ihre Asche wurde auf dem Bezirksfriedhof verstreut. An der Zeremonie nahmen nur wenige ihrer Verwandten teil. Aus Arankas Familie waren alle gekommen.