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César

Fariba Vafi
Ein Man und eine Frau © Raafat Ballan
© Raafat Ballan, Meeting, Öl auf Papier, 83 x 64 cm (2021)

 

Die Sonne schien. Die Wintersonne. Weder warm noch kalt. Die Vögel zwitscherten. Der kleine Bahnhof hatte nur eine lange Bank. Die Frau setzte sich auf die Bank und zog den Koffer dicht an ihre Knie. Immer wieder schaute sie auf ihr Handy und überprüfte die Abfahrtszeit des Zuges. Dann hob sie den Kopf und blickte sich um. Außer einem hohen schneebedeckten Berg in der Ferne und ein paar Gleisen im Boden war kaum etwas zu sehen. Auf der anderen Seite der Gleise reihten sich still und ordentlich ein paar Wohnblöcke aneinander, wie die Überbleibsel einer Stadt. Alles menschenleer. Am anderen Ende der Bank saß ein Mann, der auf Französisch telefonierte. Nachdem das Gespräch beendet war, deutete er auf seine Zigarette und fragte die Frau auf Englisch:

„Ist es für Sie in Ordnung, wenn ich rauche?“

Die Frau deutete ins Freie. „Natürlich ist das in Ordnung.“

Der Mann lachte. In seinem Mundwinkel bildete sich ein kleines Grübchen.

„Fragen schadet trotzdem nicht.“

Die Frau dachte, sie sollte ebenfalls etwas fragen. Normalerweise wäre sie still geblieben, aber an jenem Tag erschien ihr die Welt einfach, alles schien möglich und leicht.

„Glauben Sie, dieser Zug hält hier?“

Sie zeigte dem Mann den Bildschirm ihres Handys. Er beugte sich vor, um das Ziel zu lesen. Dann lachte er.

„Diesen Zug nehme ich auch. Den danach auch. Aber Sie steigen eine Stunde vor mir aus.“

Er zog an seiner Zigarette.

„Woher kommen Sie?“

„Was denken Sie?“

Die Augen des Mannes blitzten auf.

„Südeuropa?“ Dieser Irrtum passierte allen. Die Frau deutete in die Ferne.

„Noch ein bisschen weiter. Aus dem Nahen Osten.“

Der Mann musste lachen, als die Frau „aus dem Nahen Osten“ sagte. Das Spiel ging weiter. Nun war es an der Frau zu erraten, woher der Mann kam. Er wandte sich ihr zu, so dass sein ganzes Gesicht zu sehen war. Die Frau lachte über seine kleine Darbietung. Er war ungefähr fünfzig Jahre alt. Seine Haut war braun. Sein Gesicht kantig, seine Lippen voll und irgendwie afrikanisch.

„Araber?“

Der Mann lachte.

„Tunesien.“

Die Frau schüttelte den Kopf. Das sagte ihr nichts. Der Mann wiederholte mehrmals den Namen „Tunesien“.

„Ah, Tunis.“

Der Mann erzählte, dass er am Tag zuvor in diese kleine Stadt gekommen sei und die ganze Nacht mit seinen Freunden verbracht habe. Nun müsse er wieder zurück in seine Stadt. Er deutete auf sein schütteres Haar.

„Ich bin todmüde.“

Er sah wirklich müde aus. Er hatte Bartstoppeln im Gesicht, schwarz-weiß und kratzig.

Sie unterhielten sich, bis der Zug kam. Meistens sprach der Mann. Er war zwar müde, doch seine ungewöhnlich dunklen Augen funkelten. Wenn sie einmal schwiegen, trat die Stille der Berge und der Ebene um sie herum umso deutlicher hervor. In der Ferne tauchte der Zug auf. Der Mann deutete auf den Koffer der Frau.

„Soll ich helfen?“

Er selbst hatte nur eine kleine Tasche. Im Zug setzten sie sich nebeneinander und schauten gleichzeitig auf ihre Handys. Bis zum Umsteigen hatten sie eine Stunde Zeit. Einige Leute sprachen lautstark auf Französisch. Der Mann war vor acht Jahren zum Arbeiten in die Schweiz gekommen. Er arbeitete für eine große Firma. Seine Aufgabe war es, Briefkästen zu lackieren. Er mochte seine Arbeit nicht. Aber die Bezahlung war gut. In der Woche zuvor war ein Teil der Fabrik in Brand geraten. Man hatte sie alle nach Hause geschickt. Dafür müssten sie jedoch eine Zeit lang doppelt so viel arbeiten. Von morgens um acht bis abends um acht.

