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Weiter Schreiben ist ein Projekt
von WIR MACHEN DAS
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Weiter Schreiben > Über uns

2017 haben wir Autor*innen aus Kriegs- und Krisengebieten gefragt, was sie sich wünschen. Die Antwort, die wir am häufigsten bekommen haben, lautete: „Weiterschreiben“. Weiter schreiben zu können, heißt aber auch, weiter gelesen zu werden. Denn das Schreiben und das Gelesenwerden gehören zusammen. Man schreibt nicht für sich, man schreibt aus sich heraus. Für Autor*innen ist es elementar, dass der Prozess des Schreibens nicht abbricht. Schreiben ist nicht nur eine Kunst, es ist auch eine Lebensform, eine Art, die Welt wahrzunehmen, sie sich begreiflich zu machen und sich dadurch in Beziehung zu setzen mit ihr. Das gilt für Autor*innen aus Kriegs- und Krisengebieten in besonderem Maße. Für sie ist der Schreibprozess durch die politische Situation nicht nur unterbrochen worden, sondern das Schreiben ist für einige von ihnen sogar lebensgefährlich geworden. Mussten sie ihre Heimat verlassen, bricht zudem oft der eigene Sprachraum weg, dann ist es umso wichtiger, mit Übersetzungen eine Brücke in den neuen Sprachraum hinein zu bauen.

Weiter Schreiben hat für uns aber auch noch eine zweite Bedeutung: Denn es beinhaltet nicht nur das zeitliche Kontinuum, sondern auch eine räumliche Ausdehnung, eine Erweiterung der Perspektive. Allzu oft fehlen die Stimmen von Menschen, die hierher geflohen sind in der öffentlichen Debatte, meist wird über sie gesprochen und nicht mit ihnen. Die Autor*innen, die hier versammelt sind, lassen das nicht zu. Sie ergreifen selbst das Wort und erweitern so die durch den dominanten medialen Diskurs geprägten Vorstellungswelten. Ihre Texte vertiefen den transkulturellen Dialog und durchkreuzen so Stereotype und Lesegewohnheiten. Der Brückenschlag geht also in beide Richtungen, denn auch die meisten Deutschen bedürfen eines Zugangs zu arabischen Lebensräumen und kulturellen Traditionen; die meisten wissen kaum etwas über arabischsprachige Literatur, und darüber, wie der Alltag in Kriegs- und Krisengebieten sich gestaltet, weiß man oft noch viel weniger. Wenn wir mehr wüssten von dem, was andere wissen, und wenn wir dieses Wissen in gemeinsam erzählten Geschichten auch anderen zur Verfügung stellen könnten, dann würde – vielleicht – hier und dort das Wissen die Empathie wecken, und die Empathie das Handeln, das Handeln würde aber das Wissen nicht unnütz werden lassen“, schrieb Saša Stanišić dazu.

Mit Weiter Schreiben sind wir also dem Wunsch der Autor*innen gefolgt und haben dieses literarische Portal eröffnet, das ein Weiterschreiben und ein Weitergelesenwerden ermöglicht. Seit Mai 2017 veröffentlichen wir jeden Monat zwei bis vier Texte in Originalsprache und auf Deutsch. Jeder dieser Texte ist von Künstler*innen aus Kriegs- und Krisengebieten illustriert. Einige dieser Zeichnungen, Collagen und Fotografien sind eigens für die Texte entstanden.

Wir haben es den Autor*innen freigestellt, über welche Themen sie schreiben. Es sind viele Texte über Krieg, Vertreibung und Flucht entstanden, die auf sehr unterschiedliche Arten vom Grauen oder eben gerade nicht vom Grauen erzählen, aber so geschrieben sind, dass es zwischen den Zeilen spürbar wird. Uns sind aber auch andere Texte geschickt worden: eine erotische Liebeserklärung von einer Frau an eine Frau, Porträts von deutschen Dichter*innen, ein Brief an Heinrich Böll, Texte über Gartenherzen, Kühlschränke und Wäscheleinen und über den Rotlichtbezirk in Amsterdam. Unsere Autor*innen kommen aus Syrien, dem Irak, dem Jemen und aus Afghanistan. Wir veröffentlichen auch Roma- und Sinti-Autor*innen, die in Deutschland, Österreich und Ungarn leben, weil Krisengebiete nicht immer woanders sind, sondern für manche Menschen mitten in Europa.

