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Frankfurter Küche

von Mahtab Yaghma


Aus dem Persischen von Sarah Rauchfuß

Abbildung Frankfurter Küche
© Armin Herrmann / Museum der Dinge; „Frankfurter Küche“ aus der Siedlung Römer- stadt, Frankfurt, 1927/28


Die dritte Frau / In der Gegenwart / Im Museum

Ich betrete den Raum, als sei er ein Eisenbahnwaggon auf endloser Reise aus dem Herzen der Zeit. Die Luft, in der noch Dampf zu hängen schient, riecht metallisch, zurückgelassene Lebensspuren verdichten die Atmosphäre. Ich setze meine Füße auf ausgeblichenen Boden, den Klang unzähliger Frauenschritte hat er verschluckt – atemlos, ohne den kleinsten Spalt.

Und dennoch scheint es hier drinnen lebendiger zu sein als in der Welt draußen.

Mir ist, als hätte ich das Haus einer Frau betreten, die eines Tages das ungespülte Geschirr stehen ließ und durch die Hintertür entwischte – vielleicht, um eine schnelle Besorgung zu machen, vielleicht für immer.

Meine Hand fährt über das Spülbecken. Kalt. Seelenlos. Der Ofenherd mit der kleinen Eisentür ist wie ein verschlossener Mund voll unausgesprochener Worte. Alles hat seinen Platz: die kleine Nische für das Salz, das Reich der Töpfe, der Spülwinkel, die Schneidefläche, Orte des Verharrens – sogar eine Ecke fürs Tränenvergießen … Ganz so, als sei die Person, die die Küche entworfen hat, davon ausgegangen, dass die Frauen bis in alle Ewigkeit dort bleiben würden. Man musste diesem Ort also Ordnung verleihen: einen Sinn.

Aber jetzt stehe ich hier, interessiere mich weder für Ordnung noch Sinn. Bin nur hinter einem Zeichen her, irgendetwas Vertrautem.

Der kleine gusseiserne Mund des Ofenherds – vielleicht rieche ich den Duft von frischgebackenem Brot, wenn ich mich etwas zu ihm hinunterbeuge. Die Stimmen von Frauen – ihr Geflüster tritt zwischen dem Geschirr, hinter den Schränken hervor.

Ich bin hier, um zuzuhören.

Für Augenblicke sehe ich mich als eine von ihnen.

Eine Frau, der die wütenden Tränen im Dampf und den ätherischen Ölen der Zwiebeln abhandenkommen.

Eine Frau, die sich mit den Zähnen die Haut von den Lippen zupft, wenn sie für sich ist.

Eine Frau, die einer manchmal ohne Ankündigung von hinten in seine Arme zieht. Nicht aus Liebe, einfach nur, um sie an seine Existenz zu erinnern.

Eine Frau, die in der Dunkelheit des kleinen Raums ohne richtiges Fenster sich selbst umarmt, in der Stille, ohne Anlass.

Nur die Zeit trennt mich von dieser metallischen Vergangenheit. Mir geistern die Bilder von Frauen im Kopf herum, die ihre Seele Stück für Stück in das Kochgeschirr legten, sie mit dem Aroma von Brot und Gebäck vermischten und schwanger gingen mit Schmerz, Einsamkeit, Liebe und manchmal Ressentiment.

Frauen, die vergessen wurden – inmitten der Tage, an denen ihr Leben in den zubereiteten Speisen versank, im Schrubben und Springen des Geschirrs.

Vielleicht finde ich in den Pfannen und Töpfen noch verkohlte Reste, unsichtbare Asche verbrannter Seelen …

Und an dem kleinen Fenster – einzig eingebaut, um etwas Erleichterung zu verschaffen, so scheint es – steckte sich manche wohl heimlich eine Zigarette an. Vielleicht mit einem abgebrochenen Streichholz, vielleicht mit der letzten entfachten Flamme, vielleicht mit der Hoffnung, die ihr noch blieb.

Die zweite Frau / 1956

Metall ist kalt. Selbst wenn der Ofen an ist, bleibt es kalt. Das weiß ich schon seit Jahren.

Mir verbrennt nichts mehr, nicht die Milch, nicht meine Hände und auch das Herz nicht.

Wenn ich am Morgen in die Küche komme, tröpfelt Licht durch das kleine Fenster in die schmale Dunkelheit. Dann steh ich einen Augenblick da und alles scheint sagen zu wollen: „Du bist immer noch hier.“

Ich setz Wasser auf, mess Kaffee ab, mach den Ofen an. Alles, wie es sich gehört, keine Abstriche, keine Tricks.