Die Frau hörte dem Mann zu, doch ihr Blick schweifte aus dem Fenster. Die Aussicht war seit einiger Zeit unverändert. In der Ferne erhoben sich einige Bergketten und unter der grellen Sonne glitzerte ein See. Vereinzelt tauchten alte, schlossartige Schweizer Villen auf und verschwanden wieder. Sie schaute auf ihr Handy. Der Mann musste lachen.

„Mach dir keine Sorgen. Wir steigen zusammen aus.“

Die Frau lehnte sich entspannt zurück. Wie gut, dass noch jemand anderes die Haltestellen im Blick behielt. Die Sonne schien in den Waggon und spielte mit dem blonden Haar der Person vor ihr.

Sie stiegen aus. Bis zum nächsten Zug hatten sie zehn Minuten Zeit. Sie eilten die Treppe des Bahnhofs hinunter und suchten Gleis 2. Plötzlich blieb der Mann stehen.

„Wollen wir einen Kaffee trinken?“

Die Frau machte an Zwischenstationen nie irgendwo Halt. Sie eilte immer zum nächsten Gleis und wartete dort.

„Schaffen wir es dann noch pünktlich?“

„Klar schaffen wir das.“

Sie rannten zum Café. Der Mann kaufte zwei Kaffee. Die Frau zog ihr Portemonnaie heraus. Der Mann sah sie erstaunt an.

„Was machst du denn da? Der Kaffee geht auf mich.“

Dann lachte er. Jedes Mal wenn er lachte, funkelten seine pechschwarzen Augen. Er gab Zucker in die beiden Pappbecher, rührte jeden Kaffee mit einem Holzlöffel um und reichte der Frau einen der Becher.

„Sind wir nicht spät dran?“

Der Mann lächelte freundlich mit seinen afrikanischen Lippen.

„Bist du immer so gestresst?“

Er wartete die Antwort der Frau nicht ab. Sanft berührte er ihre Schulter.

„Stress dich nicht so.“

Trotzdem trank er schnell seinen Kaffee aus, nahm den Koffer und ging los. Die Frau freute sich, ihren Koffer in seiner Hand zu sehen. Sie überlegte, seit wann sie den Koffer alleine über den Asphalt der Straßen und das Kopfsteinpflaster der Gehwege ziehen oder die Treppen der Mietshäuser hinaufschleppen musste. Wie viele Jahre schon hing der Koffer an ihr?

Im zweiten Zug diskutierten zwei ältere Damen lautstark auf Englisch.

Sie setzten sich auf die letzten freien Sitze, nebeneinander. Die Müdigkeit des Mannes war verflogen.

„Diese Strecke zieht sich immer ewig hin. Aber diesmal kam sie mir sehr kurz vor.“

Er erzählte von seiner Arbeit an einer Schule und wie er seine frühere Frau kennengelernt hatte.

„Jetzt habe ich weder Frau noch Kinder. Ich bin frei. Nur meine Arbeit gefällt mir nicht. Ich gehe morgens im Dunkeln los und komme abends im Dunkeln zurück.“

Dann kam er wieder in einen Redefluss und sprach weiter von seiner Arbeit. Seine Arbeit war wie ein Brunnen, in den er jedes Mal versank, wenn er darüber sprach. Er steckte fest. Sein kantiges Gesicht wurde härter. Das ließ ihn älter wirken. Die Frau tröstete ihn. Sie waren wie ein Paar, das auf dem Weg nach Hause die Probleme des Lebens miteinander besprach.

„Mach dir keine Sorgen. Du schaffst das schon.“

Sie fand den Mann wirklich stark. Sie erinnerte sich, wie er mit ihrem Koffer in der Hand im Bahnhof vor ihr hergelaufen war.

„Ja, ich denke zu viel darüber nach. Die Arbeit selbst macht mich nicht so müde. Das viele Nachdenken darüber macht mich müde.“

Die Frau deutete aus dem Fenster. Die Farbe des Sees hatte sich leicht verändert. Er schimmerte nun bernsteinfarben. Der Zug fuhr mit hoher Geschwindigkeit, als würde er den See durchqueren. Überall Wasser. Der Mann bewegte die Hand vor seinem Gesicht.

„Keine Ahnung, warum ich so viel rede. Das ist sonst nicht meine Art.“

Der Frau machte es nichts aus, dass nur er redete. Es war sogar bequemer so. Sie ermutigte den Mann mit einem Lächeln, und er fuhr fort.

