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Michael Krüger über Ahmad Katlesh

Also baut er einen Kanal

Wer die Kurzbiografien deutscher Autoren der Gegenwart liest, bekommt Lust, ein deutscher Schriftsteller zu werden: Preise, Stipendien, Stadtschreiberämter, Auslandsaufenthalte in Kulturinstituten in Rom, am Bosporus oder in Los Angeles. Studium der Germanistik, Kommunikationswissenschaft und Psychologie. Regelmäßige Mitarbeit bei Funk, Fernsehen und Zeitungen - usw. Wie anders lesen sich die Biografien in diesem Projekt! Man kriegt eine Gänsehaut, wenn man liest, dass einer, der Gedichte schreibt, in Damaskus geboren wurde, weil einer, der Gedichte schreibt, in Damaskus keinen Fuß auf die Erde kriegt. Man muss andere Berufe haben in Damaskus. Er kann hinter vorgehaltener Hand schreiben, für die Schublade, mit Geheimtinte. Und da alle Zeitschriften und Verlage unter der Kontrolle der Zensur stehen, kann er sich  ausrechnen, dass der Zensor wahrscheinlich sein einziger Leser bleiben wird. Also versucht er (oder sie), das Land zu verlassen. Mein Kollege Ahmad ist in Düren gelandet, so ungefähr das Gegenteil von Damaskus, mit einem Stipendium der Heinrich Böll Stiftung. Anders als ich – alt und technisch unbegabt – beherrscht er die elektronischen Medien, die einzigen Medien, die nicht dem Zensor unterstehen. Also baut er einen Kanal oder Blog oder wie das heißt in arabischer Sprache auf, über den er seine Gedichte in die Welt schickt – auch nach Hause. Ein Syrer in Düren, begabt, offen, lernbegierig, politisch denkend und mit dem Herz dabei. Überdies lacht er gerne. Wenn er in Syrien zurzeit nicht gebraucht wird, soll man ihn hier wie einen deutschen Schriftsteller behandeln, also Preise, Stipendien, Stadtschreiberämter, vor allem aber gute Übersetzungen! Denn anders, als sich unsere Politiker das vorstellen, ist es nicht so leicht, die deutsche Sprache zu erlernen, wenn man gleichzeitig weiterhin in der Muttersprache schreiben will und muss.
Wenn Ahmad eines Tages wieder nach Damaskus zurückkehrt, nach dem Sturz des Assad-Regimes, wird er als ein syrischer Dichter aus Deutschland zurückkehren. Darauf sollten wir stolz sein. (Endlich dürfen wir mal wieder stolz sein!)

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