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(W)Ortwechseln > Dima Albitar Kalaji & Ramy Al-Asheq > Ein ausreichend langes Gespräch - Brief 1

Ein ausreichend langes Gespräch – Brief 1

Ramy Al-Asheq an Dima AlBitar Kalaji, 09. Juni 2020

Übersetzung: Günther Orth

(W)Ortwechseln, Dima AlKalaji, Ramy Al-Asheq,Ein ausreichend langes Gespräch
© Tawfik Aridah

(Hier können Sie das Video zum Brief sehen)

Liebe Dima,

ich glaube, dass wir uns mittlerweile so gut kennen, dass wir auf formale Einleitungen verzichten können. Jedenfalls hoffe ich, dass Du in einigermaßen guter Stimmung bist, wenn Dich dieser Brief erreicht, und dass Du ihn auf dem weinroten Sofa in Deinem Wohnzimmer liest, dem „Sofa für lange Gespräche“, wie Du es nennst. Und hoffentlich wird dementsprechend das, was ich schreibe, lang genug. Vielleicht setzt Du Dich auf die linke Seite, wie damals, als wir uns bei unseren langen Gesprächen gegenübersaßen.

In letzter Zeit habe ich aus verschiedenen Gründen öfter daran gedacht, Dir zu schreiben. Erstens habe ich über ein Jahr lang nicht mehr geschrieben und kann eine Schreibübung daher gut gebrauchen, auch wenn ich sonst andere Arten von Texten verfasse. Ach, Dima, wie ich das Dichten vermisse! Ohne Dichtung fehlt mir etwas, ich bin wie durchlöchert. Das Dichten hat mich ausgefüllt, mein Herz schlug höher beim Schreiben, meine Lungen füllten sich, meine Haut wurde zart und ich hatte keine Albträume mehr. Seit mich die Eingebung verlassen hat, bin ich unvollkommen wie – ja, wie was eigentlich? Nicht einmal Vergleiche und Metaphern fallen mir noch ein. Jedenfalls fühle ich mich wie etwas Unvollkommenes, das obendrein noch schrumpft.

Nun ja, darüber können wir ein andermal noch länger reden.

Zudem wollte ich Dir schreiben, weil wir lange nicht mehr ausführlich miteinander gesprochen haben, nachdem wir es uns vor einem Jahr zur Gewohnheit machen wollten. Bisher hast nur Du mehrfach gesagt, dass Du es vermisst, aber mir ging es genauso. Nur dass ich es einfach nicht schaffe. Mein Kopf ist leer und mir ist, als hätte ich geradezu Lust darauf, eine Zeit lang ein Nichtsnutz zu sein. Ich will nicht ans Schreiben denken, nicht ans Geldverdienen, um meine Rechnungen zu bezahlen, und nicht daran, dass ich eigentlich etwas Sinnvolles tun müsste. Ich habe so viel Sinnvolles getan, dass ich jetzt einmal nur Sinnloses tun möchte, oder zumindest Dinge, die im Allgemeinen nicht als sinnvoll gelten. Als nicht sinnvoll erachtete Dinge finde ich sinnvoll.

Jetzt beim Schreiben fällt mir auf, dass ich ja doch noch längere Sätze hinbekomme. Nur brauche ich offenbar eine andere Form dafür, zum Beispiel Briefe schreiben.

Drittens wollte ich Dir schreiben, damit wir beide einmal von unserer Lektor*innenhaltung wegkommen, die wir täglich praktizieren, Du in einem Magazin und auf Eurer Website, ich in meiner Zeitschrift, und überall lektorieren wir uns gegenseitig unsere Texte.

Weißt Du, warum ich aufgehört habe zu schreiben? Vielleicht hast Du seit Anfang dieses Jahres schon eine Ahnung, aber ganz genau wirst Du die Gründe wohl nicht kennen.

Ich leide jedenfalls nicht, wie ich zuerst dachte, unter einer Schreibblockade, auch nicht unter einer schweren Depression oder einem Burnout oder darunter, dass ich jetzt über dreißig bin. Auch hat sich mein literarischer Geschmack nicht so gewandelt, dass ich nach einer ganz neuen Ausdrucksform suche. Vielleicht sind es auch all diese Gründe zusammen, aber vor allem habe ich keine Lust mehr zu schreiben, weil ich keinen Sinn mehr darin sehe.

Als es sie noch gab, habe ich für die Revolution geschrieben. Jetzt habe ich nichts mehr zu sagen, und „übers Exil“ zu schreiben ist mir zu klischeehaft. Man schreibt mittlerweile ohnehin nicht mehr um des Schreibens willen, sondern nur noch, um Kleinprojekte zu finanzieren. Manches ist vermarktbar, manches gefällt der „Gegenseite“, anderes ist gerade in Mode oder erregt Aufmerksamkeit. Ich wurde zum Beispiel mehrfach aufgefordert, über Corona und die Quarantäne zu schreiben, aber das bedeutet mir rein gar nichts. Im Moment geht es mir nur darum, mich vor der Bestie zu retten, die in mir heranwächst und die mich auffrisst wie ein Geschwür – die Leere, dieser elende Krebs!