„Ich mag es nicht, alleine zu reisen. Ich bin lieber in Begleitung. Aber letztes Mal war ich allein unterwegs. Zu allem Übel regnete es die ganze Zeit. Eigentlich wollte ich eine gute Zeit haben, mich amüsieren. Aber seit ich in Marrakesch angekommen war, regnete es. In der Nacht. Am Tag. Glaubst du das? Ich saß die ganze Zeit unten im Café des Hotels, starrte in den Regen, rauchte und sinnierte über mein Unglück.“

„Unglück?“

„Migration ist sehr hart. Sie verändert das Leben eines Menschen. Hier gehörst du nie wirklich dazu. Aber irgendwann ist man sogar im eigenen Zuhause ein Fremder.“

„Ja.“

Der Mann war etwas überrascht und wandte sich der Frau interessiert zu.

„Du bist doch hier zu Besuch, oder?“

Die Frau wandte ihren Blick zum Fenster. Zögernd antwortete sie:

„Auf eine Art, ja.“

„Lebst du allein?“

„Ja.“

Der Mann konnte seine Neugier nicht verbergen.

„Ist das nicht schwer?“

Die Frau war selbst von ihrer Antwort überrascht.

„Doch, ist es.“

Sie freute sich, dass der Mann ihr Zögern bemerkte und nicht weiter fragte. Bis dahin war er ihr nicht unangenehm aufgefallen. Er war unkompliziert und sprach ganz ruhig. Manchmal wirkte es, als spräche er mit sich selbst.

„Ich vertraue auf das Schicksal. Es verrät einem nie im Voraus, was es im Schilde führt, und hält immer eine Überraschung parat. Das ist gut so. Ich mag das Unerwartete. Als ich am Morgen das Hotel verließ, brannten mir die Augen vor Müdigkeit. Ich dachte, im Zug würde ich gleich ins Koma fallen.“

„Und ich habe dich vom Schlafen abgehalten.“

„Nein, gar nicht. Schlafen ist riskant. Man kann den Zug verpassen. Ist mir schon öfter passiert.“

Die Frau blickte unwillkürlich auf ihr Handy. In fünfunddreißig Minuten würde sie ankommen und hätte zehn Minuten, um den Anschlusszug zu erreichen. Die Landschaft draußen war ruhiger geworden. Die Sonne hatte etwas von ihrer Intensität verloren. Die Berge waren näher gerückt und umgaben den See. Sie waren so nah, dass sie sich im stillen Grün des Sees spiegelten. Die englischsprachigen Fahrgäste hatten ihre Diskussion beendet und fotografierten die Landschaft. Der Zug näherte sich den Bergen und entfernte sich wieder. Die Frau erstarrte für einen Moment. Angesichts all dieser Schönheit stockte ihr der Atem. Sie wurde traurig. Sie dachte daran, dass sie bald wieder zu Hause wäre, und dann würde es keine Züge mehr geben, keine Seen, keine Berge und keine Menschen. Sie wollte ein Foto machen. Den Moment festhalten. Ihn bewahren. Sie verwarf den Gedanken. Stattdessen betrachtete sie aufmerksam das Profil des Mannes. Sie dachte, wenn sie den Mann, den See und die Berge gleichzeitig betrachtete, könnte sie sich das alles im Gedächtnis einprägen. Sie erinnerte sich, wie sie ihren Schülerinnen immer gesagt hatte, wenn man sich etwas merken wolle, müsse man es als Ganzes abspeichern. Wie eine Kette, miteinander verbunden. So verstärke man die Erinnerung und verhindere, dass sie in den Lücken des Gedächtnisses verschwindet. Der Mann bemerkte ihren abwesenden Blick.

„Du willst dir das einprägen, oder?“

„Woher weißt du das?“

„Ich kenne das Gefühl. Als ich das erste Mal hier entlangfuhr, war ich ganz überwältigt. Ich konnte den Blick gar nicht abwenden. Am liebsten hätte ich noch ein zweites Paar Augen gehabt, um alles sehen zu können. Später habe ich bemerkt, dass es den Einheimischen auch so geht. Auch für sie bleibt es außergewöhnlich und sie staunen immer wieder aufs Neue.“

„Wo sind wir hier?“

„Die Einheimischen nennen es Nirgendwo.“

Die Frau wusste nicht, wie sich ihre Hand in die des Mannes gelegt hatte. Sie war verlegen. Dann wurde sie nervös. Doch sie gab ihrer Nervosität keinen Raum. In wenigen Minuten würde alles vorbei sein. Fest drückte der Mann ihre Hand und hob sie bis an seine Brust.

„Das ist die Magie des Schicksals.“

Sanft zog die Frau ihre Hand zurück. Der Mann entschuldigte sich.

