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Das Haus und sein Geist

von Widad Nabi

Verlässt man einen Ort zügigen Schrittes, deutet das oft auf eine Abreise hin, manchmal beginnt so aber auch ein neues Leben, dachte ich, als ich mit Annett zusammen wieder aus dem Berliner Literaturhaus trat. 1890, als das Haus gebaut wurde, hatte niemand ahnen können, welche Schicksale es ereilen würden. Dieses Haus, das dreimal so alt ist wie ich.
An dem Ort, der einst wie ein verlassener Friedhof aussah, blühen heute nicht nur Rosen, sondern auch Poesie und das Leben. Doch seine Lebendigkeit ist mit seinem Gedächtnis verknüpft. Das Gedächtnis eines alten Gebäudes, das den Schrecken zweier Weltkriege in sich trägt.

Mit diesem Wissen wanderten Annett und ich durch das Haus und begaben uns auf die Suche nach den Spuren der Seelen, die hier zu anderen Zeiten ein Leben voller Getöse, Liebe, Trauer und Schmerz geführt hatten. Wir standen auf dem Balkon, der auf den Garten hinausblickt, und untersuchten den Ort mit dem Blick von Archäologinnen, die noch nach dem kleinsten Detail Ausschau hielten, das sie zu einem großen Abenteuer führen könnte. Ich konnte nur ahnen, was Annett fühlte. Ich selbst folgte dem Echo der alten Seelen, von denen ich gelesen hatte.
Seelen verlassen ihre Ursprungsorte nicht. In meinem weit entfernten Land erzählen die Großmütter, wenn jemand stirbt, bleibt seine Seele im Haus. Sie kreist so lange um das Haus herum, bis sie all ihren Lieben begegnet ist.
Wenn die Weisheit der Großmütter im Orient Recht hat, müssten die Seelen, die einst in diesem Gebäude lebten, jetzt um mich herumkreisen, um mich zu dem Raum zu führen, in dem die Betten von Dutzenden von Soldaten standen, die im Ersten Weltkrieg verwundet wurden. Damals diente das Haus als Lazarett. Ich konnte sie dort im unteren Geschoss noch stöhnen hören. Der Raum, in dem heute Lesungen und Diskussionen stattfinden, war früher erfüllt von ihren Stimmen. Sie weinten über den Krieg, in dem sie alles verloren hatten, die Liebe, das Leben und die Hoffnung. Sie hatten für eine Idee gekämpft, die eine große Lüge war.
Nicht nur ihr Leben wurde ihnen geraubt, auch das Beste, was sie kannten, der Glaube an das Leben. Ich konnte ihr schmerzerfülltes Stöhnen von jedem Zweig des großen Baumes ablauschen und war mir sicher: Sie hatten diesen Ort noch nicht verlassen.
Die Seelen dieser Menschen, die Krieg erlebt haben, kommen nicht zur Ruhe. Denn überall auf der Welt geht der Krieg weiter. In meinem kleinen Land hören wir heute das gleiche Todesweinen wie damals. Alle sterben unter dem Banner des Krieges, der selbst keinen Zufluchtsort gefunden hat, um in Frieden zu sterben.
Ich folgte den Spuren der Seelen weiter. Einige Schritte entfernt von der großen Terrasse befindet sich eine Treppe, die in den ersten Stock hinunterführt. Dort war einst köstliche Suppe zu riechen. Sie wurde im Ersten Weltkrieg in dem kleinen Raum gekocht, als das Gebäude eine Suppenküche beherbergte. In den Fluren hörst du nur noch letzte Reste des Lärms der ausländischen Studierenden der Alexander von Humboldt-Gesellschaft, die erst nach dem Krieg hier saßen, aber vermutlich über Exil und Heimweh diskutierten.
Ein paar Schritte weiter an der Ecke in der Nähe der Fenster könntest du Frauenstimmen hören. Hier arbeiteten einst Prostituierte in einem Bordell. Es waren Elende, Verliererinnen, Hoffnungslose. Sie verkauften das Vergnügen für ein wenig Geld, um von Tag zu Tag zu überleben. Ihre Tage wurden ihnen von Armut, Krieg, Lügen und Verrat geraubt.
Für einen Moment war mein Blick auf die Außentür des Hauses gerichtet. Ich wollte das neue Leben sehen, das dieses Gebäude nach all der unbeständigen, schwierigen und schmerzhaften Vergangenheit hatte, sehen, wie die Menschen es geschafft hatten, dass das Haus nicht abgerissen wurde, weil es für sie einen Teil des Gedächtnisses von Berlin darstellte.
Niemand verzichtet freiwillig auf sein Gedächtnis. Der Ort erscheint als einer der letzten Überlebenden eines Krieges. Ein Überlebender der Zeit, die niemanden verschonte. Als ein Ort der Erinnerung an die Seelen, die dort gelebt haben.
Wenn ich heute versuche, etwas über die Geschichte des Literaturhauses von Berlin zu schreiben, begreife ich, dass die Schicksale der Menschen den Schicksalen von Orten ähneln. Wie der Ort seine Erscheinung ändert, so wechseln auch seine Bewohner. Der Ort bleibt und entwickelt ein Leben dank der Lebensgeister der Menschen, die all das geschaffen haben. Auch die Menschen können ihr Schicksal ändern, wenn sie genügend Unterstützung und Liebe erfahren.
Wer hätte geahnt, dass so ein schönes und charmantes Gebäude mit Blick auf einen herrlichen Garten, ein Haus, das von Poesie, Literatur, Musik und Diskussionen erfüllt ist, ein solches Gedächtnis in sich trägt? Ein Gedächtnis voller Schmerzen, Kriege, Grausamkeiten und Verluste? Schicksale sind individuell, aber sie erfordern eine große kollektive Liebe, um sich wieder in eine großartige Schönheit zu verwandeln, wie es dem heutigen Literaturhaus in Berlin gelungen ist.

Widad Nabi schrieb diesen Text zum Anlass des Frühlingsfests im Literaturhaus Berlin am 21. März 2018.

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