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Vom Erlös aus Herzweichen und Waffen. Die Bauakte des Grundstückes Fasanenstr. 23

von Annett Gröschner

Ich kannte einmal einen Hüter der Bauakten, ein Urberliner mit traurigen Rabenaugen, der gerne einen über den Durst trank und die Geschichten beschützen zu müssen glaubte, die in den Bauakten versteckt waren, im schlecht entzifferbaren Sütterlin zwischen grüner oder roter Tinte und filigranen Zeichnungen. Er saß in einem Keller des Bezirksamtes, wo er die Entfeuchter am Laufen hielt und mit den Häusern sprach, die sich unter den Aktendeckeln verbargen, von manchen war nicht mehr als das Papier geblieben, die Objekte waren zerbombt, verbrannt, verfallen oder abgerissen. Als die Verwerter, Verkäufer, Spekulanten kamen, hat der Hüter noch eine Weile versucht, seine Häuser gegen sie zu schützen, bis man ihn genau deswegen entließ.

Er ging nach Hause und brachte sich um.

Seitdem geistert er durch jede Bauakte, die ich in die Hand bekomme, auch durch jene, die ich im Keller des Wilmersdorfer Rathauses las. Das dortige Bauaktenarchiv, versteckt im Dieselnebel der Tordurchfahrt, hat nur wenige Stunden in der Woche geöffnet und ist voller sogenannter Nutzer mit professionellem Tatendrang. Verwertung, Umbau, Neubau, vielleicht auch Spekulation. Die Akte der Fasanenstraße 23 hat fünf Bände und beginnt mit der Anzeige des Neubaus einer Villa des Herrn „Corvetten-Kapitain“ Hildebrandt. Feines Sütterlin mit Tusche auf gazeverstärktem Papier. Und nur der dafür Bestallte durfte mit grüner Tinte schreiben.

Die Bauakten erzählen die Häuser aus Sicht der Bauaufsicht, in Gestalt der Königlichen Polizei-Direktion zu Charlottenburg oder der Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen oder wie immer diese Ämter über die Zeit hießen. Über die Seelen in den Häusern sagen die Akten wenig, aber sie erklären mitunter, warum es uns Sensibleren wohl oder unwohl ist zwischen den Wänden oder warum der Wind nachts so gespenstisch um die Ecke pfeift. Die Bauakten sind die staatliche Ordnung und doch verbirgt sich soviel mehr zwischen ihren abgegriffenen Deckeln.

Im Falle der Bauakte des Grundstücks Fasanenstraße 23 beginnt es schriftlich am 4. März 1890 mit einem fast unterwürfigen „möchten wir ergebenst gebeten haben“ des Eigentümers an die Königliche Polizei-Direktion zu Charlottenburg, damals noch eine eigenständige Stadt.

Nicht ohne Ironie ist, dass starker Frost im März 1890 die Rohbauabnahme verhinderte. Da zwischen Rohbau- und Gebrauchsabnahme, aus welchen Gründen auch immer, ein halbes Jahr liegen musste, war „die Eröffnung des Hauses am 1. September, welcher seitens des Bauherrn besonderer Familienverhältnisse wegen gewünscht wird“, gefährdet. Berliner Frost konnte Richard Hildebrandt eigentlich nichts anhaben, er war tiefere Temperaturen gewohnt, hatte er doch zwei Nordpolexpeditionen als Seemann begleitet, 1868 und 1869/70. Bei der zweiten, er war Erster Offizier auf der Hansa, sank sein Schiff und Hildebrandt gehörte zu den 14 Mann Besatzung, die den Polarwinter auf einer Eisscholle verbringen mussten, die im Mai 1870 zerbrach. Im Juni erreichten sie mit den geretteten Booten eine Missionsstation auf Grönland und überlebten. Wieso hatte ein in Magdeburg aufgewachsener Seemann, der ein halbes Jahr auf einer Eisscholle überlebte, ein Faible für italienisch anmutende Bauwerke vom Typus der landhausähnlichen Vorortvilla in Charlottenburg, nahe dem Kurfürstendamm? Den Grund verrät die Bauakte nur zwischen den Zeilen, aber sie beschreibt bis ins kleinste Detail den Bau, der bis heute, dank der denkmalgerechten Rekonstruktion in den achtziger Jahren, kaum verändert ist.

