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Landkarte der Gefühle

von Lena Gorelik

Als Yamen von München nach Leipzig zieht, hinterlässt er mir diesen Gedanken, dieses andere München. Das andere München geht so: Es ist eine Landkarte der Gefühle. Eine Stadt, die nicht aus Stadtteilen besteht, nicht aus Flüssen und Brücken, die diese kreuzen, großen Straßen, Autobahnzubringern und Gassen, Fahrradwegen und Parks. Sondern diese eigene Landkarte im Kopf: Dort bin ich viel spazieren gegangen, als ich den schlimmen Liebeskummer hatte; auf diesem Platz habe ich mal ganz plötzlich geweint, einer jener Momente, in denen man nicht weiß, warum, aber auch keine Antwort auf diese Frage braucht.

In dieser Straße ist der Hauseingang, in dem meine Freundin und ich eines Abends mit Wein von der Tankstelle saßen, ewig, wir wickelten uns in eine Decke aus ihrem Kofferraum ein, dieser Abend, an dem so vieles begann; und das ist der kleine Grünstreifen, auf dem ich mich im Studium so oft unter einen Baum zum Lesen legte und über den Texten dann einschlief. Ich verlasse das Café, in dem Yamen und ich uns das letzte Mal treffen, bevor er diese Stadt, die er liebt und in der ich lebe, ohne große Gefühle zu hegen, verlässt, beinahe verwundert: Als wäre die Stadt plötzlich eine andere, eine mit mehr Sinn.
Als Yamen von München nach Leipzig zieht, tut er das, so erzählt er mir, unsicheren Schrittes: Er weiß nicht so genau, was da ist, in Leipzig, wo er kaum Leute kennt; und dass er München lieben gelernt hat, obwohl er das nicht unbedingt wollte; die erste Stadt ohne Angst nach seiner Flucht. Er packt Koffer, und er stellt fest: dass sich mehr angesammelt hat an Besitztümern, als er geahnt hatte. Das erzählt er mir in dieser ruhigen Art, in der er auch die anderen Dinge erzählt, die man unter Traurigkeit einordnen würde, Sehnsucht, Verlust, aber die Wörter sind groß und passen deshalb nicht zu den mit dieser Ruhe erzählten Geschichten. Als Yamen nach München kam – nach dieser langen Reise, die in Syrien begann und vorerst in Leipzig endet, die nur in Yamens eigene Worte, diese vorsichtig gewählten, zu fassen ist, nicht in meine –, war er zu müde oder zu weit gereist, um München lieben lernen zu wollen. Aber die Sache mit der Liebe ist die: Man entscheidet sich nicht dafür.
Als Yamen Syrien verließ, weil er verfolgt wurde als jemand, der politisch und ehrlich und angstfrei schrieb, als er die Tür seines Elternhauses schloss, war sein Vater nicht da. Das war kein Zufall, dass sein Vater nicht da war, an jenem Tag, von dem ich zu fragen vergesse, ob es ein Dienstag war, ob die Sonne schien, ob er sich an die Uhrzeit erinnert. Es war seinem Vater zu viel, dieser große Abschied, das Auf Wiedersehen, in dem vielleicht kein Wiedersehen steckt. Seine Mutter ließ die Tür offen stehen, als er ging, für die Hoffnung ließ sie die Tür offen stehen, die, ihren Sohn in ein paar Wochen, Monaten wiedersehen zu können, vielleicht. Das lässt sich nicht gut vorstellen, in einem Café in München, alles zu schön wie immer, wie das wäre, wenn zum Beispiel mein Sohn eines Tages so geht. Yamen erzählt und ich weiß, es macht keinen Sinn, sich das vorzustellen, ein Gefühl, das nicht zu fassen ist und nicht zu denken.
Yamen erzählt und ich sage nichts, vielleicht werfe ich manchmal Worte ein, die ihm nicht einfallen wollen, weil die deutsche Sprache manchmal so ist, launisch, zurückhaltend und störrisch, bis mir fast so ist, als würde ich sie kennen, seine Mutter und seinen Vater, aber ich kenne sie natürlich nicht. So schreibt Yamen auch, es geht einem beim Lesen so, als würde man seine Gefühle kennen, aber man kennt sie natürlich nicht. Also schreibe ich aus den Gedichten ein paar Zeilen in mein Notizbuch ab, ich nehme sie mit, seine Gedanken. Es ist schwierig, über Lyrik zu sprechen, für jemanden, der nur Prosa schreibt wie ich, für jemanden, der sich an Lyrik nie herantrauen würde, für den Lyrik wie der Horizont ist: Man darf ihn ansehen, aber man erreicht ihn nie. Es ist vielleicht auch schwierig für Yamen, über Lyrik zu sprechen, ich weiß es nicht, weil es immer nicht einfach ist, über eigene Texte – und damit Gedanken, Gefühle, sich selbst – zu sprechen, und weil die Sprache, in der er seine Gedichte schreibt, nicht dieselbe ist, in der er mit mir über sie spricht.
„Wie geht es dir?“, will Yamen von mir wissen, wenn wir uns treffen, er stellt die deutscheste aller deutschen Fragen, die, auf die es nur eine Antwort gibt, gut, aber Yamen meint es nicht so. Yamen will wissen, wie es mir geht, also erzähle ich ihm, von meinem Vater, weil er mir von seinem erzählt hat, und vom Schreiben, und wie es manchmal kein Schreiben gibt. „Ah“, sagt Yamen dann, und er gibt der Denkpause Zeit, bevor er eine Antwort gibt; so ist es mehr als eine Antwort. Die Denkpause finde ich beim Lesen in seinen Gedichten wieder, und wenn ich sie nicht wiederfinde, dann frage ich, ob es an der Übersetzung liegt.
Als Yamen von München nach Leipzig zieht, er fährt mit dem Zug, erzählt er mir, er wird sich mit Freunden eine kleine Wohnung teilen und sonst weiß er nicht viel, erzählt er mir von seiner Liebe zu München, dieser besonderen, ungeplanten Liebe. Er will sich von München verabschieden, solange es sein München ist, erzählt er mir am Tag, an dem es noch zwei weitere Tage bis zu seiner Abreise sind. Er wird bald wiederkommen, aber er ist sich jetzt schon seines Selbst beim Wiederkommen bewusst: Er wird dann ein Besucher sein, ein Gast. Er will sich von seinem München verabschieden, sagt er und dann erzählt er vom Stadtplan seiner Gefühle: wo er traurig war und wo glücklich. Die Straßenzüge, die für ihn eine Bedeutung haben und vielleicht sonst für niemanden in der Stadt. Ecken mit besonderen Momenten, an denen die Erinnerung festgewachsen ist. Wir sitzen in einem Café, das in den Englischen Garten hinausgeht, als er mir das erzählt, und als ich hinaustrete, da muss ich an diesen einen Sommertag denken, an dem ich mit jemandem unter einem Baum saß, einem Baum, den ich von hier aus sehen kann. Wir waren dabei, die Bedeutung füreinander zu verlieren in jenem Sommer, und der Nachmittag, an dem wir unter diesem Baum saßen, war ein bisschen ein Zeichen dafür, ich maß dem Nachmittag keine Bedeutung bei. Das ist der erste Punkt, den ich in meine Landkarte der Gefühle einzeichne, dieses neue München in meinem Kopf, und ich drehe mich um, um mich bei Yamen für diesen Gedanken, für diesen berührenden neuen Blick zu bedanken, aber ich sehe ihn nicht, er ist bereits um die Ecke gebogen.

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