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Brief 1

Von: Ivana Sajko
Gesendet: Mittwoch, 3. Februar 2021

Betreff: Lass uns anfangen!

 

Liebe Stella,

ich habe Dir diese Zeilen auch über den Messenger geschickt. Schau einfach, was Dir besser passt.

Herzlich, Iv.

Unsere Korrespondenz verdient eine kleine Einführung. Wir sollten uns am Dienstag, den 2. Februar um 15 Uhr mitteleuropäischer Zeit in Gesellschaft von Dima Albitar Kalaji und Annika Reich per Video treffen, um uns für das Weiter Schreiben-Magazin über Essen und Identität zu unterhalten. Du riefst einen Tag früher an, hattest die Tage verwechselt. Am richtigen Tag und zur verabredeten Zeit warteten wir auf Dich, sortiert in die Kacheln eines Onlinemeetings. „Wieder Probleme mit dem Internet”, erklärte Dima. Fünfzehn Minuten später stießt Du digital zu uns, meldetest Dich aus dem Auto, während Du durch eine uns fremde Landschaft fuhrst. Du warst irgendwo im Sudan, „zwischen den Städten”, sagtest Du, ohne näher zu bestimmen, welche Städte das waren. Vielleicht dachtest Du, wir würden sie sowieso nicht kennen. Was Du dennoch mit uns teiltest, war die Präsenz der Polizisten, an denen Du vorbeifuhrst. Dein Telefon war irgendwo weiter unten versteckt, also schauten wir Dich aus der Froschperspektive an. „Wer ist Ivana?”, fragtest Du. Wie eine Schülerin im Klassenzimmer hob ich meine Hand: „Ich.” Ich hatte ein paar Tage mit Recherchen über Dich, Dein Land, Deinen Hintergrund verbracht, hatte versucht Dein Leben nachzuvollziehen und alles zu lesen, was ich in einer mir bekannten Sprache finden konnte. Ich war auf eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Ich töte mich und jubiliere!“ gestoßen, die 2015 in The Niles veröffentlicht worden war und aus der Perspektive einer toten Person erzählt ist. „Der Habicht steigt auf mit diesem, meinem Auge, das alles gesehen hat. Aus der Höhe nach unten blickend, bin ich gramerfüllt, voller Leid: Der Habicht dreht seine Runden am Himmel. Die Flammen verbrennen alles. Die Erde schluckt die Bäume, wie die Schildkröten ihre Hälse unter den Panzer ziehen. Und ich sehe mich. Mit dem Auge, das der Habicht verschlingt. Ich bringe meine Geschwister ohne Gnade um. Ich raube meinen Vater aus, ohne Angst zu haben. Ich rotte meinen Stamm ohne das kleinste Zittern aus. Ich vergewaltige meine Schwester mit Wonne. Ich töte mich selbst und jubiliere.“ Dir während unseres Blind Dates dabei zuzusehen, wie Du die Polizisten anlachst, machte es irgendwie schwer mir vorzustellen, dass Deine Hand diese schmerzerfüllten Zeilen geschrieben hatte. Aber wir waren verabredet, um uns über Essen und Identität zu unterhalten, rief ich mir ins Gedächtnis, und bestimmt wird es einen Übergang geben, der uns von den Tellern zu unserer Literatur führt. Wir werden ihn sicherlich finden. Sage mir also, Stella, wenn Du nicht irgendwo im Sudan in Deinem Auto wärst und ich nicht irgendwo in Berlin an meinem Schreibtisch säße, sondern, zum Beispiel, an Deine Tür klopfte und Dich umarmte (anstatt Dir nur förmlich die Hand zu schütteln) und Du mich in Dein Haus führtest, in Dein Wohnzimmer, Deine Küche, was würdest Du mir zu essen geben und was, damit ich mich nach meiner langen Reise erfrischen könnte? Wie würde dieses Essen schmecken? Woher stammte diese Speise? Hätte sie eine bestimmte Bedeutung?

Herzlich, Ivana

Aus dem Englischen von Heike Geissler

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