Ich denke immer an Rückkehr

Gedicht anhören, vorgelesen von Melika Foroutan:
Ich habe viele Male Exil gelebt.
Von einem Land, angepflockt an meine Papiere.
Von einem Körper, unversehrt nach außen, darunter zerbrechlich.
Von der Sprache meiner Mutter.
Von den Namen, die man mir gab,
und jenen, die ich hergegeben habe.
Ich habe auch Rückkehr versucht.
Zu halb zerstörten Erinnerungen
Zu nur noch bruchstückhaft abrufbaren Songs.
Zu Straßen, die nicht mehr meine sind,
aber die ich weiter entlanglaufe im Traum.
Früher glaubte ich, das Exil beginne in einem fremden Land.
Heute frage ich mich, ob es mit dem ersten Atemzug beginnt.
Ob die Geburt der erste Checkpoint ist, den wir passieren,
und der Tod, Sweet Home,
die Weite der letzten Rückkehr.
Exil ist keine Grenze, die man einmal passiert.
Es ist ein Bluterguss, der ungebeten zurückkehrt
an dem Tag, an dem ich perfekt aussehen will.
Es errichtet in mir neue Wände.
Es lehrt mich zu gehen,
obwohl ich eben erst gekommen bin.
Rückkehr ist kein Ort.
Rückkehr ist ein Hunger,
eine Wiederholung, ein Drängen,
eine Frage in stillen Zimmern
lang nach dem Löschen des Lichts,
ohne Antwort,
zwingend noch zu stellen.
Immer, wenn ich gehe,
sage ich, dass ich wiederkomme.
Immer, wenn ich zurückkehre,
fällt mir auf, dass wieder etwas fehlt.
Mal ist es ein Mensch.
Mal bin ich es selbst.
Es gibt das Exil, das wir selbst wählen.
Und das Exil, das uns auswählt.
Es gibt die Rückkehr, die wir überleben.
Und die Rückkehr, die nicht.
Exil ist Lots Frau, zu Stein erstarrt,
für den dreist gewagten Blick zurück.
Gehäuteter Mythos, zu Fleisch geworden,
Umriss und Bedeutung
für die Sehnsucht nach einer versteinerten Vergangenheit,
einer Ballade, gefangen in einem Blick.
Eine Metamorphose, verlangsamt durch endlose Verzögerungen,
nicht Verschwinden,
sondern eine ausgegrabene, aufgeschobene Welt.
Ein Schmetterling, der aus den Ruinen auffliegt,
hartnäckig weiter im Werden begriffen.
Ich denke immer an Rückkehr,
als könnte sie die Wunde schließen.
Als gäbe es nicht tausend kleine Fluchten,
die unmittelbar dahinter warten.
Ich denke immer an Rückkehr.
Ich denke immer an Rückkehr.

