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Unter Hunderten

von Annett Gröschner

Als ich Der Ort von Erinnerung beleuchtet las, kannte ich Widad Nabi noch nicht. Aber hätte mir jemand einen Packen Gedichte gegeben mit der Bitte, mir eins auszusuchen und Der Ort von Erinnerung beleuchtet wäre dabei gewesen, ich hätte dieses unter Hunderten ausgewählt. Es korrespondiert über Zeit und Geografie hinaus mit einem Gedicht, das ich vor 25 Jahren geschrieben habe:

das verschwundene haus

ich habe die uhren zurückgedreht
kalender jahr um jahr zerrissen –
das grundstück suchte steine zusammen
sammelte balken aus asche und rauch
& baute das haus vor mir auf
ich trug die möbel die treppe hinauf
ich fing die gläsernen spatzen und tauben
aus dem keller trug ich die toten
in ihre wohnung zurück frau loeffler
zog ein kleid an aus luft
in der mode der dreißiger
frau debes kochte kaffee aus goldenen bohnen
sorgsam gehütet unter den kohlen
den trümmern dem schutt
herr behrensdorf schmiedete gitter
daß wir nicht abstürzen
ich brannte den schnaps
ich deckte den tisch das bett auf
schüttelte ich
rief deine schutzengel an
dir die treppe zu weisen
ich baute ein knarren ein in die tür
falls du blind seist solltest du hören
daß hier ein haus ist
alle vögel wies ich an
dich mit gesang zu betören
wen noch?

...
wir alle haben gewartet
der kaffee wurde kalt und zu staub
die vögel zersprangen
frau debes zerstob wie herr behrensdorf wie frau loeffler
das haus fiel lautlos zusammen die liebe
was soll sie noch sagen?
du trottest den weg entlang her & hin
deine füße streifen mich
das mosaik der toreinfahrt
hebt einen stein hoch
jetzt stolperst du fällst fluchst

aus: Herzdame Knochensammler, KONTEXTverlag, Berlin 1993

Das Haus meines Gedichts gab es wirklich, auch die Namen der Leute darin habe ich mir nicht ausgedacht, sie standen 1943 im Berliner Adressbuch unter der Adresse Prenzlauer Berg, Rykestraße 27. 1992, als ich das Gedicht schrieb, gab es nur noch das Hinterhaus, zu dem man über die Mosaiken der alten Toreinfahrt des Vorderhauses lief, rechts und links gesäumt von den Kriegsgewinnlern unter den Pflanzen – Essigbäumen und Holunderbüschen, die wuchsen, wo einst die Ladengeschäfte waren. Darunter lagen die Keller, verfüllt mit Trümmerschutt, zwischen den hindurch sich die Wurzeln ihren Weg suchten. Essigbaumwurzeln können Betonplatten anheben. Es gab Hunderte dieser Grundstücke in Ostberlin, jahrzehntelang. Über zehn Jahre habe ich mich mit umzäunten Brachen, verlorenen Ecken und Leerstellen beschäftigt, weil ich besessen war von dieser gründlichen Zerstörung. Ich habe lange nicht gewusst, warum. Erst spät erfuhr ich, dass die Traumata der Eltern sich übertragen in die Psyche der Nachgeborenen. Seit frühester Kindheit hab ich nachts die Verschüttung meiner Mutter in einem Keller als meine eigene nachgeträumt.

Ich teile mit Widad das Wissen, dass Häuser ein Gedächtnis haben und ich weiß, dass Krieg mit einem Waffenstillstand nicht vorbei ist. (In der Hoffnung, dass es in Syrien wenigstens den gäbe.) Inzwischen sind fast alle Brachen bebaut, die Einschüsse in den Fassaden überschminkt, die alten Bewohnerinnen, die noch erzählen konnten über die Zeit der Bombardierungen, vertrieben oder gestorben. Und auch ich musste diesen Ort meines Wissens verlassen, unfreiwillig.

Das Leben wird nicht so schlimm, / es schenkt dir ein neues Haus. / Aber deine Seele bleibt ein Wolf, / der jede Nacht heult / auf der Stufe deines alten Hauses, sagt Widad.

Das einzige, was an dem Ort meines Gedichtes unverändert blieb, sind die Steine, mit denen die Gehwege gepflastert sind. Ich ging mit Widad diese Wege meiner Recherchen und plötzlich blieb sie stehen, zeigte auf die Pflastersteine und sagte: „Sie erinnern mich an Aleppo. Dort gibt es auch diese gepflasterten Wege.“

Der Krieg, er ist nicht tot, der Krieg, er schläft nur, singt Rio Reiser.

In Berlin laufen wir alle über die schlafenden Zünder von Bomben, über die auch Widad jetzt geht, wenn sie durch die neue Stadt streift, aus einem anderen, näheren Krieg gekommen.

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