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Von Schiffen, Kissen und Teppichen - über die deutsche und die arabische Sprache

von Tanja Dückers

Galal lernt seit einigen Monaten sehr intensiv und mit unglaublichen Fortschritten Deutsch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich in ähnlich kurzer Zeit in der Lage wäre, kohärente Sätze auf Arabisch zu sprechen und, so wie Galal es tut, Gesprächen zu folgen. Wir tauschen uns nun darüber aus, was dieses Eintauchen in eine andere Sprache für Galal bedeutet – und er hat hochinteressante Antworten für mich parat.

Zunächst erfahre ich von Galal, dass er die deutsche Sprache liebt – er spricht wirklich von Liebe –, gerade weil sie nicht einfach zugänglich ist. Er bedauert sehr, dass er in seiner unmittelbaren Umgebung, in Düren bei Köln, kaum Menschen trifft, die Hochdeutsch sprechen. Der Dialekt bereitet ihm Schwierigkeiten. Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Zwar lerne ich nicht Arabisch, muss aber daran denken, wie unser Sohn in Deutschland Englisch gelernt hat und dann auf einer Schule im Mittleren Westen der USA kein Wort mehr verstand und sich sehr ausgeschlossen fühlte. Natürlich ist meine Situation nicht mit Galals zu vergleichen. Er freut sich darauf, dass seine Frau, die Schriftstellerin Noor Kanj, demnächst auch anfangen wird, einen Sprachkurs zu beginnen – denn er möchte mit ihr im Alltag mehr Deutsch üben können.

Von seiner Sprachlehrerin, immerhin, ist Galal begeistert. Er meint, man merke, dass sie ihre Arbeit gern macht. Außerdem sei sie nicht nur eine gute Lehrerin, sondern auch ein Beispiel „für einen guten Menschen“. Das ist, wie Galal etwas bitter anmerkt, „nicht selbstverständlich. Ich habe viele Geschichten über Lehrer gehört, die eigentlich gar keine sind und der Grund dafür waren, dass einige Lerner die deutsche Sprache hassen.“ Das gibt einem in der Tat zu denken, was die Lehrkräfte, ihre oft viel zu kurze Ausbildung (Quereinsteiger), ihre Arbeitsmoral und ihren Umgang mit Neuankömmlingen angeht.

Galal hat auch schon ein Lieblingswort im Deutschen. Es ist das Wort „Volk“. Seine Erklärung dafür ist sehr berührend: „Im Arabischen gibt es ein Wort, das ähnlich klingt: Fulk. Es bezeichnet alles, was der Mensch herstellt, um das Meer zu überqueren, also zum Beispiel ein Schiff, eine Yacht, eine Fähre usw. In unserem arabischen Erbe wurde eine Nation (oder ein Volk) oft mit einem Schiff bzw. dem Fulk verglichen. Mit anderen Worten: ‚Volk’ bedeutet Menschen, Leute, und im Arabischen werden Menschen, Leute, Volk einem ‚Fulk’, einem Schiff gleichgesetzt. Deshalb war mir das Wort ‚Volk’ gleich sehr vertraut […]. Es ist ein Wort, das sich mit meiner eigenen Muttersprache überschneidet.“ Galal geht davon aus, dass er in Zukunft noch mehr Wörter kennenlernen wird, die solche Überschneidungen aufweisen.

Ich muss daran denken, wie ich mich freute, als ich während eines dreijährigen Aufenthalts in Spanien feststellte, wie viele Worte im Spanischen einen arabischen Ursprung haben. Denn die Mauren haben über siebenhundert Jahre im heutigen Spanien gelebt, haben Kunst, Architektur, Küche und eben auch die Sprache geprägt. Beispiele wären „Hamaca“ (Hängematte), „Almohada“ (Kissen) oder „alfombra“ (Teppich).

Galals großes Interesse, vielmehr seine Begeisterung für die deutsche Sprache ändert nichts daran, dass er immer das Gefühl vermissen wird, in seiner Muttersprache zu sprechen.

Er sagt über sich: „Seit ich Deutsch lerne, fühle ich mich etwas durcheinander. Ich rede mit mir selbst, denke dabei in meiner Sprache und übersetze meine Gedanken mit den wenigen Wörtern, die ich kenne, ins Deutsche. Deshalb freue ich mich immer sehr, wenn ich mit jemandem auf Deutsch reden kann. Ich lebe diese Sprache noch nicht in meinem Inneren.“ Er weiß aber, dass sich das mit der Zeit ändern wird.

Mich erinnert das daran, wie ich im Alter von fünfzehn Jahren in die USA zog – und wie ich mich freute, als ich das erste Mal dort nachts auf Englisch geträumt hatte. Es hatte ziemlich lange gedauert – und das bei zwei Sprachen, die sich viel ähnlicher sind als das Deutsche und das Arabische.

Was Galal und mich noch beschäftigt, ist die Frage danach, inwiefern sich die Mentalität der Deutschen in ihrer Sprache wiederfindet. Galal glaubt, dass „es eine große Ähnlichkeit zwischen den Deutschen und ihrer Sprache gibt“. Ihm ist aufgefallen, dass es sehr viele Höflichkeitsfloskeln im Deutschen gibt. Galal meint hierzu: „Ich denke, dass die Deutschen – nach meiner relativ kurzen Erfahrung mit ihnen – diese Wörter und die damit zusammenhängenden Verhaltensweisen lieben.“

Er hat sich auch über die eigentümliche Satzstellung des Deutschen und das Verhalten seiner Sprecher Gedanken gemacht: „Das Verb kommt im deutschen Satz sehr oft am Ende, also sehr spät, und dasselbe trifft auch auf die Reaktion der Deutschen zu. Manche bezeichnen das als ‚Kälte’, aber ich denke, dass dieses Wort nicht ganz treffend ist.“

Darüber muss ich sehr grinsen: Erst Deskription, Analyse, alles etwas umständlich – und irgendwann am Ende noch ein kleines Handlungsmoment. Sehr deutsch. Galal hat schon Recht.

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