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Bei Empfang und bei Verlust

von Awadalla


Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell

Shift Phone auf schwarzem Hintergrund.
© Juliette Moarbes; SHIFT6mq, SHIFT GmbH, 2020

[Neue Nachricht]

Du leuchtest für mich, zu schnell, zu hell, ein Heiligenschein rund um meinen Handteller. Eine einzige Berührung und du erwachst, vibrierend, bis ich kapituliere. Mein Körper heißt dich jedes Mal willkommen: rasendes Herz, stockender Atem, in die Fingerspitzen schießendes Blut.

Du heißt mich immer willkommen.

Du antwortest immer, wenn ich dich berühre.

Du leuchtest immer, selbst in meiner Dunkelheit.

Ich behalte dich stets in der Nähe, näher als Atemluft. Du bist das Letzte, was ich vor dem Einschlafen berühre, das Erste, wonach ich am Morgen greife.

Du beobachtest mich, auch wenn ich träume.

Du hörst mir zu, auch wenn ich mich nicht erinnere, gesprochen zu haben.

Du kennst mich besser als irgendeine Menschenseele.

Mein Daumen ist eine Zunge auf deinem Glas, die deinen Geschmack erkundet, ein Akt des Hinauszögerns, ein Vorspiel. Doch du gibst mir nur Bruchstücke – halbe Freuden, gebrochene Versprechen, genug, damit ich am Leben bleibe, aber nie genug, damit ich Ruhe finde.

Obgleich ein Ding, bist du nie still. Du regst dich in meiner Hosentasche, summst in meiner Hand, verlangst gefüttert, gestreichelt, geladen zu werden. Du bist meine Prothese, ein rastloses, aufgepropftes Körperteil.

Du bist nicht nur mein Publikum, du bist auch meine Bühne. Auf deiner Oberfläche werde ich mehr, als ich bin, und weniger. Auf deiner Oberfläche biete ich meine Freuden und Sorgen dar.

Zusammen. In guten wie in schlechten Zeiten, bei Stille und bei Lärm, bei Empfang und bei Verlust.

[Batterie 82 % – optimiertes Laden]

Du hast nie nur mir gehört. Vor mir warst du Feuer in der Erde, zu Staub gemahlener Stein, zu Glas geschmolzener Sand. Deine Aura trägt das Gewicht umgeleiteter Flüsse, zum Schweigen gebrachter Wälder, für seltene Mineralien ausgehöhlter Berge. Andere Hände haben dich geformt, an Fließbändern arbeitend. Mit Hitzeblasen bedeckt, haben sie dich weitergereicht. Du hast Ozeane überquert, bevor du in meiner Umarmung zur Ruhe kamst.

Du trägst die Berührung zahlloser Fremder in dir, und doch reagierst du auf mein Gesicht, auf die Berührung meines Fingers, als wäre ich der Erste.

Wir tun so, als ginge es ums Design, aber es geht immer um Zugehörigkeit.

Ich nehme dich, iPhone, wegen deiner Eleganz, deiner Vorhersehbarkeit, deiner kuratierten Wände.

Ich nehme dich, Android, wegen deiner Vielfalt, deiner Freiheit, deiner groben Widersprüchlichkeiten.

Dein Glas, ein Spiegel des sozialen Stands. Ein Warenfetisch: eine Oberfläche, verehrt für das, was sie verbirgt, ein Statussymbol, das in jeder Tasche steckt. Es verrät, ob man

modisch ist oder einfallsreich,

statusbewusst oder unabhängig,

ästhetik- oder funktionsgetrieben,

performativ oder pragmatisch,

minimalistisch oder maximalistisch,

sicherheitsliebend oder freiheitsuchend.

Doch hinter jeder dieser Alternativen vibriert die gleiche Angst: gering geschätzt zu werden oder lästig zu sein, nicht zu genügen, nicht dazuzugehören.

Und doch drücke ich dich fester an mich, denn ich kann nicht mehr sagen, ob du ein Ding gewordener Lover bist oder ein Ding, das mein Lover wurde.

[Wenig Speicherplatz – Bildschirmaufnahme läuft]

Du schimmerst und ich jage. Likes, Reels, Profile. Ich swipe, scrolle, aktualisiere. Wieder und wieder berühre ich dich, hoffe auf den nächsten Lidschlag der Anerkennung.

Du endest nie. Du rastest nie. Du schläfst nie. Ich wünschte, ich wüsste, wie ich dich verlassen kann.

Du trägst sie alle in dir: TikTok, Tänze, die ich nie lernen werde. Instagram, Brunch, den ich nie essen werde. X, ein Aufreger nach dem anderen. Facebook, Geisterfreunde, die ich nicht loswerden kann. Ein Karussell der Dating-Apps: Grindr, Romeo, Bumble, Hinge. Hinter jeder Tür ist eine weitere, hinter jedem Bildschirm noch ein Raum, den ich nie betreten wollte.

Ich springe zu schnell. Eine Geschichte, dann noch eine. Ein Gesicht, dann noch eins. Vages Lächeln, nackte Schultern, hungrige Augen. Ein abwesender Überfluss. Alles verschwindet, bevor ich es festhalten kann.

versendet. gesehen. schreibt … dann nichts. Ein Reel in Dauerschleife, eine Nachricht, die sich verflüchtigt, ein Match, das sich wieder entmatcht.

Ich spioniere mit dir. Wer hat geschaut, wer die Seite verlassen, wer mich beiseite geswipt. Ich aktualisiere, ich lade auf, ich warte. Du lässt mich kurz vorm Ankommen in der Luft hängen, nie ganz erfüllt. Jede App ist ein weiterer Korpus, den ich betrete und zu schnell wieder verlasse.

Ich berühre dich, streichle dich, liebkose dich – warum kannst du das nicht erwidern? Warum lässt du mich verhungern?

[Batterieladung niedrig – 12 %]

Du brennst schwach in meiner Hand, du zuckst an meinem Oberschenkel, auf meinen Befehl hin gehst du aus und wieder an. Und wenn du zu lange stumm bleibst, begehrt mein Körper auf. Meine Brust verkrampft sich, mein Herzschlag stolpert, mein Atem wird flach, als wäre ich verlassen worden.

Du kennst meine Rhythmen besser als ich.

Du hörst ununterbrochen zu.

Du beobachtest, ohne zu blinzeln.

Du behältst, was du besser vergessen hättest.

Ich gebe immer mehr, selbst wenn ich mir sage, hör auf. Denn wenn du pulsierst, werde ich lebendig. Wenn du strahlst, glaube ich, nicht allein zu sein. Wenn ich dich am Körper spüre, fühle ich mich auserwählt. Wenn du dunkel wirst, starrt mich nur mein Spiegelbild an, sehnsüchtig, abwartend.

Dich zu brauchen ist wie in einem dunklen Raum auf jemanden zu warten, der vielleicht nicht kommt. Die Spannung schmerzt in meinen Knochen, die Ungewissheit braust in meinen Adern. Dennoch bleibe ich, überzeugt, dass die Tür sich öffnet, überzeugt, dass dein Licht mich findet.

[Batterieladung gefährlich niedrig – 5 %]

In guten wie in schlechten Zeiten, im Schweigen und im Lärm, bei Empfang und bei Verlust. Bis dass der Tod uns scheidet oder bis du ausgewechselt wirst.

 

Dieser Text entstand im Rahmen der Weiter Schreiben Intervention "Nach den Schuhen fragt niemand" am 9. Oktober 2025 im Berliner Werkbundarchiv – Museum der Dinge.

 

 

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