Damit die Autor*innen einen Zugang zum deutschen Literaturbetrieb bekommen, haben wir sie mit renommierten deutschsprachigen Autor*innen zusammengebracht. Uns war die Herausforderung einer solchen Zusammenarbeit bewusst, auch konnten wir vorher nicht wissen, wie genau sich diese einzelnen Tandems gestalten würden. Es gab Sprachbarrieren zu überwinden, manche Tandempartner*innen mussten mit Übersetzer*innen zusammenarbeiten, andere können nur per Skype oder E-Mail miteinander kommunizieren, weil sie nicht zur selben Zeit am selben Ort sein können.

Alle der hier teilnehmenden deutschsprachigen Autor*innen haben überraschenderweise innerhalb von wenigen Tagen ihre Teilnahme an unserem Projekt zugesagt. Auf die Frage nach dem Warum, schrieb Martin Kordić: „Sprachen, Grenzen, Dokumente. Das alles engt ein, bedrängt, schließt aus. In diese Mauern müssen Löcher geklopft werden, durch diese Löcher müssen Geschichten erzählt und Hände gereicht werden.“ Und Monika Rinck schrieb: „Ich halte es für lebenswichtig, Menschen, die zu uns kommen, die Gelegenheit zum eigenen, mithin künstlerischen Ausdruck zu geben. Dazu gehört auch die öffentliche Wahrnehmung. Ein Schritt weg von der dritten Person – also derjenigen, über die man als Abwesende spricht – hin zur zweiten und ersten Person: Dem Du des Angesprochenen und dem Ich, das spricht.“

Die Arbeit in den Tandems nimmt ganz unterschiedliche Formen an: So machen sich beispielsweise Widad Nabi und Annett Gröschner in Berlin auf die Suche nach verlorenen Welten, treffen sich in Bibliotheken und schreiben dann darüber. Noor Kanj und Svenja Leiber freunden sich trotz der Phasen, in der der Kontakt immer wieder abbricht, intensiv an. Tanja Dückers schreibt über ihre Zusammenarbeit mit Galal Alahmadi: „Galal und ich sind uns in der Herangehensweise an Gedichte ähnlich – ob wir uns gegenübersitzen oder uns nur per Mail verständigen: Wir nehmen alles haarklein auseinander.“ Ramy Al-Asheq und Monika Rinck übersetzen sich gegenseitig in stundenlanger Feinarbeit. Nino Haratischwili nominierte Lina Atfah für den Hertha Koenig-Förderpreis und hielt eine Laudatio auf sie, die von der Tiefe ihrer Begegnung erzählt; und Lina Atfah sagt: „Seit ich bei Weiter Schreiben mitmache, habe ich wieder Mut und Lust auf meine Zukunft.“ In einem Briefwechsel hat sich ihr Austausch noch weiter intensiviert. Mariam Meetra und Antje Rávic Strubel meisterten gemeinsam das Schneechaos auf der Leipziger Buchmesse und Sylvia Geist arbeitet mit Mariam gemeinsam an den deutschen Übersetzungen, da Antje viel verreist ist. Rabab Haidar und Ulla Lenze skypten zwischen Berlin und Damaskus. Bei einem der Gespräche zog Rabab eine arabische Übersetzung von Ullas Roman aus dem Regal, die dort schon lange vor ihrer Begegnung gestanden hatte. Seit Rabab mit einem Stipendium nach Deutschland ausreisen konnte, treffen die beiden sich auf Lesungen und in Berlin. Rasha Habbal und Nora Bossong begaben sich gemeinsam auf die Suche nach arabischsprachiger Gegenwartsliteratur in deutschen Übersetzungen. Olga Grjasnowa entdeckt in Samuel Magos Sprache etwas ihr sehr Vertrautes. Michael Krüger öffnet für Ahmad Katlesh die Türen der Bayerischen Akademie der Künste in München. Salma Salem, die unter Pseudonym schreibt und Saša Stanišić sprechen über Salmas Texte zwischen einem geheim gehaltenen Ort in Syrien und Hamburg und lachen trotz allem.

