Ululieren ist ein Schreien, das tanzt

Text anhören, vorgelesen von Melika Foroutan:
Ich hatte ein Date am Tahrir-Platz.
Er schlug vor, sich am KFC zu treffen, dem Fastfood-Leitstern auf einem Platz, an dem Bedeutung sich mit der Zeit verschiebt, je nachdem, von wem er eingenommen wird: Demonstrant*innen, Tourist*innen oder jenen, deren Leidenschaft andere Sprachen spricht, andere Gesten und Tonlagen.
An dieser Ecke, mitten im Gedränge der Passant*innen, erkannte ich: Wir waren nicht allein. Weitere wie wir trieben sich still herum, nicht unsichtbar, aber leicht zu übersehen, wenn man nicht weiß, wonach man sucht.
Er begrüßte die Leute, unterhielt sich hier und da, stellte mich manchmal vor, meist nicht. Dann kam eine Queen auf uns zu. Sie hieß Sabah, wie die berühmte Diva. Klein und kräftig, mit einem Körper, der früher vielleicht mal im Gym geformt wurde, nun aber weicher geworden war. Und sie wusste, dass Weichheit sie nur noch begehrenswerter machte. Sie musterte mich, drückte Misstrauen und Neugier auf einmal aus. „Hast du das Passwort zum Club?“, fragte sie.
Der Club – so nannten sie es. Ein offenes Geheimnis, vielen bekannt, von niemandem bestätigt. Das war vor 2011, bevor das Kollektiv seinen Namen verlor und sich in neue Richtungen verstreute.
„Wie ist das Passwort?“, fragte ich scheu.
Ohne Vorwarnung ululierte sie laut. Ein schrilles, schönes Schreien, das den Lärm des Platzes durchschnitt. Köpfe drehten sich. Das Erschrecken der Umstehenden war ihr egal. Ihr Ululieren war perfekt, wild und frei. Das war das Passwort.
*
Als ich dreizehn war, reiste mein Vater geschäftlich nach Kairo. Von dieser Reise kam er nie zurück.
Viele Details dieses Tages sind verschwommen, einige Momente aber lebendig. Ich weiß noch, wie ich dastand und schwieg, als meine jüngeren Schwestern ihn zum Abschied umarmten. Meine Mutter schob mich zu ihm, drängte mich, ihn auch in den Arm zu nehmen.
In der Stunde, bevor die Nachricht kam, hörte ich Mariah Carey auf Kassette. Ich traute mich, laut aufzudrehen, denn mein Vater war nicht da. Ihre Stimme schwebte empor, röhrte den Schmerz über Liebe ohne Chance, eine Sehnsucht, so tief, dass sie alles verschlang. Dann klingelte das Telefon.
An diesen Moment erinnere ich mich genau. Meine Mutter schrie, ein Laut, so alt, so roh, dass er sich mir für immer eingebrannt hat. Nachbar*innen stürmten herein. Eine ältere Frau, die über uns wohnte, sonst reserviert und beherrscht, sah zuerst meine Mutter an, dann meine Schwestern und schließlich mich. Dann brach sie in Tränen aus.
*
An diesem Abend zog mein Date mit einem vom Tahrir ab. Er sagte nicht, dass es ein Hookup war, aber ich verstand‘s. Ich blieb mit seinem Freund Amr zurück, einem dünnen Jungen mit dunkler Haut und weicher Stimme. Er stand auf ältere Männer, Männer im Alter seines Vaters. Wie auf der Jagd nach einer Liebe, die nicht zur Bedingung machte, ein echter Mann zu sein.
Die Nacht lichtete sich, ihre Grenzen wichen, und ich fand mich in etwas wieder, das größer war als meine ursprüngliche Intention. Er nahm mich mit in die Cafés von Korba, wo sich verschiedene Gruppen trafen – Leute aus dem Zentrum und aus den Randbezirken der Stadt, die zu einer eigenartigen, exquisiten Mischung verschmolzen.
In Kairo gibt es zwei Arten von Menschen: die mit Autos und die zu Fuß.
Als wir durch Heliopolis schlenderten, fuhr ein Auto voller Jungs vorbei. Sie riefen uns zu, schlagfertig und gezielt in ihrer Neckerei. Einer fragte mich direkt, wer von ihnen mein Typ sei.
Der eine war wow. Er trug ein dicke, nerdige Brille, die ihn noch attraktiver machte. Seine Kleidung war schlicht, aber sorgsam ausgewählt; jemand, der nicht übertrieb, weil er es nicht musste. Naiv zeigte ich auf ihn, und sie lachten und sagten Dinge, die ich nicht verstand.
Kurz hatte ich das Gefühl, dass das war, wo ich hingehörte. Doch dann nicht mehr, und das genauso schnell.
*
Als mein Vater starb, verkauften wir sein silbernes Auto.
Es war noch neu, kaum gebraucht. Mit dreizehn war ich weit vom Fahralter entfernt und wir brauchten das Geld. Der Wagen war meine einzige Aussicht aufs Fahren, und kaum war er weg, war das mit ihm auch mein Traum.
Als ich nach Kairo zog, machte mir der Gedanke ans Fahren Angst. Die Straßen waren chaotisch, und alle Welt hinterm Lenkrad wütete, fluchte und schrie. Ich konnte mir nicht vorstellen, auch so zu sein. Ich konnte mir nicht vorstellen, laut zu werden.
Später aber, in den Autos meiner Freunde, hieß es: Wir gegen die Welt. Wir cruisten von Dokki ins Zentrum, von dort nach Nasr City. Einer rief vorbeilaufenden Männern etwas Provokantes zu, Sprüche über ihr Geprotze, ihr Gepose und ihren federnden Gang, von dem sie meinten, er bliebe unbemerkt. Es war eine Art Rache für alles Fiese und Geglotze, das wir über uns ergehen lassen mussten auf den Straßen. Manche Männer lachten, einige fluchten. Andere spielten mit.
Ein anderer Freund steckte dann den Kopf zum Fenster raus und ließ ein vollendetes Ululieren hören.
Dann war ich dran, etwas Gewagtes zu tun. Ich zögerte zu ululieren. Ich beherrschte es nicht perfekt. Ich beugte mich aus dem Wagen und ließ einen Schrei los, einen Laut der Trauer und des Schmerz’. Die Menschen zuckten zusammen, von einer Stimme aufgeschreckt, die sie kannten, einer Stimme, die bedeutete, eine Tragödie war passiert.
Diesmal war es nicht nur Traurigkeit. Es war eine Kraft, die die Nacht aufriss und die Straße verstörte. Sie forderte kein Mitleid. Sie hallte durch die Stadt wie eine Hexe, die ihr Publikum verhöhnt.
Wir im Auto lachten wild.