Das leicht erhöhte Erdgeschoss hatte vier Wohnzimmer, Vestibül, Vorzimmer, ein 40 Quadratmeter großes Esszimmer, einen Anrichteraum mit Aufzug von der Küche im Souterrain, wo auch das Personal lebte, dazu kam noch ein Obergeschoss, das mehr dem Rückzug als der Repräsentation diente – viel Platz für zwei Personen. In diesem Raum, in dem heute der große Saal des Literaturhauses ist, befanden sich Schlaf- und Toilettenzimmer. Die Hildebrandts, offenbar kinderlos, pflegten ein offenes Haus, in dem Künstler und andere Prominente ein- und ausgingen und regelmäßig Konzerte stattfanden. Charlottenburg war inzwischen eine Großstadt, schöner und reicher als Berlin und mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen in Preußen.

Manchmal macht es mich verrückt, dass Dinge und Themen mein Leben kreuzen, die eigentlich nicht zusammenpassen. Mit den Zufällen ist es wie mit den Seelen von Häusern. Ich glaube nicht an sie, aber sie können mich trotzdem überwältigen. Denn plötzlich stand da in der Akte auf einem Grundbuchauszug der Name Louise Hildebrandt, geborene Gruson – die Witwe und Erbin des Korvettenkapitäns, der 1911 mit 68 Jahren starb. Der Geburtsname ließ mich aufhorchen. Den Namen Gruson gibt es nicht allzu häufig. Ich habe für diesen Text kurz die Arbeit an einem Roman unterbrochen, der in weiten Teilen in dem Werk spielt, das der Großindustrielle und Erfinder Hermann Gruson, ein Nachkomme hugenottischer Einwanderer, in Magdeburg gegründet hatte. Er war der Erfinder der Herzweiche, die überall dort ist, wo Gleise auseinanderdriften, egal, ob bei Straßen- oder Eisenbahn. Bis heute steht Grusons Name auch für den Hartguss, der Deutschland zu einem bedeutenden Importeur von Kriegswaffen machte, sein Werk übernahm später Krupp. Gruson pflegte das Hobby der Botanik, vor allem Kakteen und Sukkulenten hatten es ihm angetan. Später stiftete der Großindustrielle die noch heute existierenden Grusonschen Gewächshäuser. Seine Villa im Stil der Neorenaissance in Magdeburg ist heute eine Ruine neben einer Brache, die einmal seine Schwermaschinenbauanstalt und später das Thälmannwerk war, in dem meine Hauptfigur des in Entstehung befindlichen Romans, Hanna Krause, auf dem Kran sitzt und Geschichten erzählt.

Gruson nahm einen Teil seines Erlöses aus Herzweichen und Waffen und ließ seiner Tochter und ihrem Nordpolreisenden eine standesgemäße Villa in der noch unbebauten Gegend am Kurfürstendamm errichten. Berlin endete am Nollendorfplatz, auf dem Weg nach Charlottenburg waren noch Felder. In Erinnerung an das Gewächshaus neben der väterlichen Villa ließ er seiner Tochter einen Wintergarten ans Haus bauen. Der Bauakte nach muss das Glas des heutigen Wintergartens nach wie vor von einem Gerüst aus Hartguss getragen sein, das eine Grusonsche Legierung war. Auch der Garten sollte nicht unbeachtet bleiben, haben doch die drei Bäume, die zu Gartendenkmalen erklärt wurden, darunter eine ausladende Rotbuche, dazu geführt, dass nach dem verhinderten Abriss in den 1980er Jahren vor die Villa geplante Wohnhäuser direkt an der Baufluchtlinie der Fasanenstraße nicht errichtet werden durften.

Louise Hildebrandt soll im Ersten Weltkrieg ein Reservelazarett im Haus eingerichtet haben. Es hinterließ keine Spuren in der Bauakte.

Am 29. September 1916 wurde das Grundstück der nun verwitweten und inzwischen verstorbenen Kapitänsgattin Louise Hildebrandt, geb. Gruson, von Kaufmann Richard Fürstenheim, Fasanenstr. 6, käuflich erworben, der es 1918 an die Wertheim Grundstücksgesellschaft GmbH, Voßstr. 31, Teil des Kaufhauskonzerns Wertheim, verkaufte. Mieter wurde das Rote Kreuz, u.a. war der Hauptvorstand Abteilung XI für Flüchtlingsfürsorge in der Villa untergebracht. Am 12. Dezember 1923 wurde das Rote Kreuz bauaktenkundig. Luise Krause schwärzte als Angestellte ihren Arbeitgeber bei der Bauaufsicht an, weil sie unterm Dach in 1,80 m niedrigen Zimmern sehr beengt mit drei Stenotypistinnen arbeiten musste und ihre Gesundheit angeblich täglich mehr darunter litt. Sie wurde wegen Denunziation entlassen. Das Dach aber blieb noch Stein des Anstoßes, als das Rote Kreuz längst woanders residierte.