Wie wichtig all diese Begegnungen sind, erklärt Galal Alahmadi: „Dass sich die arabisch- und deutschsprachigen Gegenwartsautoren so kennenlernen dürfen, ändert alles.“ Und tatsächlich ist es diese Mischung aus persönlicher Begegnung, literarischem Austausch und politischer Diskussion, die die Arbeit in den Tandems für beide Seiten so wertvoll macht. Als Olga Grjasnowa anfangs schrieb, „dass Weiter Schreiben tatsächlich Hoffnung geben könnte und womöglich sogar ein wenig Trost spenden“, hatten wir genau das gehofft. Dass es uns gelungen ist, beglückt und regt uns an, weiter zu machen.

Nachdem wir im ersten Jahr des Projekts vor allem Texte übersetzt, illustriert und veröffentlicht haben, die unsere Vorstellungswelten erweitern, den transkulturellen Dialog vertiefen und Stereotype und Lesegewohnheiten durchkreuzen konnten, haben wir im zweiten Jahr zusätzlich auf Qualifizierung gesetzt. Um den Zugang zum deutschen Literaturbetrieb zu professionalisieren, organisierten wir zwei Workshops, in denen Verleger*innen, Lektor*innen, Agent*innen und Autor*innen von ihrer Arbeit und den Chancen und den Fallstricken des Berufs berichteten. Außerdem haben wir zahlreiche zweisprachige Lesungen mit Musik organisiert, die immer bestens besucht waren. Für diese Veranstaltungen konnten wir namhafte Berliner Literaturinstitutionen als Kooperationspartner*innen gewinnen: Das LCB, das Haus für Poesie, das Literaturhaus, das Deutsche Theater und Baynatna – die arabische Bibliothek in Berlin.

Hatten wir uns 2017 gewünscht, dass einige der Autor*innen Stipendien und erste Buchverträge bekommen, so ist es 2019 bereits vielfach Realität geworden: Ramy Al-Asheq, Widad Nabi, Rasha Habbal, Galal Alahmadi, Rabab Haidar und Lina Atfah konnten renommierte Stipendien und Preise gewinnen. Ramy Al-Asheq, Widad Nabi, Lina Atfah und Yamen Hussein ihre ersten Bücher veröffentlichen, der erste Lyrikband von Galal Alhamadi erscheint Ende 2019.

Außerdem haben wir 2018 den The Power of the Arts-Preis der Philip Morris GmbH gewonnen und mit dem Preisgeld unser erstes Print-Magazin herausgeben: Das Weiter Schreiben Magazin ist im Sommer 2019 in einer ersten Nummer mit dem Thema: Häuser – Gärten – Ruinen erschienen und liegt bundesweit in Buchhandlungen, Bibliotheken und bei Festivals aus.

Nun geht das Projekt in Kooperation mit dem Deutschen Literaturfonds weiter.

Wir danken Dr. Ines Kappert für die gemeinsame Konzeption und Gründung des Projekts und allen, die Weiter Schreiben bisher mit uns zusammen gestaltet haben. Wir danken dem Hauptstadtkulturfonds, der Schering Stiftung, dem Gunda-Werner-Institut in der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Goethe Institut für die finanzielle Unterstützung des ersten Jahres, dem Hauptstadtkulturfonds, der Allianz Kulturstiftung und dem Goethe Institut für das zweite Jahr.

Weiter Schreiben ist ein Projekt von WIR MACHEN DAS, einem Bündnis, das 2015 von 100 Frauen gegründet worden ist. Wir sind viele. Wir machen weiter.

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