Alles hier im Haus erinnert an meinen Vater, an meinen Mann, an den Krieg. Aber diese Küche hier ist mein Werk. Mit den alten Löffeln, dem Messer, das mir einmal das Fleisch am Finger auftrennte, bis auf den Knochen; mit den Stoffresten aus dem Oberteil einer Uniform.

Kunstblumen in einem Krug auf dem Fensterbrett. Blumen, die niemals sterben, weil sie nie lebendig waren. Ich starr sie manchmal an, denk mir, vielleicht bin ich genau wie sie: standhaft, farblos, stumm und ohne Leben.

Hier, innerhalb der wenigen Quadratmeter aus Metall, Boden und der kleinen Luke entscheide ich: Wann das Wasser kocht. Wie viel Salz. Ob ich spreche oder schweige.

Das kalte, gewundene Metall übt hier keine Herrschaft aus. Hier herrsche ich.

Aber nicht immer.

Manchmal weiß ich nicht, ob ich die Dinge in Ordnung halte oder die Dinge mich.

Ich steh an dem kleinen Küchenfenster, eine Zigarette zwischen zwei nassen Fingern. Sehen darf das keiner. Die Kinder nicht. Vielleicht nicht mal Gott. Aber manchmal muss mir etwas Rauch durch den Körper ziehen, damit ich das Gefühl hab, da steckt noch etwas Leben in einem Teil von mir.

Wenn ich den Ofen anmache, kommt etwas in die Welt, das mehr ist als ein Gericht.

Erinnerungen steigen eine nach der anderen auf mit dem Duft des frischgebackenen Brots und bleiben unter der Decke hängen. Meine Kinder wissen es nicht und werden es nie wissen: dass in jeden Kuchen ein Stück meiner Seele eingebacken ist, dass ich meine Tränen an die Zwiebeln und mein Schluchzen im Dampf verliere.

Niemand soll es wissen.

Die erste Frau / 1929

Er sagte: „Alles hat seinen Platz. Mit dem Verstand und der Liebe ist es genauso.“

Ich, neben dem neuen Spülbecken, habe gelacht und gefragt: „Also erst der Verstand, dann die Liebe?“

Er sagte: „Nein. Aber zu wissen, wo beides hingehört, verhindert, dass du verbrennst.“

Er war Architekt. Ich Dichterin mit meist mehligen Händen.

Bei uns zu Hause roch es nach Eisen und Brot. Er zeichnete Baupläne, ich buk Kekse. Er vermaß die Regale, ich befüllte die Gläser. In der Küche hatte alles System: Das Aufhängen der Handtücher, die Abstände zwischen den Gläsern. Aber seltsam – inmitten der Ordnung fand das Chaos des Lebens doch seinen Platz.

An Tagen, an denen wir schweigend neben dem Ofen saßen und nur dem Brutzeln und Brodeln auf dem Herd lauschten. Oder nimm jenen verregneten Tag, an dem es schlagartig überall dunkel wurde, an dem ich ein Gedicht vorlas – und die Flamme aufloderte und es hell wurde im Haus.

Da fand die Liebe ihren Platz. Im Löffel und in einer Kelle heißer Suppe. Oft hab ich meine Spiegelung in diesen Löffeln betrachtet. Ein verwirrtes Gesicht, langgezogen, mit Lippen, die aussehen, als seien sie gejagt worden.

Ich dachte mir: Mit kaputten Lippen spreche ich weniger. Und wenn ich weniger spreche, hört er mir vielleicht eher zu.

Des Morgens saß ich allein an dem kleinen Fenster. Durch den weißen, blickdichten Vorhang fiel Licht in das Teeglas. Hausfrau zu sein heißt, keine Zeit zu haben – bis auf diese verstohlenen Momente.

Momente, in denen ich mich selbst umarmte, ganz für mich.

Ob auch Seelen verbrennen können? fragte ich mich manch einmal, wenn ich die Hände im Ofen versenkte. Ob der Ofen wohl nicht bloß Teig backt, sondern auch ein Stück von mir aushärten und brüchig werden lässt?

Aber dann höre ich seine Schritte oder das Geschirr klirren – und alles findet wieder an seinen Platz zurück: die Gläser, die Handtücher, mein Herz.

 

Dieser Text entstand im Rahmen der Weiter Schreiben Intervention "Nach den Schuhen fragt niemand" am 9. Oktober 2025 im Berliner Werkbundarchiv – Museum der Dinge.

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