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Görli Park (mir fehlt Galal)

von Tanja Dückers

An einem sonnigen Septembertag sitze ich im Görlitzer Park auf einer Bank. Links neben mir hat jemand eine Zeitung liegen lassen, „Jungle World“. Zerlesen und mit Ketchup beschmiert. Zu meiner Rechten picknickt eine offenbar ganzkörpertätowierte Frau mit weißblonden kurzen Haaren. Ihr Picknick besteht aus einer Packung Zwieback und einem Kaffee, aber sie hat alles schön auf einer karierten Decke drapiert. Eine Gruppe Musiker mit Gitarrenkoffern zuckelt an mir vorbei. Ein paar Meter weiter werden was weiß ich für Geschäfte abgewickelt, vielleicht sind es auch nur Taschentücher, die hier von einer Hand in die andere gereicht werden, who knows. Neben einigen bleichgesichtigen Männern mit Zehntagebart probieren niedliche Zwillingskleinkinder ihre Bobbycars aus. Ihre Mutter ermuntert sie fröhlich mit gurrenden türkischen Worten. Evet, evet verstehe ich nur. Ich schließe die Augen, höre nur dem Sound des Görlitzer Parks zu.

„Haste Kohle?“

Eine Frau in einem stark verschmutzen sackartigen Kleid steht plötzlich vor mir und wiederholt langsam, mit schief gelegtem Kopf „Has-te Kooo-hle?“ Ihre Hände sind ebenfalls verschmutzt, ihre Haare verfilzt.

Mist, nur ein Zwanzigeuroschein im Portemonnaie. Aber in der Hosentasche finde ich ein paar Erdbeerbonbons. Die rissige zerkratzte Hand der Frau umschließt sie wie einen Schatz. Zufrieden schlurft sie davon. Ich schaue ihr und ihrem kleinen verwuschelten Hund eine Weile nach. Die Sonne blendet mich.

Jetzt erkenne ich in dem Umriss, der von weitem auf mich zugejoggt kommt, den Nachbarn aus meinen Jahren am Görlitzer Park. Er kommt näher in seinem grell-orange-schwarzen Outfit. Früher war er jede Nacht in Clubs unterwegs; tagsüber hat man nur zugezogene Vorhänge bei ihm gesehen. Heute geht er, wie er mir mal erzählte, sehr früh ins Bett und macht morgens Yoga bevor er joggen geht. Das Wellness-Virus hat auch vor Kreuzberg nicht Halt gemacht. Schwitzend bleibt Olli vor mir stehen. „Hi Tanja“, er ist außer Atem. „Ick hab von Euam Projekt gehört – ihr unnerstützt Schreibende aus aller Welt, Jeflüchtete und so. Find’ ick supa!“ Er trabt weiter.

Genau, Galal. Es wäre schön, wenn er jetzt neben mir auf der Bank sitzen könnte. Er lebt in Düren. Muss er, weil er nach seiner Ankunft in Deutschland dort zuerst gelandet ist. Wohl fühlen seine Familie und er sich dort überhaupt nicht. Sie haben keine Freunde in dem rheinischen Städtchen, es gibt keine nennenswerte arabischsprachige Community, sie fallen auf. Als Galal an einer Ampel stand, wurde er rassistisch beleidigt. Natürlich, es gebe auch freundliche Dürener, aber die blieben auf Abstand. Nur den Deutsch-Sprachkurs, den findet Galal toll. In der ortsunabhängigen Welt der Sprachen und der Bücher fühlt er sich zu Hause.

Als Galal an einem heißen Sommerabend in der Tucholsky-Buchhandlung in Berlin-Mitte eine Lesung hatte, verriet er dem begeisterten und trotz der Hitze erstaunlich zahlreich erschienenen Publikum seinen Lieblingsort in Berlin: „Görli-Park.“ Galal, der sich im Deutschen stets um große Korrektheit bemüht, sprach nicht vom Görlitzer Park, sondern ganz leger vom Görli. Er hatte mit einem Stipendium der Stiftung Brandenburger Tor zwei Monate Monate im Literarischen Colloquium am Wannsee verbracht und ein paar Ausflüge nach Kreuzberg unternommen.

Dort habe er einfach auf einer Bank gesessen und sich dem Treiben hingegeben, zugeschaut und es wunderbar gefunden, auf diese stille Weise auch „Teil vom Görli-Park“ sein zu können, erzählte er in der Buchhandlung. Sein Wunsch sei es, einfach nur öfter im Görli-Park auf einer Bank zu sitzen, nachzudenken, zu beobachten, Ideen zu entwickeln. Und: „Als ich im Görli-Park saß und die vielen jungen Leute beobachtete, war mir klar, dass ich die ersten zwanzig Jahre meines Lebens verschwendet habe.“ Galal musste in Saudi-Arabien eine streng religiöse Schule besuchen und durfte zum Beispiel keine Musik hören.

Jetzt wehen mich von hinten ein paar Reggaeklänge an. Anderswo hackt jemand auf einem undefinierbaren Kasten, vielleicht einem ramponierten Akkordeon herum, dunkle, samtige Klänge … Und jetzt singt die türkische Mutter ein Mittagsschlummerlied.

Vielleicht habe ich den Görli-Park, der so selbstverständlich zu meinem Leben als gebürtige West-Berlinerin dazugehört, bisher gar nicht genug zu schätzen gewusst.

Vielleicht werden Galal und ich im neuen Jahr noch die Gelegenheit für gemeinsame Görli-Park-Besuche haben. Ich hoffe es.

 

Berlin, im September 2019

 

 

 

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