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Brief 2

Von: Stella Gaitano
Gesendet: 5. Februar 2021

Liebe Ivana,

Es ist Freitag – Tag der häuslichen Pflichten. Ein Tag voller lauter Kinderstimmen, kichernder Gäste und im Waschbecken klirrendem Geschirr. An diesem Wochentag kochen wir ein traditionelles Gericht. Wir freuen uns die ganze Woche lang darauf. An anderen Wochentagen essen wir, wie alle Arbeiterinnen, einfach das, was wir im Kühlschrank finden. Doch der Freitag wird mit traditionellen Leckereien im Familienkreis oder auch mit unerwarteten Gästen feierlich begangen. So vergegenwärtigen wir uns jedes Mal aufs Neue den Segen, in der Heimat und mit unseren Familien zusammen zu sein, umgeben unter der Obhut der Seelen der stets liebenden, geduldigen Mütter.

Mein eigenes Haus ist natürlich nicht groß und ich bin nicht so geduldig wie meine selige Mutter. Ich entkomme gerne den häuslichen Arbeiten in der Küche, die doch für viele Frauen und Mütter wie eine lebenslange Strafe sind. Meine Kinder habe ich zur Unabhängigkeit erzogen. Ich erwarte an diesem Freitag auch keine Gäste. Doch plötzlich höre ich ein leichtes Klopfen an der Tür. Ich öffne und sehe zu meinem Erstaunen: Ivana. Kann das wahr sein? Was, wenn es nur ein Trugbild ist? Nun, dann empfange ich es fröhlich und schaue, wohin es mich führen wird. Hier bin ich doch die Herrin!

Ivana streckt mir ihre Hand mit einer förmlichen Geste entgegen. Stimmt, wir haben uns bisher nie getroffen, nur Nachrichten übers Handy und einige wenige Mails ausgetauscht, auf die ich meist sehr spät antwortete. Das ist eine meiner schlechten Gewohnheiten. Ich ignoriere ihre Hand und begrüße sie mit einer warmen Umarmung. Vielleicht kann ich so ein wenig von ihrer europäischen Kälte schmelzen? Wir haben doch schon bei unserem ersten Gespräch überlegt, zusammen zu verreisen und einige Tage miteinander zu verbringen – auch mit Dima und Annika.

Ich heiße Ivana in meinem bescheidenen Haus willkommen – eine große Bibliothek und nur wenige Möbel befinden sich hier. Ich hole zwei Gläser. Eins fülle ich mit Wasser, das andere mit kaltem Karkadeh, unserem traditionellen Getränk. Man kann in fast jedem Kühlschrank einen Behälter mit eingeweichten Rosellenkelchen finden. Mit Zucker übertreibe ich nicht, Ivana mag ihn vielleicht nicht so sehr. Auch mit Rosellen bin ich nicht zu großzügig, damit das Getränk nicht zu sauer wird. Diese Pflanze wird im Westen und Süden des Sudans angebaut. Die kelchförmigen Blüten wachsen auf feinen, roten Stielen. Die getrockneten Blüten weicht man ein. In wenigen Minuten überfällt das befreite Karminrot das reine Wasser – wie frisches Blut, wenn man sich mit einer Klinge verletzt.

Sicherlich werden wir jetzt unsere Gespräche wieder aufnehmen und diejenigen vertiefen, die nur auf Messenger stattfanden, um so den Worten Leben zu verleihen.