Wenn ich über Leid und Tragik schreibe, komme ich mir vor wie auf einem Mitleidsmarkt. Das Publikum unterscheidet nicht zwischen Kunst und Wohltätigkeit, zwischen Literatur und Bettelei, zwischen Kampf und Kommerz. Tragische Literatur ist sehr schön, wenn es um das Leid anderer geht, um Leute, mit denen wir mitleiden können, bis wir sie vergessen. Aber Leid zu erleben ist überhaupt nicht schön, nicht in der Literatur und sonst auch nicht.

Andererseits ist es bekanntlich die Verantwortung der Autor*innen die Stimmen derer hörbar zu machen, die Opfer von Unrecht sind, die Stimme der eigenen Landsleute und Angehörigen; ja man muss geradezu ihr Sprachrohr sein! Das ist ein furchtbarer Konflikt. Wenn du nicht über Leid und Elend schreibst, dann entziehst du dich der bitteren Realität und giltst als Opportunist*in, aber wenn du es tust, dann bist du ein*e Buhler*in, die/der aus dem Schmerz anderer Kunst macht und damit bekannt wird und Geld verdient. Und überdies verfestigst du noch ein Klischee von denen, über die du schreibst. Sie sind auf ewig die erbarmungswürdigen Opfer! Wozu das alles? Ist dieser ganze Jammer es wert?

Ich glaube, ich bin etwas streng zu mir selbst geworden. Unduldsam war ich vielleicht vorher schon, aber nicht zu mir selbst. Vielleicht war ich auch opportunistisch und wollte etwas leisten und Erfolg haben. Ich wollte ein umfangreiches Werk schaffen, auf das auch große Autor*innen anerkennend blicken. Ich habe vieles davon geschafft, und wenn ich auch viele Leute enttäuscht habe, so war ich doch zumindest von mir selbst nicht enttäuscht. Jetzt erwache ich anscheinend und werde streng zu mir selbst, und auch das in aller Konsequenz.

Jedenfalls habe ich das Dichten aufgegeben oder das Dichten hat mich aufgegeben. Es ist ja egal, wer wen verlassen hat. Dieser Kampf des Ich liegt hinter mir. Eines von zwei Dingen wird als Nächstes passieren: Entweder die Dichtung und ich finden wieder zueinander oder jeder von uns geht allein seinen Weg. Es erschöpft mich, in der Luft zu hängen und zu warten, ohne zu wissen worauf. Wie auch immer, seit einem vollen Jahr ist die Dichtung nun ohne mich unterwegs und es muss eine Entscheidung her. Ich bin ihr nicht hinterhergerannt und habe ihr keinen Druck gemacht. Aber vielleicht leidet ja auch sie unter einer Unentschlossenheit: Mal will sie frei und fern sein und braucht Raum für sich allein, und dann will sie wieder, dass ich an sie denke. Soll ich mich noch einmal um sie bemühen? Was meinst Du, Dima?

Meine Beziehung zur Dichtung ist kompliziert geworden. Zuweilen glaube ich, ich hätte die Welten der Poesie erschöpfend erkundet und könne alles in ihr und mit ihr tun, als sei sie mein Besitz. Ich habe klassische Gedichte geschrieben, moderne, epische, verdichtete, Lyrik in Umgangssprache und in hochkomplexem Duktus, metrisch und in Prosa, Lang- und Kurzgedichte – schlicht, es war, als hätte ich den Code der Poesie geknackt, ihr Geheimnis gelüftet und dadurch meine Begeisterung verloren. Zuweilen aber erscheint es mir auch so, als würde ich mich vom Dichten entfernen, je näher ich ihm komme, als würde es mir zwischen den Fingern zerrinnen wie Wasser, je mehr ich glaube, ich beherrschte es. In solchen Momenten ist mir, als schriebe ich nur Gefasel und hätte noch nie auch nur ein einziges Gedicht verfasst.

Was treibt die Dichtung eigentlich seit über einem Jahr? Fühlt sie, was ich fühle? Erzählt sie irgendjemandem, was ich Dir erzähle? Hat sie ein neues Hobby, so wie ich jetzt in meiner Freizeit gärtnere? Findet sie auch, dass es keine Poesie ohne Dichter*innen geben kann, so wie ich feststelle, dass man ohne zu dichten kein*e Dichter*in sein kann? Oder zieht sie ganz andere Schlüsse als ich?

Schlimm, was für eine Nabelschau dieser Brief geworden ist! Die reinste Egozentrik. Am liebsten würde ich ihn löschen und mich wieder in mein Schneckenhaus zurückziehen. Übrigens, ganze neun Tomaten grünen bereits auf meinem Balkon! Bald können wir einen riesigen arabischen Fattusch-Salat machen.

Vielleicht ist es draußen schon dunkel, wenn Du diesen Brief liest. Wie gut, dass ich Dir einmal eine hübsche Lampe geschenkt habe, vielleicht erinnert sie Dich an mich, wenn sie Licht in Deine Wohnung bringt.

Ramy

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