Die beiden Autorinnen hatten in Potsdam gleich ein dringliches Gesprächsthema: die Vergleichbarkeit ihrer Diktaturerfahrung und die Möglichkeit, darüber literarisch zu schreiben.

Einblicke in die Zusammenarbeit von Dima Albitar Kalaji und Julia Schoch

Julia Schoch über Dima Albitar Kalaji

Ich traf Dima am Ufer der Havel, in der Nähe der Glienicker Brücke. Dort, wo einmal  die Grenze zwischen Ost und West verlief. Bei ihrer Ankunft empörten wir uns halb im Scherz über den Busfahrer, der ihr in Wannsee die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte und abgefahren war. Typisch!, sagten wir. Überall auf der Welt schaffen die Zumutungen des Alltags eine kleine, erste Gemeinschaft.

Über die Gründe ihres Hierseins, die Gründe ihres Aufenthaltes in Berlin hat sie in den sieben Jahren ihres Exils schon oft erzählt. Über die Eckdaten ihrer Flucht. Tatsachen, die in der Fremde und mit der Zeit zwangsläufig zu Anekdoten gerinnen. Mit der Zeit richtet man sich ein in diesen Erzählungen, sie bilden einen Geschichtenfundus. Nur manchmal fragt sich die, die da erzählt, ob sie überhaupt an die Wirklichkeit heranreichen.

Die Übermacht dieser Geschichten, die zwangsläufig starke Präsenz der Vergangenheit, das obsessive Erinnern, das beständige Nachdenken über die Gründe, warum man in der Fremde weilt, die Eltern nicht mehr sieht, bis in den Sudan reisen muss, um ihnen das neugeborene Enkelkind zu präsentieren, die Gedanken, die immerfort um die Herkunft, die Geschwister und die Verwandten kreisen, um das, was aus dem eigenen Land und einem selbst geworden ist, all das lässt das Jetzt, die reale Umgebung oft verschwimmen und blasser erscheinen.

Es macht, dass man sehr oft nicht an dem Ort ist, an dem man zu sein scheint. Nicht an dem Ort, aber auch nicht in der Gegenwart, in der der eigene Körper sitzt. Wir saßen auf einer Bank an einem Spazierweg, der einmal der Mauerstreifen gewesen war, mit Blick auf das glitzernde Wasser. Boote zogen vorüber. Das Schilf rauschte. Schön, sagte Dima. Ja, schön, bestätigte ich.

Zu schön, um wahr zu sein, heißt es im Deutschen.

Ich verstand, dass sie alles verstand, was ich auf Deutsch sagte, jener Sprache, vor der sie zurückscheut, wie ich zurückscheue vor dem Englischen, das sie fließend spricht. Aus Angst, Fehler zu machen, nicht genau genug zu sein, jedenfalls nicht so genau, wie man es als Schriftstellerin für nötig hält. Einfach weil man Angst hat, nicht man selbst zu sein. Wir sprachen davon, welche Herausforderung es bedeutet, Kinder zu haben, sie großzuziehen, und gleichzeitig schreiben zu müssen. Wie schwierig es ist, perfekt sein zu wollen, wenn die Sprache nicht nur irgendein Mittel zur Informationsweitergabe, sondern tiefeigener Ausdruck seiner selbst ist, und wie idiotisch man sich fühlt, wenn man nicht man selbst ist. Die eigene Sprache als Heimat. Warum und wie sollte man die leichthin aufgeben, wo man bereits die geografische verloren hat?

Wir beide wissen: Wenn etwas verschwindet, kann es gleichzeitig überdeutlich da sein. Vielleicht ist das Verschwinden von etwas sogar die erste Bedingung dafür, dass es für immer bleibt. Als ewiger Schatten, als etwas, das uns beständig umgibt.

In Dimas Texten lese ich davon.

Auch davon, dass man mit der Flucht aus der Heimat eine Identität aufgedrängt bekommt, um die man nicht gebeten hat. Man ist davongekommen. Dafür muss man dankbar sein und fühlt sich doch schuldig. Wer wäre man ohne Exil? Wer wäre man ohne die Erfahrung von Krieg und Gewalt und Diktatur? Ohne die Erinnerung daran. Ist man gezwungen, die Dinge, Bilder, Gerüche, Empfindungen dieser Vergangenheit stets mit sich zu schleppen? Bleibt man auf ewig die Geflüchtete? War einem nicht ein anderer Stoff bestimmt gewesen? Aber hat man je eine Wahl? Fragen, die Zeit kosten, Lebenszeit. Und während man über diesen Fragen grübelt, schreibt man. Ist man bereits die Schriftstellerin, die zu werden man sich vielleicht immer nur insgeheim gestattet hat.

Es erscheint mir ein wenig frivol, fast indiskret, jemanden zu fragen, was er durchgemacht hat. Niemand kann wissen, was ein anderer Mensch durchmacht. Nicht weil es unvorstellbar wäre oder nicht erzählbar. Es ist erzählbar, es ist vorstellbar. Wir haben unsere Texte. Darüber hinaus wissen wir nichts. Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schreiben.