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Alter Zauber

von Olga Grjasnowa

Samuel Mágós Geschichten haben einen ganz alten Zauber inne – es ist der gleiche Zauber, dem man verfällt, sobald man ein Buch von Isaack Babel, Scholem Alejchem oder Jaroslaw Hasek aufschlägt. Ich könnte auch sagen: man geht in einem Bild von Chagall spazieren und möchte gar nicht mehr zurück. So war ich mir sicher, Mágó hätte seine Kurzgeschichten auf Jiddisch geschrieben, aber so war es natürlich nicht, obwohl ich es lange nicht wahrhaben wollte. So fest, war ich davon überzeugt, den Autor bereist aus der Klassik-Bibliothek meiner Eltern zu kennen. Doch Samuel Mágó benutzt die Literaturgeschichte als Grundlage für etwas Eigenes. Vielleicht ist Samuel Mágó auch das für die Literatur, was Daniel Kahn für Musik darstellt. Mágó hat eine ganz eigene Stimme, einen Sound.

Seine Geschichten zeitlos, obwohl sie fest in Gegenwart verankert sind. Sie handeln von Diskriminierung, Korruption, Liebe, Tod und Trauer, alle Themen verschmelzen miteinander, doch sie tun es auf eine sehr geschickte Art und Weise, denn ihr Autor ist weise. Es ist ein ständiger Spagat zwischen Melancholie und Humor, Tradition und Gegenwart. Mágó erreicht nur mit wenigen Worten etwas, das dem Heimatministerium wohl niemals gelingen wird – man fühlt sich zu Hause, man meint sich in den Straßen auszukennen und selbst in Budapest, in einer Stadt, in der ich niemals gewesen bin und im Ghetto, indem ich niemals gelebt habe, das ich aber aus den Büchern und Familiengeschichten aus dritter und vierter Hand kenne. Ich kenne sie so gut, da sie ebenfalls von Diskriminierung und Korruption erzählen, und es mich noch immer schaudert, wenn ich an die Schilderungen von Pogromen aus Isaak Babels „Taubenschlag“ denke. In Zeiten wie diesen sind Stimmen wie Mágós so wichtig wie selten zuvor. Mögen sie nur nicht verstummen.

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