Tagträume und Kritik
von Rabab Haidar
Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell
Die Geschichte beginnt mit einer Liebesaffäre.
Es war einmal eine Mätresse, die eine Insel gestalten durfte. Die Insel wurde als Demonstration der Demut inszeniert, als Geste der Verbindung zur Natur, als Zurschaustellung globalen Wissens und Reichtums, während sie zugleich als Zufluchtsstätte diente, als eskapistischer in sich geschlossener Ort.
In der Gegenwart erkennen wir solche Orte eindeutig und zweifelsfrei als imperialistische, oft orientalistische kulturelle Aneignung. Dennoch sickert durch die kleinen Details des Orts und seiner Geschichte etwas anderes hindurch.
Um diesen Ort zu lesen, sollten wir uns die Menschheitsgeschichte als komplexe Materie anschauen anstatt nur durch die Brille von Schuld und Unschuld. Es fällt schwer, mit dem Wissen von heute die Vergangenheit nicht zu beurteilen, sondern sie vielmehr zu ergründen und zu vermessen, ja vielleicht den Menschen, ungeachtet der Zeiten, einem Faktencheck zu unterziehen. Die Insel ist ein profunder Akt des Rollenspiels, eine Performance, eine Fiktion, ein Imaginarium: Sie steht im Gegensatz zum Reich des Wirklichen. Vielleicht ist sie ein Tagtraum von der Liebesaffäre einer ungekrönten Königin.
Ein Tagtraum davon, was hätte sein sollen, aber nie war.
Ein Schloss, eigens so gebaut, dass es den Anschein von etwas erweckt, das es in Wahrheit gar nicht gewesen ist: Die Ruinen sind künstlich, die gemalten Inschriften zerfließen unter Wasser zu ertrinkenden Mustern.
Die Insel: geliehene römische Architektur, sorgfältig gemaltes Fachwerk, exotische Tiere und fremde Pflanzen, Hütten von Glasmachern, bewusst dort platziert, wo einst die Werkstatt von Johannes Kunckel stand, der wegen des Vorwurfs der Alchemie und Hexerei selbst verfolgt wurde und damit eine Fiktionsschicht der Insel vorherbestimmte.
Im Tagträumen kommt mehr als eine Abneigung gegen das Nichtstun zum Ausdruck. Es widerspricht sich selbst, ist eine Abwehr dessen, was ist, und ein Beharren darauf, was sein sollte; überdies ist es eine Kritik der Wirklichkeit. Was Tagträumende zu träumen beschließen, ist ein Indiz dafür, was in der Wirklichkeit fehlt.
Indem wir die Zerbrechlichkeit hinter der Macht erkennen, die Risse unter der Pracht, würdigen wir den menschlichen Impuls, über die Grenzen des Lebens, wie es ist, hinauszudenken. Tagträume offenbaren nicht nur, was die Wirklichkeit uns verweigert, sondern auch, worauf der menschliche Geist beharrt: auf unendlicher Ausdehnung, auf der Weigerung, sich ganz fassen und einhegen zu lassen.
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Dieser Text entstand im Rahmen der Weiter Schreiben Intervention "Nothing is what it seems" am 13. September 2025 auf der Pfaueninsel.
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