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Fehler Nr. 2 – Brief 3

Ramy Al-Asheq an Dima AlBitar Kalaji, 06. Oktober 2020

Übersetzung: Günther Orth

 

WOrtwechsel, Brief 3; ramy Al Asheq an Dima Al Kalaji
© Ramy Al Asheq

 

Liebe Dima,

danke für Deinen Brief. Danke für das, was Du gesagt und das, was Du nicht gesagt hast. Ich hatte das Gefühl, dass vieles bei Dir ausgespart und ungesagt blieb. Vermutlich fürchtetest Du, wenn es ausgesprochen würde, fände es nicht das gewünschte Echo. Es kann natürlich sein, dass ich mir das nur einbilde, aber so kam es mir vor, denn ich erlebe so etwas dauernd. Manchmal sage ich etwas und bereue es dann wieder und wünsche mir, ich hätte es nicht gesagt. Dann wiederum bereue ich, dass ich Reue empfinde, denn ich hatte das, was ich gesagt habe, ja deshalb gesagt, weil ich es sagen wollte, und nicht, weil ich vom Angesprochenen eine bestimmte Reaktion erwartet hatte … Sobald das Bereuen also erst einmal einsetzt, hört es gar nicht mehr auf.

Ich mache mir mal einen Kaffee und erzähle Dir etwas von der Reue.

Ich habe zum Beispiel meinen ersten Brief an Dich bereut. Wenn ich ihn heute wieder lese, finde ich ihn lasch und langweilig. Und vermutlich werde ich schon bald auch das bereuen, was ich Dir jetzt schreibe.

Jetzt wirst Du vermutlich unruhig. Aber Vorsicht! Denn das wäre für mich schon wieder ein Grund, etwas zu bereuen!

Ali ist ein Mann in den Sechzigern, er betreibt einen Spätkauf neben der Eingangstür des Gebäudes, in dem ich wohne. Seit ich hier eingezogen bin, hat er mich immer komisch angeschaut und das Gesicht weggedreht, wenn ich ihn grüßte. Neulich war er plötzlich verschwunden und sein Laden zu. Keiner wusste, wo er war. Da fühlte ich Bedauern. Ich hätte doch vorher noch netter zu ihm sein können, ich hätte mit meinem dürftigen Deutsch ein Gespräch mit ihm beginnen können, ich hätte öfter bei ihm einkaufen sollen … Es tat mir wirklich leid und ich vermisste sein Geschrei auf der Straße und seine komischen Blicke.

Zwei Wochen später war Ali plötzlich wieder da, sein Laden war offen und ich beschloss, ihn anzusprechen und mich zu erkundigen, ob alles in Ordnung sei. Ich grüßte ihn freundlich, fragte ihn, ob er gesund und alles gut sei, und teilte ihm mit, dass ich mir Sorgen gemacht hätte, weil sein Laden so lange zu war. Er entgegnete auf seine übliche unfreundliche Art: „Mir geht’s gut, ich war in Urlaub.“ Er war unfassbar abweisend. Da bereute ich, dass ich ihn gefragt hatte.

Keine Ahnung, wer einmal gesagt hat, Reue sei verspätetes Erkennen, aber ich weiß auch gar nicht, ob das stimmt.

Letzthin ging ich zum ersten Mal in meinem Leben zu einem Psychotherapeuten. Ich muss sagen, dass ich noch nicht recht weiß, wie ich mit ihm umgehen soll. Ich hatte einen Therapeuten gewählt, der Arabisch spricht, weil ich das, was ich sagen möchte, auch ausdrücken können möchte. Ich erzählte ihm von meinem Gefühl, dass alles keinen Zweck, keinen Wert und keine Bedeutung habe, einschließlich der Tatsache, dass ich zu ihm komme. Er blieb auf eine provokante Weise passiv. Jetzt, wo ich das Wort „provokant“ schreibe, begreife ich allerdings, dass er auf eine indirekte Weise, die mich dazu brachte, weiter nachzudenken und offenzulegen, was ich verbarg, doch aktiv war. Und genau das holte mich aus der Deckung, denn wenn alles zwecklos wäre, wie ich behauptet hatte, dann hätte ich ja gar nicht versucht, etwas offenzulegen.

Der Therapeut diagnostizierte bei mir prompt eine klinische Depression, begleitet von einer Schreib- und Leistungsblockade und anderen Störungen, die noch längerfristig zu klären seien. Aber, stell Dir vor, das alles genügte angeblich nicht, um mich behandeln zu lassen! Meine akute Depression, mein Nicht-Schreiben-Können und meine chronische Traurigkeit, so der Therapeut, seien nicht dazu angetan, meine Krankenkasse davon zu überzeugen, dass ich behandlungsbedürftig sei. Er glaube daher nicht, meinte er, dass wir uns auf lange Sicht regelmäßig sehen würden, aber er würde mir fürs Erste ein paar Sitzungen gewähren, um zu sehen, ob sich nicht doch noch etwas fände, das eine Behandlung erfordere.

Das Ganze hatte etwas Surreales (im Arabischen: suryali, es mag also mit Syrien, Suriya, zu tun haben) und war so absurd, dass es beinahe banal war.

Widersprüche

Das Leben widerspricht den Lebenden

Der Tod widerspricht den Toten

Was sich widerspricht, widerspricht sich wirklich

Das Linkssein widerspricht den Linken

Die Heimat widerspricht den Patrioten

Die Liebe widerspricht den Liebenden

Die Dichtung widerspricht den Dichtern

Die Medizin widerspricht den Ärzten

Die Sicherheit widerspricht den Versicherungen

Die Psychologie widerspricht den Psychologen

Die Psychologie sagt: Viele Depressive glauben, sie verdienten das Leben nicht. Ja, und wer das Leben nicht verdient, verdient auch nicht, behandelt zu werden. Psycholog*innen sagen zu Depressiven, sie verdienten keine Behandlung. Gemäß derselben Logik verdient, wer keine Behandlung verdient, auch kein Leben!

Die Sache hat mich sehr aufgewühlt. Es kam mir vor, als hätte ich mich nackt vor jemandem ausgezogen, der daraufhin meine Verletzungen belächelte, und als würde das Einmalige meines Schmerzes angesichts des Kollektiven und Gewöhnlichen in sich zusammenfallen. In einem Augenblick wurde ich zu einer Leichenschau (ja, ich trage Tote in mir!), zu der sich Leute einfinden, denen egal ist, was sie sehen, oder die es sofort wieder vergessen. Es war, als würde die Sintflut von Schmerzen, die aus dem Tiefsten meiner Erinnerung und meiner Seele kommen, wie Schaum an der Passivität eines Mannes zerplatzen, der mich nicht kennt, und wie Staub im Wind einer willkürlichen Bürokratie verfliegen. Mein Schmerz wurde auf seine Berechtigung hin getestet – verdient er eine Betrachtung und eine Beschäftigung? Können Versicherungsangestellte den Schmerz einer Person ermessen, die sie nie gesehen haben und über deren Geschichte und Erlebnisse sie nichts wissen? Vor mir steht eine menschliche Wand. Soll ich sie wirklich davon überzeugen, dass es mir schlecht geht?

Ich lasse es hierbei bewenden und gebe der Reue Raum, sich zu Wort zu melden.

Lass es Dir allzeit gutgehen!

Ramy

 

Anmerkung 1:

Man nennt die Reue zuweilen den „Fehler Nummer zwei“. Und es heißt, alt sei man dann, wenn man seine Träume gegen Reue eintauscht.

Anmerkung 2:

Diese Anmerkung ist nicht für die Öffentlichkeit gedacht.

 

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