Bestimmt hat Ivana Hunger. In meiner bescheidenen Küche, hinter dem Tresen, der sie vom Arbeitszimmer trennt, überlege ich mir, was ich ihr anbieten kann. Am Freitag genießen wir doch üblicherweise traditionelle Gerichte! Dann muss es wohl so sein. Natürlich werde ich Ivana keine unangenehme Überraschung bereiten und nichts servieren, was ihr völlig neu wäre. Ich lege meine Schürze an, renne schnell einkaufen und bereite in runde Scheiben geschnittene gekochte Eier zu. Dazu Tunfisch mit weißen Zwiebeln und Zitrone und ein Teller Favabohnen mit Sesamöl und weißem Käse. Alle Teller stelle ich mit Brot auf ein Tablett. Doch plötzlich denke ich mir: Ich möchte Ivana doch noch etwas Besonderes aus unserer Landesküche anbieten. Zur Hand habe ich noch eine Asida, die aus saurem Maismehlteig angerührt und lange über kleinem Feuer gekocht wurde. Die feste Masse füllt man dann zum Abkühlen in eine geometrische Zierform, so dass sie zu einer Art dekorativer Qualle wird. Die Asida, die ich Ivana serviere, ist kreisförmig und hat abgerundete Rillen. Darüber gieße ich eine rote Okrasoße. Als Grundlage dafür dient Wika – getrocknete und fein gemahlene Okraschoten. Dieses Gemüse wächst bei uns fast das ganze Jahr über und gehört zu unseren beliebtesten Zutaten. Es gibt eine Vielzahl an traditionellen sudanesischen Gerichten, die damit zubereitet werden, und jede Region hat dafür ein eigenes Rezept. Diese gastronomische Kreativität spiegelt die ethnische Vielfalt des Landes wider.

Die Okrasoße kochen wir meistens mit Hackfleisch oder mit feinem Pulver aus getrocknetem Fleisch. Zuerst aber muss man Zwiebeln rösten, bis sie goldfarben und knusprig werden. Nach dem Abtropfen des Öls mahlt man sie und gibt sie in einen Topf mit passierten Tomaten und frischem oder getrocknetem Fleisch. Das Ganze gart langsam über kleinem Feuer. Nach einiger Zeit geben wir Salz, Gewürze und das Okrapulver hinzu und rühren alles mit einem hölzernen Rührstab durch. Dadurch wird das Ganze glatt. Die Soße verbreitet den Duft von Fleisch, Röstzwiebeln, Knoblauch und scharfer Paprika. Sie schmeckt etwas salzig mit leichter Säure – dank der Tomaten. Die Flüssigkeit muss leicht dicklich und klebrig sein – ist das nicht der Fall, so ist es ein Anzeichen dafür, dass das Okrapulver aus nicht so gutem Gemüse hergestellt wurde.

Neben den letzten Teller lege ich noch Löffel aufs Tablett – vermutlich wird Ivana nicht mit der Hand essen wollen. Nun kann ich das Ganze meinem Gast servieren. Eier und Tunfisch muss ich nicht erklären, doch in den Genuss von Asida mit Okrasoße führe ich Ivana kurz ein. Sie schneidet mit leicht zitternder Hand ihr erstes Stück ab, tunkt es in die Soße und führt den Löffel langsam zum Mund. Da sie darin noch nicht geübt ist, zieht sich hinter dem Löffel ein feiner Faden. Sie schließt ihren Mund und schneidet den Faden ab – und er fällt auf ihre Kleider. So hinterlässt das erste sudanesische Gericht, das sie in ihrem Leben gekostet hat, seine Marke.

Stell Dir vor, ich bin jetzt bei Dir und Heimweh überfällt mich mit voller Wucht. Du weißt ja, wie sehr ich emotional und in meinem Geist an dieses Land gebunden bin – ich habe bisher nie daran gedacht, über Meere zu fahren und alles hinter mir zu lassen. Lass uns aber annehmen, dass ich zu Besuch oder wegen einer Konferenz in Dein Land gekommen bin und aus irgendeinem Grund steckenbleibe – es könnte eine Katastrophe wie das verdammte Corona sein. Mein Fremdheitsgefühl möchte ich nun mit einer Asida mit Okrasoße lindern. Der Geschmack wird in mir sofort Erinnerungen hervorrufen und mich beim ersten Bissen in Gedanken in mein Land reisen lassen. Ich kann nahezu den Atem meiner Familie um mich hören, wenn ich bestimmte Gerüche wahrnehme … Stell Dir das also vor – mit welchem Geschirr aus Deinem Haus, mit welchen Zutaten könntest Du mir bei der Zubereitung von Asida mit Okrasoße helfen?

Deine Stella

Aus dem Arabischen von Filip Kaźmierczak

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