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Mit den Worten eines hochgeschätzten Pferdes

von Zmicier Vishniou


Aus dem Belarusischen von Iryna Herasimovich

 

© Juliette Moarbes; Aschenbecher aus einem Pferdehuf, um 1900

*

– Du, guck nicht. Nicht gucken. Hör mal, was ich dir erzähle. Zuerst habe ich Reiter, einen Wald, Vögel und sogar ein Schiffchen in mein Heft gezeichnet.

– Und weiter?, fragte die Tochter.

– Weiter habe ich eine kleine Geschichte über ein schönes und kluges Pferd notiert, die ich zufällig auf der Berliner Pferderennbahn gehört habe. Also hör sie dir an. Aufgeschrieben mit den Worten eines hochgeschätzten Pferdes.

Es war unglaublich heiß. Man hätte die Kugel der Sonne gern mit dem Blick wie mit einem Billardstock ins Loch unter das kühle Laub gestoßen. Und der Wind schritt immer lauter voran, als wäre aus dem Nichts der Geist von Julius Caesar auferstanden. Der Baron und ich waren auf Besuch in Darmstadt. An einem schönen Sommerabend hatte ich die Gelegenheit, durch die dortige Umgebung zu traben. Ich erinnere mich noch gut an die zottigen Sterne und das Licht der Fackel. Da stellte ich mir vor, ein römisches Pferd aus der Antike zu sein. Ich stieß wie ein Rammbock durch die Luft und versetzte das lokale Bürgertum in Angst.

An diesem Tag schimpfte der Baron lange mit mir, er war schlecht gelaunt. Danach stritt er sich noch mit seiner Frau. Alles war unwirklich. Vielleicht hatte ich nicht genug Hafer gegessen. An eines erinnere ich mich ganz deutlich. Der Baron fragte mich:

– Bist du froh, dass wir in den Krieg ziehen?

– Ich will Hafer, sagte ich.

Da reichte mir der Baron einen Apfel. Ich wieherte und rollte mit meinem blutunterlaufenen Auge, und ich hatte eine Vorahnung von etwas Großem und Unheimlichem.

– Du irrst dich!, brüllte der Baron. Man muss leben, mein liebes Pferd! Wenigstens in Legenden und Sagen. Die Welt ist so grenzenlos.

Da leckte ich dem Baron die Nase. Daraufhin umschlang er meinen Kopf. Und mir kam es vor, als würden in diesem Moment Trommeln schlagen. Dieser Tag ist mir für immer in Erinnerung geblieben.

*

Mögen sich die Himmel öffnen und schreckliche Qualen über die Feinde herabstürzen. Finstere Zeiten sind angebrochen … Ich erinnere mich an alles wie durch einen Nebel. Der Baron schöpfte mit seinem Helm den Hass seiner Feinde und legte ihn dann vermutlich neben seine geliebte Pfeife auf einen Stuhl. „Ich bedauere nichts“, pflegte der Baron zu sagen. „Wie kann man einen Fluss bedauern, der über die Ufer getreten ist? Das ist ein natürlicher Vorgang. So ist es auch mit mir. Ich bewege mich in diesem Leben wie der Wind, wie das Feuer, wie das Wasser.“ Da wieherte ich wie ein Irrer. Krieg … dieser verdammte Krieg. Wir werden alle sterben. Was hat das für einen Sinn? Und wenn nur der Baron stirbt, was soll ich dann tun? Wie soll ich weiterleben? Wozu braucht der Baron die schwarzen Militärstiefel, wenn es mich gibt, der ich dunkler bin als eine Gewitterwolke? Meine Mähne und mein Schweif waren wie die Flamme einer Fackel: Auch sie bogen sich in leuchtenden Zungen, doch der Herr scherzte: „Das sind Blutegel aus dem Sumpf. Sie tanzen wie die Finger eines Pianisten. Deswegen mach dich bereit für den Krieg! Lass uns Hufeisen und Säbel schleifen!“

Enttäuschung ergriff mich und ich hörte mit Schmerz dem Flüstern der Felder zu. Es klang wie eine Prophezeiung:

– Häuserquadrate und Wolkenblasen. Gesichter, aus Lehm geformt. Das Klirren der Sporen. Das Klappern der Hufeisen. Das Flattern der Fahnen. Und ein Hauch von Bitterkeit. Und die Tränen in den Feldflaschen. Und der Speer in den Händen.

*

An diesem Tag griffen wir die Stellungen der Franzosen an. Ich trabte voran, und der Säbel in der Hand des Barons glänzte wie ein Sonnenstrahl. Der Wind zog sich zu Knoten zusammen. Die Kugeln summten wie Wespen. Quietschende Aeroplane stimmten mit ein. Die Kanonen donnerten und mir kam es vor, als würde ein unsichtbarer Riese Berge schleudern. Ich hatte keine Angst, aber mein Herz verwandelte sich in einen Hammer. Und wegen der Geschwindigkeit atmete ich nicht mehr einfach nur – in meinem Inneren weiteten sich Schmiedebälge auf. Plötzlich stolperte ich, keuchte und stürzte, mich überschlagend, zu Boden. Als ich glaubte, ein wenig zu mir gekommen zu sein, begriff ich, dass ich von einer irren Kugel getötet worden war. Der Baron beugte sich über mich und weinte bitterlich … aber ich konnte weder mein Auge noch meine Zunge bewegen. Mich tröstete nur der Gedanke, dass ich nicht gelitten hatte: Ich war auf der Stelle tot, weil der Tod mich direkt in meinen Kopf getroffen hatte.

