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Brief 4

Von: Stella Gaitano
Gesendet: 21. Februar 2021

Liebe Ivana,

Du hast es so wunderbar lyrisch formuliert: „Wie aber kann eine Mutter in der Küche im Angesicht der geliebten Menschen streiken?“ Es sind die Liebe und die Fürsorge für andere, die uns als Frauen kennzeichnen – egal ob Hausfrauen, Kämpferinnen oder Feministinnen. Oder?

Wenn ein Mädchen bei uns nicht kochen kann, wird sie nach der Eheschließung zur Zielscheibe des Spotts für die ganze Umgebung. Ihre Mutter habe sie wohl nicht gut erzogen, heißt es. Daher übertreffen sich die Mütter darin, den Töchtern das Kochen beizubringen, und ignorieren dabei gute Schulnoten oder Prüfungsergebnisse. Mädchen müssen die Küche in einem makellosen Zustand halten, aber nicht unbedingt Rechnungen mit Logarithmen lösen. Ihre wertvolle Zeit sollen sie lieber mit der sich über Stunden ausdehnenden Zubereitung komplizierter Speisen verbringen als mit einem Buch.

In der frühen Pubertät musste ich immer die gesamten drei Monate meiner Sommerferien in der Küche mit meiner Mutter verbringen. Dies gehörte für meine Mutter zum Programm. Immer wenn eine von uns Mädchen zehn Jahre alt wurde, betrat sie offiziell die Küche – wie volljährig gewordene Jungs, die den Wehrdienst leisten müssen. Diese Regelmäßigkeit konnte gut ihren Takt finden, da meine Mutter sechs Töchter hatte.

Unsere Lehre war von Strenge, Härte und Strafen gekennzeichnet. Es war ein richtiges Trainingslager für Hausfrauen: Gemüse waschen, Fleisch schneiden, Zwiebeln schnippeln, Öl aufwärmen. Durch Wiederholung haben wir unsere Finger gedrillt, immer die richtige Menge Salz und Gewürze zu greifen. Danach mussten wir uns natürlich auch um die im Spülbecken aufgetürmten dreckigen Töpfe und Teller kümmern. Nichts fand ich schlimmer, als in einer alten Küche ohne laufendes Wasser abzuspülen, wo man jeden Tropfen sparen und jede Bewegung durchdenken musste.

Für die kleinsten Küchenverbrechen wurde man nicht mit Schlägen oder Spielverbot bestraft. Die Schuldige musste das verdorbene Ergebnis essen, bis sie sich übergab. Wie grausam das war! Wie viel Essen, das nach Meer schmeckte, musste ich essen und wie viel Mehl unter Tränen verschlucken! Doch die Tränen waren vergeblich, denn das Weinen hat das Herz meiner Mutter nie erweicht und die ganze Familie platzte vor Lachen und Spott. Und doch ist das ganze Leid der Mädchen beim Kochenlernen nichts im Vergleich mit dem Blick der Gesellschaft. Wir sind verurteilt, in Familienstrukturen zu leben, in denen Frauen, die ihre Rollen nicht ordentlich ausüben, verzweifeln und schlimmstenfalls eine Scheidung und den Spott der Angehörigen riskieren.

Wie können wir diese Fesseln loswerden? Wenn eine von uns es schafft, sich zu befreien, wird sie sofort stigmatisiert und man beschimpft sie: Familienzerstörerin, Rebellin, die ihrem Vater, Bruder, Mann nicht gehorsam ist. Kein Mann wird mit ihr eine neue Beziehung eingehen wollen aus Angst vor einer Frau, die Kinderkriegen und Haushaltsarbeit nicht als ihre Pflichten ansieht.

In solchen gesellschaftlichen und familiären Gefügen betrügen wir uns selbst und übernehmen die uns vorgegebene Rolle, jedoch in vollem Bewusstsein dessen, was das bedeutet. Denn gegen eine Gesellschaft mit solchen Routine darin, Menschen nach dem eigenen Bild zu prägen, nützt Widerstand nichts. Frauen gehören in die Küche, Männer in die Öffentlichkeit und die Arbeitswelt. Frauen sollen weben und plaudern, Männer lesen und Politik machen. Es gibt unendlich viele von diesen Dichotomien, die uns Frauen immer weiter ins Häusliche treiben und die Männer nach außen gehen lassen.

Auch wir selbst können das, was wir tun, nicht wirklich Befreiung nennen. Ich bin ein Beispiel dafür. Obwohl ich als geschiedene Frau, Schriftstellerin und Alleinerziehende einige Freiheiten genieße, werde ich von Schuldgefühlen verfolgt. Wenn ich mich ins Schreiben vertiefe und nicht meinen Kindern bei den Hausaufgaben helfe, fühle ich mich schuldig. Wenn ich verreisen muss, um an einer Literaturtagung teilzunehmen, weint mein Herz vor Schmerz. Wenn ich einen schönen Abend mit Freundinnen verbracht habe, an dem die Stunden wie im Fluge vergingen, schleiche ich vorsichtig wie eine Katze nach Hause und schäme mich. In diesen Momenten spüre ich zutiefst, wie unfrei wir noch sind. Wie sehr wir im Inneren, im Unterbewussten mit unsichtbaren Ketten gefesselt sind.

Schuldgefühle, Scham, das Stigma der schlechten Hausfrau, der unzureichenden Frau – um diesen Gefühlen zu entkommen, fliehen wir in eine Zwischenzone. Das ist der Ort, liebe Ivana, an dem dir als Frau jede Entspannung fehlt, eine Region zwischen Küche und Feminismus. Hier streichle ich mein Bewusstsein, um es zu zähmen. Hier kitzle ich meine Gefühle, damit sie sich nicht in ihrer Roheit zeigen. Oder besser gesagt, nicht in ihrer Wahrheit, die inakzeptabel ist in einer Gesellschaft, die Frauen nur als Untergeordnete, Dienerinnen und Fortpflanzungsmaschinen sieht.

Die Kunst liegt darin, diese Zwischenzone in etwas zu verwandeln, wo wir unsere heimliche Bewegung hin zur Freiheit durch das Recht auf Arbeit und auf Teilhabe am öffentlichen Leben fortsetzen. Indem das Haus geordnet, die Kinder sauber und fleißig und der Ehemann gesund sind, beweisen wir, dass wir unseren Pflichten nachgehen. All das ist auch von Liebe getragen, denn wir können im Angesicht der geliebten Menschen nicht streiken.

Ich freue mich auf Deine Antwort,
Stella

Aus dem Arabischen von Filip Kaźmierczak

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