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Text-2

Binnenreich des Friedens

von Ludmila Pogodina


Aus dem Englischen von Sylvia Geist, aus dem Belarussischen von Tina Wünschmann.
Read the original text here.

Eine Insel in der Zelle einer Stadt
Einer Vier-Millionen-Seelen-Stadt
Ich stoße auf die Ruinen einer Fake-Kirche in einem Fake-Paradies
Was treiben die Seelen in einem Fake-Paradies –
In die Clubs gehen oder nach Erlösung davon suchen?
Meine getriebene Seele verbrachte Jahre
Auf der Suche nach einer Insel oder einem Binnenreich des Friedens
Durch innere und äußere Exile
Durch belarussische Sümpfe und Wälder
Überflog italienische Berge und versteckte deutsche Geschichten
Flog über die Ruinen von Imperien
Auf der Suche nach einem sicheren Hafen
Wie diese Insel
Vielleicht einer ist
Oder auch nicht

Nichts auf der Vogelinsel ist, wie es scheint
Ich weiß mit Sicherheit, dass eine schwarze Henne das Tor zu einer anderen Dimension ist

Ins Königreich des Königs, über den man mit niemandem sprechen darf

Denn der König ist nackt

Denn käme das raus

Verschwände das unterirdische Königreich

Wie die unbequemen Geschichten verschwinden

Aus den Lehrbüchern

Von den Wikipedia-Seiten

Aus den Bücherregalen

Aus dem kollektiven Gedächtnis

Wie all das verschwindet, worüber man nicht sprechen darf

Nicht laut

Nur leise darf man, in der Küche

Aber wenn dich jemand hört

Kriegst du in die Magengrube

Ich bin aber keine

Die immer schweigt

Ich bin eine, die ab und an schreit

Innerlich

Oder jetzt, an eurer Seite, auch laut


Ich weiß mit Sicherheit, dass die schwarze Henne das Tor zu einer anderen Dimension ist
Zu einem unterirdischen Königreich, über das man nicht sprechen darf (doch muss)
Dann aber … ist ein weißer Pfau ein Tor wohin?
Weit weg von zu Hause gibt es keine Schlangen zu essen
Doch immer noch widerstehst du ihrem Gift
Du – das Symbol der „Säuberung“
Aber was, wenn die „Säuberung der Nation“ Gift ist
Wie hältst du dem stand, weißer Vogel?

Nichts ist, wie es scheint in einem Fake-Paradies
Fake-Kirche, Fake-Schätze, Fake-Ruinen
Das einzige Echte ist der unwirkliche Vogel
Der eine, der hier war
Als ein Alchimist Fake-Blut aus Glas machte
Wie viele Seelen wurden ausgetauscht gegen dieses Fake-Blut?
Weit weg von zu Hause
Brütende Pfauen und blutendes Glas
Wir sind besessen von echten Verbrechen, solange sie anderen widerfahren

Wusstest du, dass Vögel eher singen, wenn sie sich sicher fühlen

Und meistens stumm bleiben, wenn man sie bedroht?

An island in der Zelle einer Stadt
Einer Vier-Millionen-Seelen-Stadt
Ich brauche keine Religion, um eine Seele zu haben
oder doch?

Ich habe Jahre
Auf der Suche nach einer Insel oder einem Binnenreich des Friedens verbracht
Ich weiß mit Sicherheit, dass mein Binnenreich des Friedens keinen Herrscher hat
Keine Herrscherin
Wahrscheinlich hat es Vögel
Die frohe Lieder singen
Weil sie sich sicher und geborgen fühlen
Dort wird meine Seele singen
Weil sie sich sicher und geborgen fühlt
Aber im Augenblick
Ist das Einzige, was ich in mir höre,
Der Schrei eines Pfaus
Als Warnung
Dass ich noch nicht da bin

Der kursiv gesetzte Teil des Gedichts steht im englischen Original auf Belarussisch.

Dieser Text entstand im Rahmen der Weiter Schreiben Intervention "Nothing is what it seems" am 13. September 2025 auf der Pfaueninsel.

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