In den zwanziger Jahren wurde der Westflügel aufgestockt, dort wo heute die Verwaltung sitzt. Von der Alexander-von-Humboldt-Gesellschaft für ausländische Studierende ist in der Bauakte keine Spur. Nur der Flottenbund Deutscher Frauen e.V. Ortsgruppe Berlin bat Anfang September 1930 um Genehmigung eines Nachmittagstees mit musikalischen Vorträgen in den Räumen des Roten Kreuzes Humboldthaus, das einzige Mal, dass der damals bekannte Name in der Bauakte fiel.

Weil das Rote Kreuz am 19. August 1933 die Aufstellung eines Schildes Rotes Kreuz Haus Mittagstisch der Mittelstandsküche beantragte, wissen wir, dass täglich 250 Portionen Armenspeisung im Haus zur Verfügung gestellt wurden. Es muss ein großer Betrieb gewesen sein. Sehr arme Leute am inzwischen sehr reichen Ku’damm.

1934 hatten drei studentische Verbindungen ihre Geschäftszimmer im Haus. Räume im Dachgeschoss wurden zu Schlafzwecken an Studenten vermietet. Ein Aufenthalt von Menschen war, siehe Luise Krause, im Dachgeschoss wegen der lichten Höhe von nur 1,80 m verboten, den Studenten wurde der dortige Aufenthalt untersagt.

Über die Jahre zwischen 1934 und 1961 herrscht in der Bauakte Schweigen.

Erst 1961 gab es wieder ein Lebenszeichen. „Die Villa ist ungenutzt und steht leer. Bis auf die Dacheindeckung des angebauten Wintergartens ist das Haus in gutem Zustand.“ Als erste stellten der Kalifornier LeRoy Earl Wight-Holiday und Eckart Meyer am 6. Juli 1961 einen Antrag auf bauliche Veränderungen des Hauses. „Die Räumlichkeiten sollen zur gewerbemäßigen Nutzung eines gastronomischen Betriebes mit Club- und Barräumen instand gesetzt werden.“ Nicht der Nordpol hatte es ihnen angetan, sondern die Tropen. Villa Tropicana sollte das Haus nun heißen. Genehmigt wurde der Barbetrieb in fünf Räumen im Erdgeschoss unter dem Namen Dolce Vita am 25. September 1961, längstens bis 31.12.69. Jederzeitiger Widerruf.

In der Fasanenstraße 23 gaben sich die Pächter der Bar die Klinke in die Hand und hinterließen ihre Spuren in der Bauakte, denn sie brauchten eine „polizeiliche Erlaubnis zum Ausschank von Getränken jeglicher Art“ oder für die „Veranstaltung von Singspielen, Gesangs- und deklamatorischen Vorträgen, sowie Schaustellungen von Personen in Form von Tanzvorführungen und dem Abspielen von Musik“. Auch wurden „Geräuschbelästigungsvorgänge“, das heißt, Beschwerden von Nachbarn über Lärm aus der Bar, aktenkundig.

Am 27. Juli 1962 bekam Hans-Peter Becker die Genehmigung, ein Spielcasino in der Fasanenstr. 23 eröffnen zu dürfen. „Der Antragsteller besaß die Erlaubnis für Veranstaltung von nicht mechanisch betriebenen Geschicklichkeitsspielen in Berlin- Charlottenburg, seit 1. Oktober 1960 auch die „des Ramso-Kartenspiels, das bis zur Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts eigentlich ohne Erlaubnis war“, heißt es in der Akte. Im Internet fand ich, dass es sich bei Ramso um ein französisches Kartenspiel handelt, ein sogenanntes Stichspiel, Nachfolger des in den Spielsalons des 19. Jahrhunderts verbreiteten und seit 1933 verbotenen Glücksspiels Écarté. Ramso, das man zu Zweit spielte, wurde auch Spiel der Kavaliere genannt. Kavaliere muss es zeitweise reichlich gegeben haben in der Fasanenstr. 23.

Der Pächter, der am häufigsten in der Bauakte vorkommt, ist Max Bender, der seine Briefwechsel auf Briefpapier seiner Firma Exquisit abwickelte, einer Hähnchenbraterei mit Hauptsitz in Charlottenburg und sechs Filialen in ganz Westberlin, später sattelte er unter demselben Namen zum Möbelhändler mit eigenem Geschäft in der Motzstraße um.