„Ich weiß. Ein bisschen ungewöhnlich.“

„Was ist ungewöhnlich?“

„Die Wärme meiner Hand. Viel zu heiß.“

Er tat so, als wäre ihm seine warme Hand unangenehm, aber das war sie nicht. Er wischte die verschwitzte Hand der Frau ab und sagte etwas, das sie nicht verstand. Manchmal verstand sie sein Englisch nicht. Der Mann nahm die Hand der Frau und legte sie auf sein Knie. Er ließ sie nicht los. Er hielt sie sorgsam fest, als hätte er Angst, sie könne jeden Moment verschwinden. Sanft strich er über ihre Finger und flüsterte:

„Lass sie hier, bis du aussteigst.“

Schweigend sahen sie nach draußen. Schließlich ergriff der Mann wieder das Wort.

„Von jetzt an werde ich immer an dich denken, wenn ich hier vorbeifahre.“

Die Frau antwortete nicht. Der Mann fragte:

„An welcher Haltestelle steigst du aus?“

Die Frau nannte den Namen. Die Augen des Mannes leuchteten auf.

„Und bleibst du in dieser Stadt?“

„Nein, ich fahre woandershin.“

Der Mann fasste sich ein Herz.

„Wohin fährst du?“

Die Frau wandte sich zum Fenster. Sie dachte, sie könnte dem Mann ihre Adresse geben. Dann könnten sie sich wiedersehen. Dann könnte die Frau mehr über den Mann erfahren. Dann könnte der Mann mehr über sie erfahren. Doch schnell verlor sie das Interesse daran, diese Geschichte fortzusetzen.

Die Berge waren verschwunden. So weit das Auge reichte, war alles grünes Flachland. Wiesen erstreckten sich bis zum Horizont, wie ein grüner Teppich, und Pferde wedelten darauf mit den Schweifen.

„Es sieht aus wie gemalt.“

Der Mann griff nach seinem Handy, um die Nummer der Frau einzuspeichern.

„Lass uns uns wiedersehen.“

Gespannt wandte er sich der Frau zu. Die Frau bedeutete ihm, sein Handy wegzustecken. Im selben Moment näherten sich ihre Gesichter einander und sie küssten sich. Lange. Die Frau musste lachen. Niemals hätte sie gedacht, dass sie einfach so einem Fremden ihre Lippen überlassen würde, doch nun hatte sie es getan, einfach so, ungeplant, ohne nachzudenken. Was war nur in sie gefahren? Sie war noch immer unter Schock. Nicht nur wegen des Kusses, sondern wegen ihres neuen Ichs. Sie wandte sich dem Mann zu. Würde sie ihm sagen, dass sie so etwas zum ersten Mal getan hatte, würde er ihr wohl nicht glauben. Wie hätte er es auch glauben können?

Der Mann fragte die Frau leise, woran sie dachte, erwartete aber keine Antwort. Die Frau ließ zu, dass sein Gesicht an ihrem blieb. Alles, was sie hätte sagen können, erschien ihr nutzlos oder zumindest überflüssig. Der Zug hielt. Beide standen auf. Die Frau nahm den Koffer in die Hand und warf sich den Rucksack über die Schulter. Der Mann begleitete sie zur Tür und küsste ihre Wange und ihre Stirn.

Die Frau stieg aus dem Zug. Die Sonne war untergegangen. Dichte Wolken hingen am Himmel. Der Bahnsteig war überfüllt mit Reisenden, die ihre Koffer hinter sich herzogen. Die Frau wartete, bis der Zug abfuhr. Sie nahm einen ungewohnten Geschmack in ihrem Mund wahr. Er schmeckte nach Rauch. Unwillkürlich legte sie zwei Finger an ihre Lippen und zog an einer imaginären Zigarette. Der Mann war zum Fenster des Waggons gegangen und blickte sie unverwandt an. Der Frau fiel auf, dass sie nicht einmal seinen Namen kannte. Lachend fragte sie:

„Wie heißt du?“

Sie konnte den Mann nicht hören. Die Zugtüren hatten sich schon geschlossen.

„Wie? Nisar?“

Der Zugpfiff ertönte laut. Der Mann lachte und zeigte an:

„Nein, nein.“Und er musste seinen Namen so deutlich aussprechen, dass die Frau ihn verstehen konnte. Sie las von seinen Lippen.

„Cigar? César?“

Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Der Mann blieb weiter am Fenster und starrte sie an, als würde er für immer in dieser Haltung verharren. Die Frau wiederholte den Namen. Sie war nicht sicher, ob sie ihn richtig verstanden hatte. Es spielte keine Rolle. Der Zug wurde schneller. Die Frau winkte, wartete aber nicht ab, bis der Zug außer Sicht war. Sie erinnerte sich, dass sie zu Gleis 4 musste, und ging die Treppen vom Bahnsteig hinunter.

 

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