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Brief 3

Von: Ivana Sajko
Gesendet: 12. Februar 2021

Liebe Stella,

vielen Dank für Deine wunderschöne Antwort. Genauso ist es! Geschmäcker sind immer eng mit dem Gefühl von Heimat und Behaglichkeit verbunden, sie tragen unsere Erinnerungen an bestimmte Menschen und Zusammenkünfte in sich. Ich mochte es zum Beispiel nie, wenn unsere Familie zusammenkam, weshalb ich auch jetzt noch Speisen meide, die bei diesen Gelegenheiten serviert wurden. Das war Essen, das ich unruhig aß, ohne Appetit, immer in der Erwartung jenes Funkens, der den Streit am sonntäglichen Mittagstisch entfachen würde. Andererseits erinnern mich einfache mediterrane Speisen an Zeiten, die ich mit Freunden verbrachte, und sie lösen Heimweh in mir aus. Diese Speisen wurden üblicherweise begleitet von einigen Flaschen Wein, stundenlangen Gesprächen und leidenschaftlich geführten Debatten über Politik. Meine Sardellen in Zitronensaft mit Rucola und Kapern oder frittierte Auberginen in Olivenöl mit Knoblauch wurden, bevor sie gegessen wurden, Zeugen Dutzender Komplotte für eine Revolution. Auch jetzt noch, hier in Berlin, nutze ich Essen, um Leute zusammenzubringen und sie besser kennenzulernen – um uns zu verbinden, während wir Ideen und Essen miteinander teilen. Es gab allerdings eine Zeit in meinem Leben, in der ich mich fragte, ob es möglich ist, zugleich leidenschaftliche Köchin und Feministin zu sein. Untergrub das Kochen meine Emanzipation? Es war frustrierend, dass ich meine politischen Haltungen außen vor lassen musste, bevor ich die Küche betreten konnte. Manchmal verheimlichte ich, wie viel Mühe und wie viele Stunden mich die Zubereitung bestimmter Speisen gekostet hatte, um nicht das Bild einer Hausfrau abzugeben. In meinen Zwanzigern angelte ich häufiger, weil ich mich dann wie ein Jäger fühlte (die männliche Rolle) und weniger wie eine Köchin (die weibliche Rolle). Mit der Mutterschaft wurden die Dinge komplizierter und die traditionellen Rollen waren schwer zu umschiffen. Zu der Zeit, als mein Sohn das Universum der Geschmäcker betrat, las ich das Buch „Revolution at Point Zero. Hausarbeit, Reproduktion und feministischer Kampf“ der Aktivistin Silvia Federici, in dem sie alle Schwierigkeiten und Widersprüche der Emanzipation im häuslichen Umfeld bzw. in der Küche beschreibt. Sie betonte, dass es für Fabrikarbeiter vergleichsweise leicht ist, gegen ihre Ausbeuter in den Streik zu treten – wie aber kann eine Mutter in der Küche im Angesicht der geliebten Menschen streiken? Trägst auch Du Erfahrungen in Dir, in denen sich Küche und Feminismus widersprechen? Wie war das Aufwachsen für Dich, während Du von den Frauen in Deinem Umfeld lerntest oder zu ihnen in Opposition gingst? Wie hast Du inmitten dieser komplizierten (sowohl symbolisch als auch tatsächlich zehrenden) Beziehungen von Vorbereitung, Servieren und schließlich dem Genuss des Essens zu Deiner Position gefunden?

Deine Ivana

Aus dem Englischen von Heike Geissler

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