Ich weiß nicht, was meinen Herrn überkommen hatte. Denn er nahm seinen Säbel und hackte mir einen meiner Hufe ab. Das Blut spritzte und färbte alles um uns herum rubinschwarz. In solchen Fällen sagt man, dass der Himmel von Blitzen durchzogen sei, doch das stimmt nicht: Über den Himmel galoppierten Feuerpferde. Ich wünschte, ich hätte den Baron angespuckt, mit der Kugel, die in mir brannte.

Am Abend nach der Schlacht, als ich regungslos dalag, hörte ich über dem Feld ein Lied. Es war ein schöner Bariton:

Mein starkes Pferd mit Zähnen wie ein reifer Maiskolben!

Mit dem Orkan der Mähne und den Stempeln der Hufe!

Du hast den Weg zum Sieg geebnet!

Denn du bist mein Wind der Tapferkeit!

Steh auf! Steh auf!

Und flieg wieder, flieg dahin!

*

Aus meinem Huf hat man einen Aschenbecher gefertigt, der ins Büro des Barons einzog. Ich begann, Tabak zu lieben. Der Baron rauchte Pfeife und zog einen Himmel von Rauch aus ihr heraus. Aus der Vergangenheit drang der verfluchte Kampf herüber – Rauch, Schüsse, Explosionen, Tod …

Ich träumte von einem dunkelroten Auge und einem blutigen Säbel. Ich hörte wieder mein eigenes Todesgeröchel. In der Ferne knatterten Maschinengewehre und Soldaten rannten in einem Bajonettangriff. Der Horizont sah schmutzig himbeerfarbig aus. Dieser Tag ließ mich nicht los. Der Baron aber rauchte und brummte vor sich hin:

– Na und, bist du zufrieden?

Auf der Straße tobt ein neuer Krieg

und jetzt sind die Kavalleristen auf eiserne Pferde umgestiegen.

Auch die Schriftsteller haben zu den Waffen gegriffen.

Aber ich höre nur mich selbst, und das Klappern der Hufeisen ärgert mich.

Die Lieder sind erstarrt. Jetzt sind es die Schreie der Toten.

Rosinante, kaue deinen Hafer.

Wie auch immer, alles wird zu Staub.

Mit dem Huf auf die Stirn! Mit dem Huf!

Auf den Straßen liegt der Granit der Angst und Ausweglosigkeit.

In der Stille des Büros träumte ich von endlos weiten Prärien, wo man das Leben genießen und Freiheit atmen kann.

– Pferde haben eine fantastische Fähigkeit, redete der betrunkene Baron auf seine Freunde ein. Sie können sich in Gegenstände verwandeln. Das Pferd vom Baron Münchhausen verwandelte sich in einen Brunnen in der Stadt Bodenwerder und das Trojanische Pferd umgekehrt: Es war aus Holz, wurde aber zu einem Menschen und Feind.

*

Meine Tochter und ich standen vor einer Museumsvitrine mit Gegenständen darin, die aus Tieren angefertigt worden waren: aus Beinen, Häuten, Hufen, Hörnern, Ohren, Panzerungen … Wir betrachteten einen Aschenbecher aus einem Pferdehuf. Und ich dachte an den grausamen Präparator und seine Arbeit, die er so brillant ausgeführt hatte. Das alles ekelte mich an. Der Huf war mit Metallstreifen verziert, als wären es neue Hufeisen – für den Gang über Tabakländer.

Bestürzt gingen wir weiter und blieben vor einem Plakat von Peter Behrens stehen, auf dem ein Reiter abgebildet war.

– Was für eine traurige Geschichte, sagte meine Tochter plötzlich. Schade um das Pferd.

– Es waren schwierige Zeiten. Kriege bringen immer nur Zerstörung und Tod, sagte ich. Es ist schade um alle, Menschen wie Tiere.

*

Als wir das Museum verließen, kam eine mir unbekannte alte Frau ganz nah an mich heran, hauchte mich mit Tabakgeruch an und flüsterte: „Dieser Aschenbecher ist magisch. Man muss damit dreimal auf einen Stein klopfen und sagen: ‚Komm, wie die Nacht den Tag ablöst, wie der Wind nachlässt und der Regen einsetzt. Komm, wie der Blitz in einen Baum einschlägt ... Wecke das Pferd … Wecke den Körper der Erde … Erfülle mich mit frischer Luft …‘ Und dabei muss man sich etwas wünschen. Und der Wunsch wird sich unbedingt erfüllen.“ Ich schaute in die hellen Augen der Frau und sah dort viel Liebe und Stille. Ja, dachte ich, ich muss mir heimlich diesen Pferdehuf ausleihen und damit auf die gepflasterte Straße klopfen …

 

Dieser Text entstand im Rahmen der Weiter Schreiben Intervention "Nach den Schuhen fragt niemand" am 9. Oktober 2025 im Berliner Werkbundarchiv – Museum der Dinge.

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