Im August 1964 wollte Max Bender im Obergeschoss und im hinteren Zwischengeschoss einen großen Raum in zwölf Einzelzimmer für Hotel-Pensionsnutzung ausbauen, 10 Hotel, 2 privat. Es ist die erste Baugenehmigung für eine Beherbergungsstätte im Haus. Die Baugenehmigung beschreibt die Aufteilung: Im Erdgeschoss ein Restaurant mit 100 Plätzen, darüber eine Hotel-Pension mit 15 (sic!) Betten, insgesamt 16 Parkplätze im Garten, davon 10 für die Pension. Auch in der Pension wechselten die Pächter in der Folge häufig.

Dazwischen hat Manja Chmièl eine Spur in der Bauakte hinterlassen. Am 1. September 1962 wurde ihr Studio Neuer Tanz im Obergeschoss über dem Restaurant eröffnet. Ein Arbeitsraum plus Garderobe, Bad und zwei weitere große Räume. Für die Bauaufsichtsgenehmigung war nicht viel Aufwand nötig: „Der Art des Spezial-Faches ‚Neuer Tanz’ oder ‚new modern dance’ entsprechend, können in diesen Kursen nicht mehr als 5-7 Schülerinnen gleichzeitig unterrichtet werden“, schrieb Chmièl an die Baubehörde.

Anfang 1973 ging die Genehmigung für den Barbetrieb mit „Schallplatten- und Tonbandübertragung, auch Instrumentalmusik mit Gesangsdarbietungen“ auf die BLEIB-TREU GmbH über, die das Untergeschoss teilausbauen ließ. Die Außenanlagen wurden für den Gartenbetrieb neugestaltet. Bleib Treu mit Bindestrich, das klingt schwer nach Bordell. Es soll eines gegeben haben im Haus, bevor es Literaturhaus wurde. In der Bauakte aber fällt nie das Wort Bordell und auch kein anderes bauaktentypischeres Synonym. Nur in den in der Akte abgehefteten Zeitungsartikeln ist von einem „Lusthaus der besonderen Art“ als Vorgänger des Literaturhauses die Rede.

Ab April 1975 betrieb die Jupiter Einrichtungs- und Gestaltungs-GmbH die nun Café Wintergarten genannte Schank- und Speisewirtschaft. Drei Jahre später war Schluss. Laut Landesamt für Wohnungswesen „haben die Konzessionsträger für die Gaststätte und den Beherbergungsbetrieb ihre Betriebe zum 30.9.78 aufgegeben“.

Am 21. Februar 1979 beantragte die Warenhaus Wertheim GmbH als Eigentümerin beim Landesamt für Wohnungswesen den Abriss des Gebäudes auf dem Grundstück Fasanenstr. 23. „Wie Ihnen bereits bekannt ist, sollen unsere im geschützten Baubereich Kurfürstendamm gelegenen Grundstücke Fasanenstr. 23, 24 und 25 einer einheitlichen Neubebauung zugeführt werden.“ Die Abrisskosten für die 23 betrugen 50 000 DM. 1980 besaß die Warenhaus Wertheim GmbH noch 17 zusammenhängende Grundstücke zwischen Uhlandstraße, Kurfürstendamm und Fasanenstraße. Das hätte als Grundfläche ein größeres Kaufhaus ergeben als das KaDeWe, aber es kam nie zum Bau, stattdessen sollte das Grundstück mit Wohnungen und Gewerbe verdichtet werden. Die Westberliner Bürgergesellschaft war nicht gerade glücklich über die Abrisspläne und machte die Denkmalschützer auf den drohenden Skandal aufmerksam, wie Zeitungsartikel in der Bauakte belegen.

Am 9. Mai 1980 wurde die Fasanenstr. 23 vorläufig wegen seiner künstlerischen Bedeutung für das Stadtbild in das Baudenkmalbuch eingetragen und den Schutzvorschriften des Denkmalschutzgesetzes unterworfen. Der Abrissantrag wurde für ein Jahr ausgesetzt und schließlich versagt. Ein halbes Jahr später wurde die Nr. 23 dauerhaft ins Baudenkmalbuch aufgenommen. 1984 gab die Warenhaus Wertheim GmbH auf und verkaufte das Grundstück an das Land Berlin.

Der Rest ist bekannt. Im Frühjahr 1986 wurde das Literaturhaus nach 7,5 Millionen Mark teurem Komplettumbau eröffnet.

Die Bauakte harrt der Dinge.

Annett Gröschner schrieb diesen Text zum Anlass des Frühlingsfests im Literaturhaus Berlin am 21. März 2018.

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