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Brief 5

Von: Ivana Sajko
Gesendet: 8. April 2021

Liebe Stella,

es hat einige Zeit gedauert, bis ich Dir antworte, doch ich habe über Deine Worte immer wieder nachgedacht und sie mit meinem Leben verglichen, mit meinen eigenen Zweifeln und Bemühungen, mit meiner Mutterschaft und meinem Leben als geschiedene Frau und schließlich mit meinem herausfordernden Dasein als Migrantin. In meinen Gedanken habe ich mich mit Dir unterhalten, spät nachts, nachdem ich meinen Sohn ins Bett gebracht und einen letzten Spaziergang mit unserem Hund gemacht hatte. Und ich habe mich gefragt, wieso es möglich ist, dass wir – obwohl wir so weit voneinander entfernt leben, obwohl wir in verschiedenen Kulturen und auf verschiedenen Kontinenten aufgewachsen sind – uns dennoch durch unsere Erfahrungen als Frauen verbinden können? Ich glaube eigentlich nicht an eine angeborene Schwesternschaft unter Frauen, genauso wenig wie ich an einen mythischen Kampf zwischen den Geschlechtern glaube. Ich kenne allzu viele Frauen, die den weiblichen Kampf untergraben oder die stolz auf ihre eigene häusliche Sklaverei sind. Außerdem ist mir bewusst, dass es zahlreiche Frauen gibt, die hohe Positionen in verschiedenen populistischen und homophoben Bewegungen bekleiden oder in konservativen und religiösen Parteien. Und schließlich habe ich viele Männer kennengelernt, die gegen aufgezwungene Geschlechterrollen sowie gegen kulturelle und soziale Erwartungen kämpfen mussten (genau wie Frauen) und die darunter litten, da sie die Erwartungen nicht erfüllen konnten, „richtige“ Männer zu werden. In diesem Sinne erscheint mir die Verbindung zwischen Frauen als nicht unbedingt natürlich, sondern nur als das Ergebnis einer gewissen persönlichen Differenz, einer gewissen Gegenposition zum „Natürlichen“ – als Ergebnis einer gewissen Ungeheuerlichkeit sozusagen. Diese Ungeheuerlichkeit erschien mir heldenhaft und ich vermute, dass ich seit meiner Kindheit dieses Ungeheuer sein wollte. Ein Monster, das nicht zur Ruhe kommt, ein Monster, das sich immer aufs Neue verändern möchte, ein Monster, das gerne Risiken eingehen will, ein Monster, das alles auf eigene Art ausprobieren möchte, ein Monster, das bereit ist, die Konsequenzen zu tragen. Das Missliche an all dem ist, dass meine kindliche Vorstellung von Helden eng mit den Bildern männlicher Helden verbunden war. Es gab keine einzige weibliche Figur in einem Buch, einer Geschichte oder einem Film, mit der ich mich identifizieren konnte (außer Pippi Langstrumpf vielleicht). Weibliche Protagonistinnen waren zutiefst von der Gnade der Männer abhängig, von ihrer Stärke und Loyalität (vor allem in den Disney-Zeichentrickfilmen, die im ehemaligen Jugoslawien wahre Kassenschlager waren), so dass der Wunsch, zumindest teilweise ein Mann zu sein, der einzige denkbare Weg war, um in die Haut des Heldenmonsters zu schlüpfen. In meiner Jugend ließ ich mir regelmäßig den Kopf rasieren, und als ich mit Anfang zwanzig begann, an der Akademie für Theater und Film in Zagreb zu studieren, hörte ich auf zu essen. Ich hielt mich am Rande des Hungertodes und ich war so dünn, dass mein Körper völlig androgyn aussah. Meine Periode blieb jahrelang aus, und ich fühlte mich sehr (und sehr zu Unrecht) befreit. Einige Freunde sagten, ich wolle wie ein Model aussehen, aber eigentlich wollte ich aussehen wie ein Mann. Indem ich dem Frausein entkam, entkam ich einer verhängten lebenslangen Haftstrafe, die ich zum Teil in der Küche hätte verbringen sollen. Selbst jetzt, wenn mein Vater aus dem Süden anruft, fragt er mich nicht, wie es mir geht, sondern: „Hast du etwas gegessen?“

Ein Gespräch über Essen ist nie harmlos, wenn sich Frauen unterhalten.

Deine Ivana

Aus dem Englischen von Alida Bremer

 

 

 

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