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(W)Ortwechseln > Dima Albitar Kalaji & Ramy Al-Asheq > Meine grandiose Idee am Sonntagabend - Brief 4

Meine grandiose Idee am Sonntagabend – Brief 4

Dima AlBitar Kalaji an Ramy Al-Asheq, 11. Oktober 2020

Übersetzung: Leila Chammaa

WOrtwechsel, Dima Al Kalaji, Ramy Al Asheq, Brief 4
© Dima AlBitar Kalaji

Der mein lieber Ramy,

diese Anrede ist grammatisch unzulässig. Die Regeln besagen, dass ich nur „Der liebe…“ oder „Mein Lieber“ schreiben darf. In beiden Versionen geht aber etwas verloren. Im ersten Fall meine Beziehung zu Dir, im zweiten Deine Eigenständigkeit. Das heißt, dass es nur ein Entweder-Oder gibt. Deshalb beginne ich den Brief so, wie es für mich stimmig ist.

Der mein lieber Ramy,

was ich Dir auf Deinen Brief erwidern will, kam mir vor ein paar Tagen im Zug auf dem Weg zu einem Arbeitstreffen in den Sinn. Dann hatte ich gestern Abend eine noch viel bessere Idee. Ich wollte mir beide Einfälle unbedingt merken, doch dann wurden sie von allerlei Dunst und Popcorn überschattet und entfielen mir.

Entschuldige.

Einen guten Schriftsteller macht aus, dass er seine Geistesblitze schriftlich festhält.

Jedes Mal denke ich:
Ich vergesse sie niemals – diese grandiose Idee.
Sie ist einfach brillant, in sich schlüssig und lässt sich gut weiterentwickeln.
Ich bin begeistert.
Ich nehme sie jetzt mit in den Schlaf und morgen früh, sobald ich die Augen aufmache, schreibe ich sie auf. Dann kann sie bis dahin noch etwas reifen.
Auf keinen Fall werde ich sie vergessen.

Doch am Morgen
– wie nicht anders zu erwarten –
wache ich auf, und sie ist weg.
Nein,
meist kommt es sogar noch schlimmer.
Ich vergesse, dass ich sie vergessen habe.

Ein paar Tage später fällt mir ein, dass ich eine grandiose Idee hatte, an die ich mich aber nicht mehr erinnere.
Würde ich meine grandiosen Einfälle immer gleich aufschreiben, lieber Ramy, dann wäre ich mittlerweile eine grandiose Schriftstellerin!
Zweifellos!

Doch
die grandiosen abendlichen Ideen
– angenommen, ich würde sie notieren –
wären am nächsten Morgen alltäglich.
Ich will aber nicht, dass sie alltäglich sind.
Also bewahre ich mir ihre Grandiosität,
nehme sie mit in den Schlaf
als etwas Extraordinäres
und vergesse sie als – etwas Extraordinäres.
So sind sie davor gefeit, alltäglich zu sein.
Wie etwa Muße beim Sich-langweilen.
Wie der Sonntagabend, wenn Du heißen Tee auf dem Balkon trinkst, ich meine Nägel lackiere und mich ärgere, weil es nicht ordentlich wird,
wenn jeder im Kopf mit dem anderen plaudert.
Sie werden nie alltäglich sein
wie Plappereien, gerichtet an Menschen,
derer man sich gewiss ist,
die man nie vermisst,
weil sie in einem wohnen.

Auf Deinen Brief antworte ich noch, das verspreche ich.
Aber jetzt will ich,
glaube ich,
einen alltäglichen Brief schreiben,
oder soll ich ihn mutigerweise banal nennen?
Wie eine Plauderei am Sonntagabend.
Wie einen Rechtschreibfehler, der mir immer wieder unterläuft und den Du immer wieder korrigierst,
bis er zum Witz wird,
und zur Gewissheit.

Unser Gespräch wird weitergehen – ewig.
Dima

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